Von Pop- und Top-Therapeuten

Es gibt einen amerikanischen Pop-Therapeuten und Lebensveränderungs-Guru namens Tony Robbins, zu sehen in einer Netflix-Doku mit dem wunderbaren Titel „I am not your Guru“.  Er behauptet, innerhalb von fünf Tagen das Leben von Menschen ändern zu können, und zwar von vielen Menschen. Er hält Veranstaltungen mit zweitausend Teilnehmern ab, denen er allen ein Erweckungserlebnis verspricht, einen Durchbruch im Leben oder einen radikalen Wandel in der Haltung zu sich selbst.

Und man kann nicht bestreiten, dass der Mann charismatisch ist und sein Diplom in Therapietechnik verdient hat (wenn er überhaupt eins hat). Trotzdem wirkt sein Stil nicht nur unglaublich amerikanisch, sondern auch unglaublich unseriös und ungesund. Warum? Nicht nur wegen des brutalen Tempos der Live-Therapien, die er mit einzelnen Teilnehmern vor dem kompletten Publikum durchführt und bei denen man sich fragt, wie die Betreffenden das verarbeiten, was er mit ihnen macht. Mich erinnert sein Vorgehen an eine Geschichte über den französischen Entwickungspsychologen Jean Piaget, der einmal in Amerika einen Vortrag gehalten hat und danach gesagt hat: „Wenn ich Amerikanern mein Modell der kindlichen Entwicklungsstufen vorstelle, ist die erste Frage, die sie mir stellen: Wie kann man das beschleunigen?“

Abschreckend wirkt vor allem auch der Umgang mit sich, den Robbins pflegt und vorlebt. Er pusht sich und seine Teilnehmer bis zum Limit. Die Teilnehmer – oder Fans? – werden durch hohe Ticketpreise, lange Wartezeiten, laute Musik und professionelle Einpeitscher, wie man sie sonst von Parteitagen oder Popkonzerten kennt, hochgepusht, bis sie als erwartungsvoll johlende Menge vor ihm stehen. Er pusht sich selbst vor seinen Auftritten mit allen denkbaren Mitteln hoch: Er steigt in Eiswasserbecken, hopst auf Trampolinen und macht, direkt bevor er die Bühne betritt, ein paar Macho-Rambo-Beckerfaust-Gesten, um sich auf seine Rolle einzuschwingen. Das ist eine seltsame Art des Selbstumgangs für einen Menschen, der anderen Menschen beibringen will, gut mit sich umzugehen. 

Wie kann man auf andere Art lernen, gut mit sich umzugehen? Ich glaube: Die beste Art geht nicht übers Pushen, sondern übers Lassen. Guten Therapeuten und Selbsterfahrungstrainern gelingt es, einen Raum aufzumachen, in dem nichts passieren muss, aber alles passieren darf und alles liebevoll aufgefangen wird, was passiert – einen Raum der Möglichkeiten, einen Raum des Hineinhorchens in sich selbst, einen Raum der Beziehungsangebote, wo Dinge probiert und sanft Erfahrungen gemacht werden können. Dafür genügt es, dass die üblichen Rollenzwänge aufgehoben sind und ein Gegenüber da ist, das vor nichts Angst hat, alles aushalten kann, was passiert, und eine tiefe Menschenliebe ausstrahlt. Gelegentliche Anstupser kann es natürlich trotzdem geben, aber fein dosiert, behutsam und nicht nach dem Motto „Erfolg um jeden Preis“.

Dazu braucht man nicht zu brüllen und zu hopsen. Ich zitiere meinen Lehrtherapeuten: „Gut Ding will Weile haben.“ Spricht’s, lehnt sich zurück und wartet darauf, dass der Klient das Angebot annimmt und mit Sachen kommt. Manchmal tut es sogar Stille – die Fähigkeit, in guter und bedeutungsvoller Weise still zu sein, innere Prozesse ablaufen zu lassen, ohne sie im Resonanzlosen versickern zu lassen, aber auch ohne sie sofort kommentieren und hinausschreien zu müssen. Ich kenne einen Text, der sieben verschiedene Arten von Stille/Schweigen/Gesprächspause unterscheidet, von denen mindestens fünf gutartig sind. Stille kann auch eine gute, tröstliche, erlaubende, resonierende, begleitende Stille sein.

An Tony Robbins fällt auf, dass er groß gewachsen ist, einen Brustkorb hat wie ein Bulle und Zähne wie aus der Zahnpastawerbung. Er ist durch und durch der amerikanische „You can be anything“-Erfolgstyp. Das erzielt Wirkung, aber was für eine Wirkung? Wenn man seine Blitztherapien anschaut, kann man den Eindruck haben: Es ist eigentlich nicht möglich, sich neben ihm anders als klein und mickrig fühlen. Robbins ist so viel größer, stärker, strahlender als jeder, der neben ihm steht, dass einem nur die Wahl bleibt, entweder zum bewundernden Fan zu werden, oder entmutigt zu werden, oder in eine unfruchtbare Konkurrenz getrieben zu werden.

Der diametral entgegengesetzte Therapeutentyp ist oder war verkörpert in Milton Erickson (übrigens ebenfalls ein Amerikaner). Erickson hatte als Kind Kinderlähmung, war gelähmt, saß lange Jahre im Rollstuhl, konnte nur eingeschränkt sprechen und hatte die meiste Zeit seines Lebens chronische Schmerzen. Aber nach Berichten von Menschen, die ihn gekannt haben, strahlte er eine Weisheit, Sicherheit, Menschenliebe und Neugier aus, die sein Gegenüber unwiderstehlich anzog. Er war ein unwiderlegliches Vorbild dafür, dass man auch mit Einschränkungen ein erfülltes Leben führen kann – dass es möglich ist, sich nicht unterkriegen zu lassen von den Widrigkeiten des Lebens. Und das ist es ja, worum es in aller Therapie und Selbsterfahrung geht. 

Ein Therapeut braucht nicht perfekt zu sein. Er muss vor allen Dingen menschlich sein. Die Botschaft, die damit rübergebracht wird, hat wiederum ein anderer Amerikaner – der Körpertherapeut Albert Pesso – unübertrefflich formuliert: „Die Botschaft ist, dass der Mensch er selbst sein darf, dass die Antwort Ja ist, dass man bedingungslos angenommen ist, dass man gut aufgehoben ist und dass emotionale Erfüllung möglich ist.“

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Ein Kommentar zu “Von Pop- und Top-Therapeuten

  1. Dieser Pop-Therapeut erinnert mich sehr an den Film „Der Scheinheilige“, 1992, mit Steve Martin. Vielleicht hat er sich den Film als Vorbild genommen.
    Mal schauen, ob er irgendwann auch den „letzten Schritt“ macht, so wie die Hauptperson in besagtem Film…

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