Drei (tiefe) Zutaten zu gutem Sex

Was braucht es zu gutem Sex? Hier sind drei Ideen, die das Geheimnis mehr in der Tiefe suchen als in oberflächlichen Accessoires.

1  Annehmen der animalischen Natur des Menschen

Dem Menschen fällt es seinem hehren Selbstverständnis nach nicht leicht, sich mit seinem eigenen Seufzen und Stöhnen, Räkeln und Rubbeln zu identifizieren. Das passt nicht gut zu der sonst propagierten Menschennatur, die auf Vernunft, Denken und wohlkontrollierte Selbstdarstellung setzt. Animalische Regungen, wie gieriges Schlingen und Schmatzen beim Essen oder allzu brutale Aggressionsausbrüche gegen Rivalen, werden uns deshalb schon in frühem Alter abgewöhnt. Beim Sex besteht die Kunst aber darin, das reine tierische Wohlbehagen, das Versinken in organischen Genuss und körperliche Berührung liebevoll und wohlwollend zu akzeptieren, es sich und dem Anderen zu erlauben, und dem Andere zu erlauben, einen dabei zu sehen.

Das ist der Grund dafür, warum die meisten Menschen den besten Sex nicht mit 20, sondern mit 30 oder 40 oder 50 haben – weil das eine gewisse Reife und Selbstsicherheit und Erfahrung mit dem Menschsein erfordert. Früher hätte man gesagt: Das ist dialektisch, dass wir die volle Erfüllung des Menschseins erst in der Re-Integration der animalischen Anteile des Menschen finden. Es ist wie mit den Engeln bei Kant: (Ja, Kant kannte Engel als Theoriefigur, nicht als Putte:) „Engel“ ist zwar die ethisch und vernunftmäßig überlegene Existenzform, aber auch die langweiligere Existenzform, weil die Vernunft bei körper- und trieblosen Wesen in keiner Spannung zu irgendetwas anderem steht. Wenn man es weniger hochtrabend ausdrückt, geht es einfach darum, sich das Versinken-und-wieder-Auftauchen zu erlauben, es zu hegen und zu pflegen und sich daran zu erfreuen.

2  Wissen, was man will  

Sex gelingt am besten, wenn man weiß, was man will, und vielleicht sogar: wenn man weiß, wer man ist. Das ist eine hohe Anforderung – wer weiß schon wirklich, wer er ist? Andererseits kann man deshalb beim Sex vielleicht sogar Dinge lernen oder üben, die man auch sonst im Leben brauchen kann. Man braucht dazu den Mut zum klaren Ja- und Nein-Sagen und den Mut zum Probieren-und-Verwerfen. Die üblichen Mediensuggestionen von Sex stehen hier eher im Weg, die den Eindruck erwecken, es gehe alles von allein, wenn man nur den richtigen Partner und das richtige Weichzeichnerlicht hat. Das ist Propaganda, oder jedenfalls Quatsch, und es führt manchmal in die „sexuelle Selbstverrätselung“ (Ulrich Clement) – in die Sehnsucht nach einem irgendwie intensiven und selbstvergessenen Erleben, die aber nicht angeben kann, wie genau.

Tatsächlich muss man probieren und üben und besser werden, wie bei anderen Dingen auch. Nicht umsonst hatten die alten Inder, die in diesen Dingen weiter waren als wir Europäer, Lehrer und Lehrerinnen im Sex. Es ist wie im Sport, wo man ja auch erst nach langem Üben die wirklich gekonnten Moves ausführen kann. Aber anders als im Sport ist es hier oft schwierig oder tabubesetzt, konkrete Moves konkret zu beschreiben, statt vage die erhofften Effekte zu umreißen. Man stelle sich einen Basketballtrainer vor, der sagt: „Wirf den Ball so, dass er den Korb trifft!“, statt: „Wirf den Ball mehr aus dem Handgelenk und spring eine Viertelsekunde früher ab!“

