Paarkrisen: Wenn Beziehung zur Gefahrenzone wird

Der verblüffendste Satz über Paarbeziehungen, den ich seit langem gelesen habe, lautet: „Sie liebt ihn noch, aber sie ist sich nicht sicher, ob sie ihn mag.“ Das ist gleichzeitig total kontraintuitiv und total einleuchtend. Ich glaube, viele Menschen kennen diesen Zustand, ich jedenfalls kenne ihn. Er wirft aber auch ein tiefes Rätsel auf. Wie kann es sein, dass wir jemanden lieben, aber nicht mögen, obwohl die Begriffe „Lieben“ und „Mögen“ normalerweise andersrum sortiert sind?

Der Satz steht in dem Buch „Emotional Safety“ von Don Catherall. (Jetzt auch auf deutsch erhältlich und in Deutschland bekannt gemacht, dank Tom Levold). Catherall löst das Rätsel folgendermaßen auf.  

Die Begriffe „Lieben“ und „Mögen“ verweisen auf zwei verschiedene innere Komplexe. „Lieben“ verweist auf den Komplex von Bindung, „Mögen“ verweist auf den Komplex von Selbstbild und Selbstwert. Das sind zwei ganz verschiedene Dimensionen des inneren Erlebens. Die eine hat mit unserer Beziehungsseite oder Kontaktseite zu tun, wo gewissermaßen zwei Kugeln im sozialen Universum sich berühren. Die andere hat mit unserem Selbstverhältnis zu tun, unserer eigenen inneren Stabilisierungsinstanz.

1  Bindung

Bindung ist etwas Tiefes, Notwendiges und vergleichsweise Schmerzunempfindliches. Bindung hat man zunächst als Kind an seine Eltern, und das auch dann, wenn die Bindung voller Fallen, Frustrationen, Schmerzen ist. Der Schmerz löst die Bindung nicht auf, im Gegenteil, manchmal verstärkt er sie sogar, weil Schmerz Unsicherheit erzeugt und Unsicherheit Bindungsbedürfnis. In späteren Paarbeziehungen bindet man sich wieder, an einen Menschen, den man als zentral relevant für das eigene Leben und Wohlergehen akzeptiert und ganz nah an sich heranlässt. Das Sich-Binden gibt Sicherheit und Halt, im besten Fall Geborgenheit, manchmal vielleicht auch Momente von Bedrängtsein oder Eingeengtsein.

Auch wenn es in der Beziehung zu rumpeln oder schmerzhaft zu werden beginnt, sind wir immer noch an den Partner gebunden, wir haben ihn in unser inneres Koordinatensystem eingebaut und brauchen ihn für unseres seelisches Gleichgewicht. (Oder wenn wir es nicht sind, dann trennen wir uns eben, und die Geschichte ist zu Ende und es gibt keinen weiteren Bedarf an Paararbeit und Paaranalyse.) Die Donnerschläge von Paarkonflikten nehmen der Bindung erst mal nichts, sie setzen sie sogar voraus, da der Andere mich nur deshalb so tief enttäuschen und verletzen kann, weil ich an ihn gebunden bin, ihm vertraue, ihn als relevanten Anderen akzeptiere. Es dauert oft sehr lange, Jahre oder Jahrzehnte, bis eine Bindung durch tausend kleine Momente von Verletzung und Schmerzerleben aufgelöst, abgetragen, erodiert ist, und manchmal wird sie das nie. In der Zwischenzeit kann viel passieren.

