Mein Kind – Das fremde Wesen

Das Schöne an Kindern ist, dass alles nur eine Phase ist und dass man mit ihnen durch alle Extreme geht. Kinder haben einen eingebauten biologischen Motor der Veränderung, der bei uns Erwachsenen fehlt oder stark verlangsamt ist, deshalb können wir uns an den Kindern Anregung, Abwechslung, seelische Reibung holen. Das hat natürlich viele Aspekte, aber ich schreibe hier über den Aspekt der Nähe oder Distanziertheit der Beziehung, physikalisch ausgedrückt: der Aggregatzustände der Beziehung, die von „kristallin aneinandergeklumpt“ bis „gasförmig auseinanderstrebend“ reichen können.  

Am Anfang gibt es eine Phase des engen, fast untrennbaren Aneinandergekoppeltseins. Sie ist meist eher eine Sache der Mütter, ist aber dank Babymilch, Elternzeit und anderen zivilisatorischen Errungenschaften inzwischen auch Vätern zugänglich. Bei meinem dritten Kind hat sie der Vater gemacht, zu unser aller Vergnügen.

Aus der Babyphase bleibt eine Weile eine starke Identifikation, die bewirkt, dass wir, was immer passiert, immer schon in der Haut des Kindes stecken. Es kann dann vorkommen, dass, wenn das Kind ein langsam wieder verheilendes aufgeschlagenes Knie hat und ich diese Stelle versehentlich berühre, es mir einen Schauer von alarmierten Nervenenden durch den Körper jagt, ob es die Nerven des Kindes sind, die bloßliegen.

Dasselbe gilt aber auch auf intellektuellen Ebenen, und in der Grundschule können sich dann Dinge wie die folgenden zutragen (mir aus zuverlässiger Quelle berichtet): Der Lehrer gibt eine Probe raus. Ein Schüler bekommt sein Blatt mit der Note 1 ausgehändigt und sagt: „Da wird sich meine Mama aber freuen!“ Der Lehrer fragt, ob er selbst sich denn freue, aber dazu kann das Kind nichts sagen.

(Klassisch dazu der Witz: Ein Pullover ist ein Kleidungsstück, das das Kind anziehen muss, wenn die Mutter friert.)

Irgendwann schleift sich das aber ab, und das Familienleben geht vom Kuschelzustand allmählich in den Rumpelzustand über, in eine Phase der stärkeren Abgrenzung und der stachliger werdenden Oberflächen. Das Kind mutet uns seine Macken ungedämpft zu, kann aber letztlich doch noch sehr wenig von den eigenen Lebensvollzügen selbst managen, rückt uns also ständig auf die Pelle und will was von uns. Die natürliche Reaktion der Eltern ist ein vorsichtiger Einbau von inneren Stoßdämpfern, die die alte Einheit und Allverbundenheit auflösen und den Aufeinanderprall der unvereinbaren Weltzentren abdämpfen. Diese Phase wird von Norbert Bischof unübertrefflich so beschrieben: „Erste Schatten fallen angesichts wachsender Unbändigkeit und Impertinenz auf die bislang vielleicht noch ungetrübte Elternidylle, erste Zweifel melden sich, ob man für den Charakter, dessen Umrisse sich abzuzeichnen beginnen, uneingeschränkt das Copyright übernehmen will.“ (Norbert Bischof, Das Kraftfeld der Mythen, S. 492)

Nein, das will man nicht. Vielmehr ist die Möglichkeit zu sagen „Mein Kind hat da ne Macke“ eine der hilfreichsten und entlastendsten Elternübungen, und die Macke ist ja meist auch nur eine temporäre, vorübergehende Macke. Man betrachte etwa folgenden Dialog zwischen Müttern: „Was treiben deine Kinder?“ – „Ach, meine Große ist pubertär-unansprechbar und bewegt sich sowieso auf anderen Galaxien. Und mein Kleiner steht auf alles, was ich für Entartungen der amerikanischen Massenmedienkultur halte, aber, naja, ihm gefällt’s.“  

Die Distanzierung ist im Übrigen zweiseitig, das Kind macht sie vor. Laut Bischof haben viele Kinder eine Phase, in der sie die Phantasie haben, ein Adoptiv- oder Findlingskind zu sein. Das dient der inneren Distanzierung von den Eltern, dem Finden der Haltung: „Ich bin nicht nur die, ich bin was Eigenes, ich habe eigene zu entdeckende Potentiale in mir, die nur mir gehören.“ Es ist dann nur recht und billig, dass wir als Eltern uns auch manchmal fragen, was für ein Alien sich uns da ins Nest gesetzt hat – wer dieses Wesen ist, das da Tag für Tag in organisch-trägem Ursuppenzustand in seinem Zimmer hockt, oder das Wesen, das sich Morgen für Morgen mit Makeup zupinselt und überhaupt in jeder Hinsicht das perfekte Mädchen ist, als hätte es nie eine Emanzipationsbewegung gegeben.

Dann braucht es eine „Ethik des Anderen“, wo man über vieles, was der Andere tut, seufzt, die Nase rümpft oder die Augen verdreht – aber dabei doch immer verbunden bleibt und weiß, dass man bei aller punktuellen Unvereinbarkeit am richtigen Platz ist. Das ist im Übrigen die Mischung, die dem Kind in diesem Alter die optimale Nestwärme vermittelt. Sie passt zu seiner Haltung, die ja auch immer das mitleidige Stöhnen über diese hoffnungslos abgehängten Elternfiguren nicht weit hat. Es gibt für mich nichts Schöneres, als wenn mein Sohn mir Mittelfinger aufs Handy schickt. Dann weiß ich, dass er mich liebt.

Und außerdem gibt es ja angeblich irgendwann die Möglichkeit, dass das in ein herzliches, aber entspanntes Verhältnis zwischen alten Eltern und erwachsenen Kindern übergeht. Aber das ist wohl das ganz große Hoffen, und wer dazu was zu sagen hat, möge es mir bitte weitersagen.

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2 Kommentare zu „Mein Kind – Das fremde Wesen

  1. Dem schließe ich mich an. Der richtige Artikel zur richtigen Zeit. Danke, Frau Kuchler! Wir hoffen auch auf ein harmonischeres Irgendwann mit unseren zwei Töchtern, mitten in bzw. am Anfang der Pubertät. Was noch fehlt im Artikel: das gespannte Verhältnis der in den unterschiedlichen Phasen befindlichen Geschwister untereinander. Bei uns ist es oft deren Gestreite, das uns mehr belastet als die Abgrenzung von uns.

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