Das Geheimnis der Erotik

Was ist Erotik? Um es mal so direkt hinzuschreiben, auch wenn das hier eigentlich unangebracht ist: Erotik ist, wenn etwas versprochen oder angedeutet wird, das sich (noch?) nicht erfüllt.

Warum ist zum Beispiel ein Minirock erotisch? Weil er die Blicke auf Zonen lenkt, die erogen besetzt sind – Schenkel, Pobacken und so weiter –, aber den Anblick nicht freigibt. Das zieht und hält den Blick viel mehr, als ein voll freigegebener Anblick à la FKK es täte. Deshalb ist Pornographie das Gegenteil von Erotik. Bei Pornographie ist alles offen, sichtbar und unübersehbar. Deshalb ist sie unerotisch. Erotik erfordert Raffinesse, Zurückhalten, Spannung, ein gewisses Map an Frustration oder (Noch)-Nicht-zum-Ziel-Kommen.

Das – dass Pornographie das Gegenteil von Erotik ist – hat mir vor Jahren jemand beigebracht, der eher nicht mein Liebhaber war, sondern mein akademischer Lehrer. Er hat mir auch beigebracht, dass es Erotik auch in anderen Sphären als Körperlichkeit gibt. Es gibt zum Beispiel Theorie-Erotik. Das ist nur etwas für einen speziellen Typ Mensch (s. Blog von letzter Woche). Aber für Menschen, die es mögen, sind etwa Luhmann oder Adorno erste Adressen für Theorie-Erotik – also alle schwierigen und wohlgeformten Theorien, die man nicht sofort versteht. Dann hat man in den Texten eine Ahnung, um was es geht, aber man kann sich ihnen nur langsam annähern, muss ihre Weisheiten langsam enthüllen, und sie werden einem nicht auf dem Servierbrett serviert wie die kursiv gedruckten Thesen in wissenschaftlichen Artikeln. Sie scheinen erst auf im Durchdringen (Penetrieren?) des Begriffsgefüges oder im Vereinigen von mehreren Gedankenelementen, und das gipfelt in einem langsamen, glücklichen Begreifen. Übrigens: Das Wort „Begreifen“ hat denselben Wortstamm wie „Greifen“, also Fassen, Berühren, Anfassen.

Aber kehren wir zurück zu relevanteren Tätigkeitsfeldern. Erotik kann es zum Beispiel auf Datingplattformen geben, nämlich dann, wenn jemand klug genug ist, die dort gestellten Fragen so zu beantworten, dass eine Auskunft angedeutet, aber nicht voll ausgeführt wird. Das macht neugierig und führt dazu, dass der Leser mehr wissen will. Beispielsweise könnte man die Frage „Was macht dich glücklich?“ beantworten mit: „Ich weiß, was mich glücklich macht, aber ich verrate es nicht.“ Oder: „Mich macht glücklich: Isarfeste, Cappucino in meiner Lieblingsbar und das, was auf meinem Balkon steht. / was unter meinem Bett steht. / …“ Das lädt im Medium der Schriftlichkeit zu einem Verhüllung-Erforschung-Spiel ein, das eventuell zur Fortsetzung in anderen Medien anreizt.

(Übrigens, These am Rande: Ich glaube, Datingplattformen müssten die Art von Humor abfragen, die jemand mag, um gute Matches zwischen Menschen herzustellen. Sie müssten hundert Witze oder Cartoons präsentieren, die man mit „Witzig“ oder „Nicht witzig“ bewerten kann. Das Ergebnis dieses Tests würde die Passung zwischen Menschen viel besser vorhersagen als die üblichen Multiple-Choice-Fragen zu Charakter, Vorlieben und Lebensstil. Das wäre gleichzeitig eine Art Charaktertest-Erotik: Das, worum es eigentlich geht – Wer bist du und mit welcher Art Mensch möchtest du zusammenkommen? –, wird nicht direkt abgefragt, sondern versteckt und hintergründig abgetastet.)

Aber nähern wir uns dem heißen Kern. Hier geht es ja doch irgendwie um Sex (s. dazu auch meinen früheren Blog). Wie kann man Sex selbst mit Erotik anreichern? – außerhalb von Freifahrt-Phasen wie Kennenlernphasen, wo sich das von selbst ergibt.

In den Vorbereitungsphasen hilft die richtige Verpackung des Körpers, also Kleidungsstücke, die interessante Körperformen abzeichnen und geschickt den Blick führen, etwa mit weich fallenden Stoffen Pobacken erahnen lassen oder in wohlgewählten Ausschnitten ein Stück nackte Haut zeigen. Und es ist ein Jammer, dass es solche Kleidungsstücke so selten für Männer gibt. (Hetero)Frauen bekommen einfach weniger visuelle Appetitanreger serviert als ihre männlichen Counterparts. Das hängt mit dem Grundsatzproblem zusammen, dass Gutaussehen und Körperpräsentieren in unserer Kultur, oder vielen Kulturen?, schwerpunktmäßig den Frauen zugewiesen wird. (Siehe dazu meine Grundsatztexte #OhneMich und Ungeschminkte Wahrheiten, auch hier erhältlich.)

Es kann auch erotisierend sein, mit dem Partner Tanzen zu gehen oder Klettern zu gehen oder sonstwohin zu gehen, wo man den Körper des Anderen sich bewegen sieht, aber nicht an ihn ran kann, wegen der Öffentlichkeit der Situation. Das kann eine Spannung aufbauen, einen Wunsch nach Körperkontakt, der dann hinterher im privaten Raum sich austoben kann.  

Eventuell kann man auch im sexuellen Geschehen selbst andeuten, dass es da noch Dinge gibt – Praktiken, Phantasien, Hilfsmittel –, die man mag, aber noch nicht in den gemeinsamen Sex eingebracht hat. Statt sich ihrer zu schämen, oder im Stil der Bravo-Aufklärung oder der Paartherapie zu sagen „Ich muss dir da noch was sagen …“, könnte man versteckte, wohldosierte Fähren legen, Hinweise streuen, um die Neugier des Partners anzustacheln und im besten Fall zu gemeinsamen Erkundungen Anlass zu geben.

Soweit meine Liste von Tipps. Wenn ich das mal alles kann, was hier steht, werde ich meine Sonntage nicht mehr mit dem Schreiben von Erotik-Blogs zubringen, sondern mit anderen Dingen. Welchen, das verrate ich nicht.

 

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2 Kommentare zu „Das Geheimnis der Erotik

  1. Na, Adorno oder Focault taugen eher als Latzhose – und die ist auch nur bei wenigen – mit nix drunter – ein wenig erotisch…

    Unter meinem Bett hab ich andere Lektüre 😇

    Und Sonntage…

    Gefällt mir

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