2  Selbstwert

Was währenddessen zum Beispiel passiert, sind Verschiebungen in der zweiten Dimension, der Dimension des Selbstwerts. Catherall macht einen eleganten Link zwischen Selbstwert und Sympathie, vielleicht etwas abkürzend, aber klug gedacht. Er sagt: Uns sind normalerweise diejenigen Menschen sympathisch, die uns die Chance geben, uns in einer Weise zu zeigen, dass wir uns selbst mögen, dass wir in unserem Selbstwert bestätigt und bestärkt werden. Wenn die Art, wie jemand ist, dazu führt, dass ich mich selbst als kompetenter, witziger, charmanter … Mensch erleben kann, dann ist er mir sympathisch. Es geht mir gut mit ihm, und es geht mir gut mit mir selbst. Das ist vielleicht ein etwas ichbezogenes, „egozentrisches“ Verständnis von Sympathie, aber ich glaube, nicht falsch: Sympathie ist auch ein Spiegel, der mir meine eigenen Qualitäten zurückwirft, nicht nur ein Wahrnehmen von Qualitäten des Anderen. Der, mit dem ich mich gut fühlen kann, mit dem ich mich selbst mögen kann, der ist mir sympathisch.

In Paaren ist das am Anfang normalerweise in hohem Maß der Fall, sonst würde keine Paarbeziehung zustandekommen. Die Partner sind einander sympathisch, sie schwingen gut miteinander, sie lassen einander in ihren besonderen Qualitäten leuchten und bestärken einander wechselseitig in ihrem Selbstwert. Das ergibt die wunderbare Positivspirale des Verliebtseins: Ich finde mich toll, weil der Andere mich toll findet; ich kann strahlen, weil der Andere mich strahlen lässt: ich kann warm, tolerant, akzeptierend mit mir sein, weil der Andere warm, tolerant, akzeptierend mit mir ist.

Das ändert sich aber eben mit der Zeit. Mit der Zeit findet der Partner viele Dinge, die er an mir auszusetzen hat: Er wird kritisch, er kommentiert spitz, er schaut finster, er zieht die Augenbrauen hoch, und das nagt an meinem Selbstwert. Das zersetzt dann meine Sympathie für ihn. Ich fühle mich bei ihm nicht mehr wertvoll, witzig, kompetent, liebenswert usw., sondern langweilig, unfähig, unzureichend, unansehnlich, unwürdig, unwert. Ich verhärte mich, ich panzere mich gegen solche gefühlten Selbstwertangriffe, und ich entwickle vermutlich auch ein negatives Bild von ihm – ich werde auch kritisch, kommentiere spitz, schaue finster, ziehe die Augenbrauen hoch.

1-2  Bindung minus Selbstwert

Dann ist die Sympathie zerstört oder bedroht, aber die Bindung ist noch da. Das ist das Stadium des „Ich mag ihn nicht, aber ich liebe ihn noch“. Hier kreuzen sich zwei psychische Kräfte, die ganz verschiedene Entwicklungsverläufe haben – die Sympathie geht mit der Zeit eher runter, die Bindung geht erst mal rauf und auch später nur sehr langsam runter –, und man hängt in dem schmerzhaften Zwischenbereich, in der Lücke dazwischen, in einer Art Fegefeuer des Beziehungsgeschehens fest.

Im schlimmsten Fall kommt es zu einer symmetrischen Eskalation von beiderseitigem Rückzug. Paartherapeuten kennen klassisch die Dynamik von Bedrängung und Flucht, oder Nähesuche und Rückzug: Der eine Partner klagt mehr Gemeinsamkeit und Kontakt ein („Nie machen wir was zusammen!“, „Rede doch mit mir!“), der andere fühlt sich bedrängt und zieht sich zurück, und je mehr der eine auf Nähe drängt, desto mehr zieht sich der andere zurück, und umgekehrt. Es kann aber auch Dynamiken mit doppeltem Rückzug geben: Jeder zieht sich immer weiter zurück, schützt sich vor gefühlten Bedrohungen und Selbstwertangriffen durch Einigelung, keiner sucht mehr Nähe, keiner öffnet sich. Die Bindung kann trotzdem noch da sein. Dann sind zwei aneinander gebunden, die keinen Weg zueinander finden.

