Ich, Gott und die Ungerechtigkeit der Welt

„Warum hat Gott mir so viel Geld gegeben?“ Ich glaube nicht an Gott, aber ich habe mehr Geld, als ich brauche. Deshalb bin ich jetzt Teil eines Nord-Süd-Einkommensausgleichs geworden. Es zieht Geld von meinem Konto ab, aber es fühlt sich richtig an.

Und das kam so. Ich habe vor ein paar Jahren einen Flüchtling aus Westafrika betreut – nennen wir ihn Moussa – und längere Zeit auch ernsthaft subventioniert. („ernsthaft“ heißt, im fünfstelligen Bereich, über die Jahre.) Das war notwendig, weil anders der bayerischen Ausländerbürokratie keine Bleibeperspektive für ihn abzuluchsen war. Es mussten dafür alle verfügbaren Schlupflöcher wie Wohnortwechsel in SPD-regierte Stadt, Ausbildungsaufnahme, Schulbesuch usw. genutzt werden, und das wiederum ging nicht ohne Beschaffung eines Zimmers, Mietzahlung und Lebensunterhalt für längere Zeit.

Inzwischen arbeitet Moussa als Maler, und es hat sich herausgestellt, dass er mit seinem nicht gerade üppigen Gehalt auch noch die Familie seiner Schwester in Mali mit durchfüttert. Die Familie hat drei Kinder, der Familienvater hat seit dem letzten Putsch keine Arbeit und kein Einkommen. Moussa schickt ihnen jeden Monat 150 Euro, damit sie leben können. 

Ich habe dann einen Dauerauftrag über 150 Euro eingerichtet, spontan, am selben Abend. Wenn ich länger gewartet hätte, hätte ich zu viele gute Gründe dagegen gefunden. Etwa: Ich brauche das Geld für meine Kinder. Ich brauche das Geld für den Fall, dass mal irgendwas ist. Ich brauche das Geld für wenn ich arbeitslos werde und nicht meinem Freund zur Last fallen will. Statt dessen habe ich einfach den Dauerauftrag eingerichtet und habe Moussa getextet: „Warum hat Gott mir so viel Geld gegeben? Ich brauche es nicht.“

Oder, ein anderer guter Grund wäre gewesen: Warum soll ich gerade dieser Familie helfen? Obwohl es Millionen oder Milliarden andere Familien gibt, denen es genauso geht? Ich könnte doch auch über organisierte Spendenkanäle Geld irgendwohin schicken und damit genauso viel Gutes anrichten. Aber das tue ich irgendwie nicht, oder jedenfalls nicht in relevanten Größenordnungen. Das ist Deko auf meinem Konto, kein Posten.

Jetzt ist es ein Posten. Es fühlt sich richtig an. Es ist natürlich immer noch kein Vermögen, gemessen an dem, was ich habe und monatlich verdiene. Aber andererseits, ich könnte doppelt so viel Geld haben, wie ich habe, wenn ich Moussa nicht getroffen und das alles nicht gemacht hätte. Und es fühlt sich immer noch richtig an.

Ich habe mal einen Artikel über eine Frau aus Kirgistan gelesen, die die kirgisische Mentalität in Sachen Geld so beschreiben hat: „Geld kommt und Geld geht. Mal hat man welches, mal hat man keins. Aber das Leben geht immer weiter.“ Ich bin sehr dankbar, dass das Leben mir diese Mentalität mitgegeben hat. Ich weiß auch, wie kommt. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, wo Geld immer genug vorhanden war und nie ein Objekt des Begehrens war und wo meine Eltern jedes Jahr zu Silvester „alles Geld, das in diesem Jahr übrig geblieben ist“ (O-Ton), an sorgfältig ausgewählte Organisationen gespendet haben. Es ist dieser Hintergrund, der dazu führt, dass ich solche Sachen mache. Es gilt der Satz aus dem letzten Blog, „dass wir eine Handlung oder Haltung, die sich in uns manifestiert und die gut ist, als ein Geschenk sehen müssen und nicht als eine eigene Leistung sehen dürfen“. 

Transferzahlungen von Nord nach Süd sind die wirksamste Entwicklungshilfe, die es gibt. Das weiß man. Von den staatlichen Entwicklungshilfe-Milliarden geht zu viel über irgendwelche Rückflusskanäle – Aufträge an westliche Unternehmen – wieder zurück zu uns, und auch sonst zu viel in Projekte mit fraglichem Nutzen. Das von im Norden arbeitenden Familienmitgliedern in den Süden geschickte Geld ist das, das garantiert dort ankommt, wo es gebraucht wird, das viele Mini-Existenzgründungen oder mindestens Überlebenssicherung und Notlinderung ermöglicht.

Jetzt bin ich Teil dieser Familiennetzwerke, und es fühlt sich richtig an. Es wäre übertrieben zu sagen, dass es sich gut anfühlt, dafür ist zu viel Tragik und Leid und Not im Spiel, aber es fühlt sich richtig an.

Als ich 16 war, habe ich mir geschworen, dass ich die Ungerechtigkeit auf der Erde nie akzeptieren werde und mein Leben lang dagegen ankämpfen werde. Damals wollte ich das mit der Kalashnikow machen. Ich bin älter und klüger geworden, aber ich habe dabei nicht nur das mit der Kalashnikow gelassen, sondern die Sache insgesamt. Ich bin politisch nachgedunkelt und privat mit anderen Dingen beschäftigt gewesen, und jetzt lebe ich ein ganz normales Kleinfamilienleben und habe keine Zeit und keine politische Kapazität mehr übrig, um mich um die Ungerechtigkeit in der Welt zu kümmern.

Aber mein zwischenmenschlicher Impuls ist noch übrig. Ich sehe: Diese Familie hat genug gelitten. Es waren einmal sieben Geschwister, von Eltern, die beide nicht mehr leben. Von den sieben sind zwei übrig geblieben. Vier sind als Kinder gestorben. Einer ist auf der Überfahrt übers Mittelmeer gestorben. Moussa und seine Schwester sind noch da, einer in Deutschland, eine in Mali. Ich bin Familientherapeutin, ich kann ermessen, was das mit einer Familie macht. Ich will nicht, dass noch jemand in dieser Familie stirbt, oder leidet.

Das ist alles. So einfach ist es. Und ist es nicht der Kern des Menschseins, dass wir als Individuum zählen und dass sich jemand für uns als Individuum interessiert, auch wenn Millionen daneben verrecken. Rational ist das nicht. Emotional durchführbar ist es schon.

3 Kommentare zu „Ich, Gott und die Ungerechtigkeit der Welt

  1. Ich kann Dich gut nachvollziehen.
    Ob ich genauso machen würde? Ich weiß es nicht. Momentan stellt sich die Frage für mich nicht. Aber ich denke schon. Ähnliches habe ich in viel kleineren Rahmen schon mehrfach gemacht.
    Aber auf jeden Fall finde ich Deinen Einsatz gut.
    👍🍀🙏

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  2. Danke. Inspirierend. Ja, das individuelle Tun ist gesünder und hilfreicher als das kollektive Nicht-Tun oder das individuelle schlau daher reden. Herzlichst Jan

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