Glanz und Gabe

Wir leben in einer Welt voller ideensprühender Startup-Gründer, brillanter junger Wissenschaftler, vielgefragter Consultants, kreativer Künstler, aufstrebender junger Youtuber, und mehr solcher Gestalten. Alle sind toll, machen tolle Dinge und sind tolle Hechte, und sie lassen die Welt wissen, dass sie tolle Dinge machen und tolle Hechte sind. Es gibt mehr Plattformen, Bilder, Posts, Erfolgsgeschichten, als man aufnehmen kann, und vermutlich noch mehr Sehnsucht danach in den Köpfen derer, die noch nicht ideensprühend, brillant, vielgefragt genug sind.

Hier ein kleines Gegengift dazu. Es tut meiner Seele wohl, und vielleicht tut es ja auch anderen Seelen gut. Ich habe bei einem Systemiker (Matthias Varga de Kibéd) eine Lehrrede von einem islamischen Mystiker (Abdel-Qadir al-Gilani) gelesen. Sie besagt, „dass wir eine Handlung oder Haltung, die sich in uns manifestiert und die gut ist, als ein Geschenk sehen müssen und daher nicht als eine eigene Leistung sehen dürfen.“ Und ebenso umgekehrt: „Wenn du einen Fehler begangen hast, dann bedenke, dass Du der rechten Handlung vielleicht noch nicht würdig warst, und bitte darum, ihrer in Zukunft als würdig erachtet zu werden.“

In diesen Worten steckt eine tiefe Bescheidenheit und fast Demut, die mich anspricht und berührt und eine Saite in mir trifft. Ich glaube, es würde der Welt ganz gut tun, wenn wir ab und zu einen Schuss davon in unser Leben integrieren würden.

Man denke an den Ausspruch von Newton, der gesagt hat: Ein Wissenschaftler, der eine wichtige Entdeckung macht, kann dies nur, weil er „auf den Schultern von Riesen steht“. Ich habe einmal zu meiner Tochter gesagt, die darüber nachdenkt, Philosophie zu studieren und schwierige intellektuelle Probleme zu finden, die sie lösen kann: „Es ist sowieso die Menschheit, die in dir denkt. Nicht du.“ Du bist Teil der Geistesgeschichte der Menschheit. Du hast das Privileg, für eine Millisekunde davon die Hardware (das Gehirn) zur Verfügung zu stellen, um diese Geistesgeschichte weiterzutreiben. Aber es sind die Geistesprobleme der Menschheit, die du im Hirn hast, nicht deine.

Das ist die erste Hälfte der Story. Jetzt kommt die zweite.

Ich habe das (die erste Hälfte) auf LinkedIn gepostet, wo es besonders nötig ist, als Gegengift gegen den dort dominierenden Ton des ICH BIN SO TOLL. LinkedIn ist eine Plattform für Selbstvermarktung, das ist ihr Zweck, deshalb darf man ihr das nicht übelnehmen, aber es ist trotzdem manchmal penetrant. Mein Post wurde ziemlich oft aufgerufen, und ich habe an dem Tag ungefähr hundertmal LinkedIn gecheckt, um zu sehen, was für einen tollen Post ich geschrieben habe und was für ein toller Hecht ich bin. Ist das nicht wunderbar paradox.

Nun ist es so: Ich fühle beides wirklich ehrlich. Ehrliche Bescheidenheit und tiefe Verbundenheit mit den Kontexten, in denen ich denke, und tiefe Loyalität zu den Leuten, von denen ich gelernt habe. Und gleichzeitig ehrlichen Stolz auf das, was ich kann und was mir gelingt.

Ich glaube: Die meisten Menschen fühlen beides, nur in unterschiedlicher Mischung. Und wahrscheinlich liegt da das Ideal: eine gute Mischung zu finden aus Bescheidenheit und Selbstbewusstsein, Sich-in-die-Welt-Einfügen und Sich-der-Welt-Präsentieren. Wir müssen ja auch in gewissem Maß uns präsentieren, um zu bestehen, jedenfalls in vielen Berufen und vielen Kontexten. Die moderne Gesellschaft lässt es nicht anders zu. Wir sind sogar mit der Seite, mit der wir uns selbst präsentieren, Teil eines größeren Ganzen, das uns das abverlangt und nahelegt.

Nun ist es so: Ich habe es leicht mit der Bescheidenheitsseite, weil ich in einem Kontext aufgewachsen bin, wo es viel Bescheidenheit und keinen Performer gab. Hier kommt der Familienaspekt der Sache ins Spiel. Eins der schönen Dinge, die ich aus meiner Herkunftsfamilie mitgenommen habe, ist ein Gedicht, das auf dem Begräbnis meiner Mutter vorgetragen wurde und das mir inzwischen öfter mal in den Sinn kommt. Ich weiß nur zwei Zeilen, aber die sind so schön, dass ich sie teilen will:

„Setz leicht den Fuß, begehre kein Verweilen. | Am Rand der Straße schneide dir den Stab.“

„Dir zugeteilt, gemeinsam Gut mit allen, | Brot, Früchte, Wasser, sollst du nicht verschmähn. | Den bunten Raub, mit dem sie sich gefallen, | lass hinter dir. Er hindert dich am Gehn.“

Am Rand der Straße schneide dir den Stab – das war wohl das Lebensmotto meiner Mutter, und ich habe manchmal den Eindruck: Viel von dem, was ich tue, ist ein Reim darauf. Ich tue mich leicht mit dieser Seite, und dafür tue ich mich manchmal schwer mit der Performen-Seite. (Das mag unglaubwürdig klingen, wo ich Dinge über mich im Internet verbreite, aber man täusche sich nicht, da ist kein Publikum anwesend. Das Internet schützt auch.) Es fällt mir zum Beispiel wahnsinnig schwer, wissenschaftliche Thesen, an denen ich arbeite, angemessen zu publizieren und zu promoten, weil ich mich niemandem aufdrängen will – obwohl das eigentlich Teil des Jobs ist, zur Jobbeschreibung gehört und von jedem Wissenschaftler so gemacht wird.

Wer in einem Kontext aufgewachsen ist, wo Leistung und Performen eine größere Rolle spielen, der wird sich vermutlich andersherum schwer tun. Er wird sich ab und zu daran erinnern müssen, dass ihm nicht die Welt gehört, sondern dass er der Welt gehört und dass es immer eine Doppelseitigkeit von Glanz und Gabe gibt. Wir sind, was wir sind, nur, weil wir von der Welt ganz viel bekommen haben. Der Glanz, der in uns leuchtet, ist der Glanz der Sterne des Universums, der Glanz der Lagerfeuer und Lampions von Jahrtausenden, und wenn wir diesen Glanz weitertragen, dann weil wir uns seiner als würdig erweisen und unser Fünkchen wohlgeleitet einsetzen.

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3 Kommentare zu „Glanz und Gabe

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