Wenn Krieg ein Schachspiel wäre

Früher war vieles einfacher. In den Kriegen früherer Gesellschaften war es zum Beispiel oft einfacher, zu einem Ende zu kommen und den Krieg zu beenden, als es das heute ist. Das ist kein blöder Spruch, sondern ein ernsthafter Befund aus der Kriegsforschung. Warum ist das so?

In vielen vormodernen Gesellschaften hatten Kriege mehr oder weniger klare Endmarkierungen. Eine Endmarkierung ist ein an äußeren Gegebenheiten ablesbares Anzeichen dafür, dass der Krieg zu Ende ist und wer ihn gewonnen hat. Wie solche Endmarkierungen aussehen konnten, führe ich gleich noch aus, aber das Wichtige daran ist: Auf diese Weise konnte die Kriegsparteien erleben, also: als Weltfaktum wahrnehmen, ob sie gewonnen oder verloren hatten und dass es jetzt zu Ende war.

Heute dagegen muss das Kriegsende in fast allen Fällen herbeientschieden werden, und das ist sehr viel schwerer und schmerzhafter, vor allem für den Verlierer. Der Verlierer muss gewissermaßen selbst entscheiden, aufzugeben, an einem bestimmten Punkt den Krieg verlorenzugeben. Es ist nicht so, dass die Niederlage als ein „objektives“, in der Welt schlicht eingetretenes Ergebnis zu ihm kommt. Deshalb werden viele Kriegsenden sehr lange verschleppt und viele Kriege sehr lange weitergeführt, weil der Verlierer hofft, durch ausreichend langen Atem vielleicht doch noch zum Sieger werden zu können, oder weil – wenn kein klarer Verlierer und klarer Sieger erkennbar ist – beide Seiten hoffen, noch zu einem Sieg gelangen und aus der Zone der nicht-befriedigenden Ergebnisse herauskommen zu können.

Der Unterschied zwischen Erleben und Handeln, oder zwischen Wahrnehmen und Entscheiden, ist ein elementarer. Wenn wir etwas erleben, ist es ein Faktum in der Welt, das so ist, wie es ist, und wir nehmen zur Kenntnis, dass es so ist. Es kann ein unangenehmes Faktum sein – es regnet; der Mobilfunktarik ist erhöht worden; die begehrte Wohnung ist an jemand anderen vergeben worden –, aber es ist eben doch ein Faktum, das als solches existiert und hinzunehmen ist. Wenn wir dagegen etwas selbst entscheiden müssen, sind wir mit einem höheren Eigenanteil, deshalb eventuell auch mit mehr eigenem Sichquälen gefordert. Wir alle kennen als moderne Menschen die Schwierigkeiten, sich für ein Studium, einen Beruf, einen Studienort, eine Wohnung, ein Auto, einen Mobilfunkanbieter usw. zu entscheiden – weil eben die Entscheidung bei uns liegt, weil wir selbst eine Wahl treffen und die Folgen hinterher verantworten müssen.

Genauso ist es bei Krieg, nur schlimmer, weil die Folgen einer Kriegs- oder Kriegsbeendungsentscheidung unvergleichlich viel schwerwiegender sind. Es gilt, für die Kriegführenden und noch mehr für die Zivilbevölkerung der kriegführenden Einheiten: Wenn man Glück hat, gibt es eine mehr oder weniger klare und konsensuelle Endmarkierung – ein hinreichend einschneidendes Ereignis, das das Ende des Krieges einläutet und die Funktion erfüllt, „den Verlierer zu überzeugen, dass er in der Tat verloren hat“ (Philip Brick, The Strategy of Endings, 1991, S. 24) und das Spiel vorbei ist. Wenn nicht, kann die Entscheidung über das Ende eine entsetzliche Hängepartie werden, wie es in vielen Kriegen in der modernen Staatenordnung gewesen ist.

Wie haben es nun frühere Gesellschaften angestellt, Kriege qua Erleben, qua Endmarkierung enden zu lassen? Das setzte zweierlei voraus: erstens Konventionen, wie sie insbesondere in Adelsgesellschaften von Rittern, Samurai, griechischen polis-Bürgern usw. etabliert und als Bestandteil eines Ehrenkodex installiert waren, und zweitens relativ begrenzte Armeen, die nicht beliebig vermehrt und vergrößert werden konnten. Es konnte dann beispielsweise die Konvention geben, dass derjenige eine Schlacht verloren hat, dessen Kämpfer zuerst dem Feind den Rücken wenden und das Schlachtfeld verlassen. Oder es konnte die Konvention geben, dass der Sieger drei Tage auf dem Schlachtfeld bleiben und dieses besetzt halten musste und dann, wenn der Gegner nicht zurückkam und den Kampf wiederaufnahm, sein Sieg zertifiziert war.

Überhaupt war es damals noch relativ üblich oder jedenfalls möglich, dass Kriege durch einzelne Schlachten entschieden wurden. Das lag daran, dass die Armeen oder ggf. Flotten dieser Gesellschaften vergleichsweise klein und begrenzt waren. Wenn in einer Schlacht die Hauptstreitmächte beider Seiten aufeinandergetroffen waren und die eine Seite gewonnen hatte, konnte man davon ausgehen, dass sie damit auch den Krieg gewonnen hatte. Das war deshalb möglich, weil das Kriegspersonal vorrangig aus den Angehörigen eines adligen, patrizischen oder sonstwie privilegierten Standes rekrutiert wurde. Wenn eine Truppe von 20.000 Mann geschlagen war, konnte man nicht eine Mobilisierung verfügen und nochmal 20.000 Mann mobilisieren. Zwar konnte man theoretisch auf Bauern und andere Unterschichtangehörige zurückgreifen und diese zum Kriegsdienst verpflichten, aber aus ihnen wurden nie vollwertige Kämpfer, weil ihnen Ausbildung, Ausrüstung und Motivation fehlten. Für recht viel mehr als zum Ausheben von Gräben waren sie nicht zu gebrauchen. Söldner waren manchmal eine Möglichkeit, aber sie standen nicht immer zur Verfügung und konnten auch nicht immer bezahlt werden.