Diesen Zustand beschreibt Catherall so: „Das ist die große Ironie: Zwei Menschen kommen zusammen, weil sie sich miteinander gut fühlen und sich einander öffnen können, und mit der Zeit kommen sie dazu, sich voreinander zu verstecken. Am Schluss sind sie distanziert und misstrauisch, und die Berührungszone zwischen ihnen ist eine Gefahrenzone, ein Ort, wo das Risiko des Verletztwerdens schwerer wiegt als die Chance auf Sich-gut-Fühlen.“ (Catherall, Emotional Safety, S. 9, meine Übersetzung)

Es wäre schön, wenn ich an dieser Stelle eine Anleitung oder wenigstens eine Aufmunterung hätte zur Frage: Wie kommt man da raus? Ich habe leider keine. Es gibt dafür kein Patentrezept, Catherall hat auch keines. Es braucht eben lange und geduldige Arbeit, die manchmal Erfolg hat und manchmal nicht.

Statt dessen hier eine Würdigung der Tragik. – Beziehung heißt immer auch Krise. Das ist eine der „Errungenschaften“ der Moderne, der modernen Paarbeziehung. In früheren Zeiten war Ehe mehr ein pragmatisches Arrangement, mit vielen äußerlichen und nur begrenzten innerlichen Seiten, und sie hatte deshalb auch nicht die Tiefe unserer Krisen, in den meisten Fällen. Alltägliches Muffeln und Meckern war sicher inbegriffen, aber normalerweise nicht die Tiefe, Schärfe, seelische Erdbebenstärke unserer heutigen Paarkrisen. Man kann sich heute kaum eine Beziehung vorstellen, die jahrzehntelang hält, ohne wenigstens einmal durch eine massive Krise zu gehen.

Es gibt kein Licht ohne Schatten. Es kann einem im Leben nur so gut gehen, wie es einem auch schlecht gehen kann, und es kann eine Beziehung nur so viel Glückspotential haben, wie sie auch Katastrophenpotential hat. Und eine gleichmäßige Verlaufskurve wurde uns mit der romantischen Liebe nicht versprochen.

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6 Kommentare zu „Paarkrisen: Wenn Beziehung zur Gefahrenzone wird

  1. Mit ein bisschen Abstand ist mir aufgefallen, dass das Wort „Liebe“ von Catherall synonym für „brauchen“ verwendet wird. Sinngemäß: „Sie braucht ihn noch (für ihre soziale Bindung/Absicherung), aber sie mag ihn nicht mehr.“
    Ist diese Verwendung des Wortes „Liebe“ die einzige bei Catherall, oder gibt es noch weitere Bedeutungen?
    Oder allgemein: Wie definierst Du „Liebe“? (Eine allgemeine Definition kann man im Internet nachlesen. Das ist mir allerdings zu schwammig bzw. zu „vieldeutig“.)

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  2. Hm, das ist mal eine grundlegende Frage. Ich weiß nicht, ob ich der gerecht werden kann. Ich finde aber Catheralls Gleichsetzung, oder Quasi-Gleichsetzung, mit Bindung erst mal gar nicht verkehrt. Ich würde sagen: Grundlegend ist Liebe Bindung, die un-ambivalent genug ist, um insgesamt positiv erlebt zu werden. (Es gibt ja auch Bindungen, die mehr schmerzhaft, leiderfüllt, hasserfüllt sind, aber trotzdem Bindungen sind.)

    Soweit es um Liebe zwischen Partnern geht (nicht: zwischen Eltern und Kindern usw.), wird das dann in der Moderne aufgeladen mit Vorstellungen von Romantik, romantischem Sich-Verlieben, Füreinander-Bestimmtsein, emotionaler Heftigkeit und Verzücktheit usw. Diese Zusatzelemente sind dann auch da, aber nur phasenweise. Was bleibt, ist Bindung, Vertrauen, Einsetzen des Anderen an der Stelle des signifikante(ste)n Anderen im eigenen Leben, Akzeptieren von Spiegelungs- und Hochsteigerungsspiralen zwischen dem Anderen und mir selbst.

    Macht das Sinn? Was denkst du ?

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