Berufsoptimisten, Berufspessimisten und der Krieg

Im Krieg prallen verschiedene professionelle Sichtweisen aufeinander, unter anderem die Sicht der professionellen Politiker und die Sicht der professionellen Militärs. Beide unterscheiden sich durch ihren berufsbedingten Optimismus bzw. Pessimismus – ein Unterschied, der interessant und folgenreich ist und den ich hier ausführen will.

Politiker sind eine Spezies, der es gut ansteht, optimistisch zu denken, mit Schwung ans Werk zu gehen und mehr oder weniger kühne Zukunftsprojekte zu entwerfen. Wer Wahlen gewinnen will, muss das Wahlvolk mit der Überzeugung ansprechen, dass er gewinnen will und gewinnen wird. Wer, so er im Amt ist, etwas bewegen und neue Ideen durchsetzen will, muss mit Überzeugung und Entschlossenheit an die Sache herangehen und darf sich nicht von jedem Gegenwind aus der Bahn werfen lassen. Dazu gehört es, dass man bereit ist, das Mögliche leicht zu überziehen, die Erfolgswahrscheinlichkeit der eigenen Projekte leicht zu überzuschätzen. Anders könnte man nie etwas Großes zustande bringen – keine neue Ostpolitik, keine Energiewende, keinen Sozialstaatsausbau, keine Bildungsexpansion, überhaupt nichts, was Mut und Über-den-Tellerrand-Hinausdenken erfordert. Wer in erster Linie die Schwierigkeiten und Hindernisse sehen würde, würde mit solchen Projekten gar nicht erst anfangen. Nur wer an sein eigenes Projekt glaubt, ein paar Schritte in die Zukunft denkt und im Geist schon das Licht strahlen sieht, das er erst noch entzünden will, hat eine Chance, andere zu überzeugen, andere mitzunehmen und damit letztlich zum Erfolg zu kommen. Manchmal klappt das dann, manchmal auch nicht.

Militärs, also professionelle Offiziere, haben gelernt, andersherum zu denken. Das Paradigma des ganzen sicherheitspolitischen, realpolitischen Denkens ist die Frage: Was könnte schlimmstenfalls passieren? Wer könnte uns alles ans Leder wollen? Worauf müssen wir uns vorbereiten? Der klassische Realist in internationalen Beziehungen denkt diese als einen Wettlauf um die beste Gerüstetheit und als eine Anarchie, in der einen im Ernstfall niemand rettet, wenn man nicht in der Lage ist, sich selbst zu retten. Genauso ist die Logik militärischer Rüstung gebaut: Was ist das worst case Szenario, auf das wir vorbereitet sein müssen? Wenn der Gegner Waffensystem x hat, brauchen wir dann nicht Waffensystem y, um es abwehren zu können? Wenn der Gegner hoch pokert, was müssen wir für Drohoptionen in der Hinterhand haben, um glaubwürdig dagegen pokern zu können?

Militärorganisationen haben deshalb einen hohen, quasi unendlichen Geldbedarf, weil sie nie ein Ende der Bedrohung sehen und nie sagen würden „Jetzt reicht’s, jetzt sind wir sicher“. Selbst die USA, die mehr für ihr Militär ausgeben als der Rest der Welt zusammen, haben immer noch Angst, mit den auf sie zukommenden Bedrohungen nicht fertigzuwerden. Und das ist nur teilweise paranoid und teilweise auch sehr realistisch, wie man an Fällen wie Afghanistan sieht, wo primitive Sprengfallen die Weltmacht das Fürchten lehrten. Und nach derselben Logik denken im Übrigen auch Geheimdienste: Sie wittern immer und überall Bedrohungen, Verschwörungen, Anschläge – dafür werden sie bezahlt, und sie geben ihre Warnungen deshalb nach der Logik heraus: „Wenn irgendwo auf der Welt ein Anschlag passiert, müssen wir sagen können: Wir haben davor gewarnt!“, selbst wenn das zu dem Preis kommt, dass nahezu täglich vor allen möglichen Anschlägen gewarnt wird, von denen 99% nicht passieren.

Beide professionellen Sichtweisen, die berufsoptimistische ebenso wie die berufspessimistische, haben ihre sympathischen und unsympathischen Seiten, keine ist per se besser oder schlechter. Im Krieg aber, und ebenso vor einem Krieg, ist die militärische Sicht die, die in meinen Augen zu bevorzugen ist.

Politiker neigen dazu, ihren grundsätzlichen Optimismus auch auf Krieg anzuwenden.  Sie lassen sich auf Kriege ein in der Annahme „Wird schon gutgehen“ und mit motivierenden „Wir schaffen das“-Rufen – sei es auf einen Angriffskrieg, den sie selbst beschließen, sei es auf einen Verteidigungskrieg, den sie guten Mutes und mobilisierungsbereit aufnehmen. Aber bei Krieg führt Optimismus leicht in eine fatale Falle, erstens weil die Folgen hier zu ernsthaft und zu tödlich sind, und zweitens weil die Chancen, dass man damit durchkommt, hier systematisch schlechter sind als bei anderen politischen Projekten. Man kann hier nämlich sicher sein, dass auf der anderen Seite auch jemand sitzt, der dieselbe optimistische Entschlossenheit hat, aber in die entgegengesetzte Richtung arbeitet. Dann entsteht die typische Situation, dass man einen Krieg leichten Herzens anfängt und dann jahre- oder jahrzehntelang nicht herausfindet, bis am Schluss alles zerstört ist und die Kriegsparteien nur noch aus Erschöpfung heraus irgendwann einen Ausgang finden. In der Geschichte haben nicht wenige Staatsmänner einen Krieg begonnen, um sich aus einer festgefahrenen Situation oder einer als unerträglich erlebten Demütigung zu befreien, weil sie – positiv denkend! – darauf setzten, mit Krieg immerhin dieses Problem loswerden zu können, ohne ausreichend zu bedenken, in welche neuen Probleme sie dadurch geraten würden. Die gefühlte Logik ist, dass der Drastik der beschlossenen Mittel doch eine Größe der damit erzielten Erfolge entsprechen muss – eine Logik, die leider in der Realität nur selten aufgeht.