All das ist heute anders. Heute können kriegführende Staaten theoretisch fast unbegrenzt mobilisieren, solange Männer – gegebenenfalls auch Frauen – in kriegsfähigem Alter zur Verfügung stehen. Moderne Staaten können viel umfassender mobilisieren, gestützt auf gut organisierte Militärapparate mit zentralem Material- und Beschaffungswesen und professionellen Führungskadern, die mehr oder weniger beliebigen Nachschub an Rekruten eingliedern und als Soldaten ins Feld schicken können. Sie können deshalb im Extremfall Millionenheere auf die Beine stellen. So ein Heer kann nicht mehr in einer Schlacht besiegt werden, es kann aber auch nicht in einer Schlacht siegen. Es führt vielmehr Frontenkriege, wo gilt: Eine verlorene Schlacht bedeutet nicht einen verlorenen Krieg, und jeder Rückschlag kann als Aufforderung zu weiterer Mobilisierung – zum Hochfahren des Rekrutierungslevels, der Rüstungsproduktion, der Kriegswirtschaft, der kollektiven Anstrengung an der Heimatfront – gelesen werden.

In solchen Kriegen ist es extrem schwer, ein Ende zu finden, weil es nie einen überzeugenden Endpunkt gibt – einen Punkt, an dem man das Ende ablesen könnte oder das man als Signal zum Evaluieren und Hinnehmen des bis dahin erzielten Ergebnisses nehmen könnte. Weitermachen geht immer. Kriege gehen deshalb nicht selten weiter, bis mindestens auf einer Seite alles in Schutt und Asche liegt, ungeachtet dessen, ob die Kriegsgründe und Kriegsziele, die ursprünglich zur Aufnahme des Krieges geführt haben, in der Größe diesem Maß an Zerstörung entsprechen. (Und es macht Sinn zu vermuten, dass die Gründe und Ziele – wie: Zusammenstoß unversöhnlicher Nationen –, die in unserer Kriegsgeschichte herumschwirren, mindestens teilweise qua Postrationalisierung zustandegekommen sind, um das Ausmaß an Zerstörung zu rechtfertigen, das einfach durch das Fehlen von Endmarkierungen und das schleichende Immer-Weiter-Gehen des Krieges eingetreten ist.)

Als Endmarkierung könnte heute allenfalls noch die Eroberung der Hauptstadt eines kriegführenden Staates durchgehen. Aber das ist unter Umständen ein sehr später Zeitpunkt – als Berlin 1945 erobert wurde, war ansonsten nicht mehr viel übrig von dieser Kriegspartei –, und außerdem muss nicht einmal das in allen Fällen funktionieren, da die Regierung auch fliehen und als Exilregierung in einem anderen Teil des Landes weiterarbeiten kann.

Das Fehlen von Endmarkierungen ist ein echtes Dilemma, ein riesiges strukturelles Problem von modernen Staatenkriegen. Es zeigt sich auch im aktuellen Fall der Ukraine, wo beide Seiten den – für beide Seiten unbefriedigenden und erschreckenden! – Kriegsverlauf nur als Zeichen nehmen, mehr zu mobilisieren, mehr an Menschen und Material hineinzuwerfen, und kein Punkt absehbar ist, an dem man sehen würde: „Game over, Spiel vorbei, die Kontrahenten werden gebeten, sich zu setzen und das Ergebnis zur Kenntnis zu nehmen.“

Der Konfliktforscher Johan Galtung hat zur Zeit des Kalten Krieges einmal vorgeschlagen, man könnte den Kalten Krieg auch dadurch entscheiden, dass man Eisenhower und Stalin, oder Kennedy und Chruschtschow, eine Partie Schach gegeneinander spielen lässt. Dabei ging es nicht nur darum, eine schonendere, verlustärmere Art des Konfliktaustrags zu finden, sondern auch darum, einen Modus der Konfrontation zu finden, der ein klares und unbestreitbares Ende hat. Wer eine Partie Schach verloren hat, kann nicht sagen: „Ich mobilisiere schnell noch fünf Bauern, und vielleicht liefert mir noch irgendwer einen Turm, und dann gewinne ich noch.“ Er hat schlicht verloren. Das Ende kommt qua Erleben zu ihm. – Wenn wir doch irgendwelche solche Einrichtungen in moderne Kriege hineinimplementieren könnten.

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Ein Kommentar zu “Wenn Krieg ein Schachspiel wäre

  1. Ein sehr schöner Gedanke zur Beendigung von kriegerisch ausgelebten Konflikten, dem ich eine Kleinigkeit hinzufügen mag: Die Erfahrung mit solchen Auseinandersetzungen lehrt, dass man in jedem Fall, d.h. egal wie unversöhnlich, wie aggressiv, wie kriegerisch man einander gegenübergestanden hat, man wird am Ende des Tages miteinander reden, um die Zukunft miteinander zu gestalten. Wenn man das weiß, kann man doch auch gleich miteinander reden – ohne die Zwischenphase von Krieg und Zerstörung – oder?

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