3  Asymmetrie

Asymmetrie ist in unserer Gesellschaft nicht besonders wohlgelitten; wir stehen mehr auf Demokratie, Gleichberechtigung, Augenhöhe und Teamspirit. Aber im Sex kann eine wohldosierte Prise Asymmetrie der Sache Würze und Schärfe geben. Das kann verschiedene Formen annehmen. Eine einfache Form ist: „Heute machen wir alles nach meiner Vorstellung, nächstes Mal nach deiner Vorstellung“, oder, in kürzerer Taktung: „Erst kriegst eine halbe Stunde du alles nach deinen Wünschen, dann krieg eine halbe Stunde ich alles nach meinen Wünschen.“ Statt einfach abzuwechseln, kann man auch genussvoll-liebevoll ausfechten, wessen Vorstellungen gerade dran sind. (Mit welchen Mitteln? verbalen oder körperlichen? brutalen oder charmanten?) Damit sind wir schon bei Dominanzspielchen verschiedener Art, die auch nicht schaden – wobei solche Spielchen, wenn sie allzu eingespielt sind, schon wieder ihre Funktion nicht mehr voll erfüllen, denn zum Bestimmen und Bestimmtwerden gehört auch ein Überraschen und Überraschtwerden, ein Wissen und Nichtwissen.

Asymmetrische Arrangements haben für denjenigen, der sich nach den Vorstellungen des Anderen richtet, den Vorteil des Überraschtwerdens und Entlassenseins aus Verantwortung, auch: eines Mehr an Spannung durch den Wechsel eines Mehr-und-Weniger an Befriedigung und Eigengenuss. Für denjenigen, der seine Vorstellungen verwirklichen kann, hat es eben diesen Vorteil und dafür den komplementären Nachteil der Verantwortlichkeit. Unbenommen bleibt dabei natürlich, dass jeder Partner das Recht hat, Nein zu sagen, wenn etwas seine Grenzen verletzen würde – aber das ist etwas ganz anderes als die permanente Rückversicherung „Willst du das auch, Schatz?“ Erst mit dem Mut zur Asymmetrie kommen wir dazu, die Süße des Begehrens und Begehrtwerdens voll auszukosten.

Die Asymmetrie des Bestimmens und Bestimmtwerdens kann sich auf reizvolle Art mit anderen Asymmetrien verschlingen, in heterosexuellen Beziehungen etwa mit der Mann-Frau-Asymmetrie. Die Mann-Frau-Unterscheidung ist symmetrischer als die Bestimmen/Mitgehen-Unterscheidung, aber sie ist auch nicht ganz unberührt davon. Im allgemeinen gesellschaftlichen Leben ist „Mann“ tendenziell die höherstehende, bevorzugte Position (ja, immer noch). Im Sex hat bei face-to-face-Stellungen die Mann-oben-Position den Vorteil, dass sie etwas leichter auszuführen ist als die Frau-oben-Position, weil die vom Mann geforderte Bewegung (vor-zurück) weniger kraftraubend ist als die von der Frau geforderte Bewegung (rauf-runter). Bei face-to-back-Stellungen hat der Mann die aktive, rhythmusgebende Rolle inne und die Frau die passive, einladende Rolle. Aber davon muss man oder frau sich nicht entmutigen lassen. Man kann dieser Asymmetrie der Anatomie mit anderen Asymmetrien begegnen: Asymmetrien des Willens, des Wollens, des Begehrens, der Entschlossenheit, und kann gerade das genießen.

Wegen all dieser Dinge lohnt es sich, in guten Sex zu investieren. Sex energetisiert Beziehungen, zaubert ein gelöst-verschwörerisches Lächeln auf die Gesichter der Partner und bindet diese zusammen mit etwas, was Freud die „Klebrigkeit der Libido“ genannt hat.  

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2 Kommentare zu „Drei (tiefe) Zutaten zu gutem Sex

  1. Eine sehr gute Zusammenfassung und gleichzeitig sehr gute Erklärung dieser wesentlichen Bedingungen für guten Sex.
    Vielen Dank dafür – ich habe echt was gelernt.
    👍💚🙏

    Gefällt mir

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