Putin ist im Ukrainekrieg eindeutig in diese Falle gegangen. Putin war früher Geheimdienstmann und kommt also aus einem quasi-militärisch geführten Apparat, aber in diesem Punkt hat er ganz eindeutig nicht wie ein Militär gedacht, sondern ganz und gar wie ein ziviler Politiker. Aber auch Selenskyj – und mit ihm die westliche Öffentlichkeit – ist in Gefahr, in diese Falle zu gehen und darauf zu setzen, dass man mit so edler Gesinnung und in so berechtigter Sache doch nicht verlieren kann, wenn man nur ausreichend Mut und Willensstärke aufbringt, was leider mit den militärischen Kräfteverhältnissen nicht gut abgestimmt ist.

Professionelle Militärs dagegen sind seit etwa einem halben Jahrhundert meist nicht mehr kriegslüstern und säbelrasselnd unterwegs. Umgekehrt: Die Generäle und Admiräle sind oft eher die warnenden, vorsichtigen Stimmen, die die Schwierigkeit und die Dauer eines Kriegsunternehmens pessimistisch einschätzen und vorher schon eine Ahnung davon haben, dass der Gegner auch nicht dumm ist und die Sache kein Spaziergang wird. Der Grund für ihre Vorsicht ist zum einen, dass sie mehr Ahnung haben und die Sache besser einschätzen können, und zum anderen, dass es ihre eigenen Organisationenund Einheiten sind, die sie in den Einsatz schicken müssten, ihre eigenen Männer und Frauen, deren Leben sie aufs Spiel setzen müssten – Männer, Frauen und Einheiten, mit denen sie durch organisationale Hierarchien und Verantwortlichkeiten, durchlaufene Karrieren und professionelle Sozialisation verbunden sind. (Im Grenzfall kann hier sogar eine Art pervertierte Selbsterhaltungslogik der Organisation auftreten, eine Zweck-Mittel-Verdrehung von der Form: Wir können doch keinen Krieg führen, wenn das unsere schönen Militärorganisationen gefährden würde!) Mindestens fordern Militärs die Definition klarer Kriegsziele, bevor sie sich zur Einsatzplanung bereit sehen: Was genau soll erreicht werden? Was wäre als Erfüllung der Mission anzusehen? An diesem Punkt nehmen es zivile Politiker oft nicht so genau, weil sie eben mit der Befreiung aus einer gegenwärtig als quälend erlebten Lage schon zur Hälfte zufrieden sind und in eher diffuser Weise darauf setzen, dass durch den Überschritt zum Krieg eine irgendwie geartetete Verbesserung der Lage schon eintreten wird.

Den hier skizzierten Linien folgt im Moment die Meinungsverteilung in Bezug auf die Frage, ob über der Ukraine eine Flugverbotszone eingerichtet werden soll oder kann. Manche zivilen Politiker denken darüber nach in dem diffusen aber dringenden Gefühl, dass doch irgendetwas getan werden muss, während die Militärs schnell abwinken und sagen: Das ist ausgeschlossen, wenn es die Gefahr eines Dritten Weltkriegs beinhaltet, und das tut es.

Es wird Zeit, dass wir unser Militär neu schätzen lernen. Ein gut durchprofessionalisiertes Militär ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Krieg ist keine zivilisatorische Errungenschaft, Kriege gibt es, seit es Menschen gibt. Aber ein Militär, das exzellent dafür gerüstet ist, Kriege zu führen, ohne begierig darauf zu sein, sie zu führen, ist eine grandiose – und extrem unwahscheinliche! – Errungenschaft. Es gibt sie auch noch nicht allzu lange, vielleicht so richtig erst seit nach dem Zweiten Weltkrieg. Vorher war das Militär in Europa teils noch eine adlig durchseuchte Angelegenheit, wo mit alten Ehrvorstellungen aufgewachsene Junker sich in blinkenden Uniformen gefielen und Männer ins Gefecht schicken, von denen sie durch eine Schichtdifferenz getrennt waren und mit denen sie sich nur begrenzt identifizierten. Deshalb trauen auch heute viele Menschen dem Militär noch nicht, weil sie ihm nicht zutrauen, diese hoch anspruchsvolle Abstraktionsleistung zu vollbringen: Dinge vorauszudenken, Material beherrschen zu lernen, Skills zu üben für einen Fall, von dem man selbst hofft, dass er nie eintreten wird (und ohne dass man die Kontrolle darüber hat! da Militär in Demokratien zivil befehligt wird). Das müssen wir sehen und schätzen lernen.

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