Russland und die NATO

Aus gegebenem Anlass heute eine Überlegung zum Verhältnis zwischen Russland und der NATO. Dieses Verhältnis hat Parallelen zu manchen Problemen, die aus der Arbeit mit Paaren bekannt sind. Diese Parallele zu ziehen, ist auch keineswegs abstrus, sondern ist in der konflikttheoretischen Literatur gut etabliert.

Paarbeziehungen und internationale Systeme sind beides Systeme, manchmal Zweiersysteme, und die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen Kriegen und Ehekriegen, Aufrüstungsspiralen und Paar-Eskalationen, Wahrnehmungsmustern von Individuen und von Staaten sind oft herausgearbeitet worden. (Ein immer noch lesenswerter Klassiker ist: Robert Jervis, Perception and Misperception in International Politics, 1976. Als neuerer Ansatz: Fritz Simon, Tödliche Konflikte, 2004.) Der eigentliche Grund, warum ich darüber schreibe, ist aber der Versuch, die aktuellen Ereignisse zu verarbeiten. Ich bewältige Dinge durch Schreiben, und ich bin in meinem Leben sowohl Kriegssoziologin als auch Familientherapeutin gewesen, deshalb kann ich nicht anders, als diese beiden Dinge zusammenzubringen.

Eine Facette der russischen Aggression ist ja die Frage, ob Russland bzw. damals: die Sowjetunion beim Zusammenbruch des Ostblocks und der Öffnung des Eisernen Vorhangs 1990 das Versprechen erhalten hat, dass die NATO sich nicht nach Osten ausdehnen würde – ein Versprechen, das, wenn es gegeben wurde, gebrochen wurde. Über diese Frage streiten Politiker, Politikwissenschaftler, Historiker seit langem. Die einen sagen: In den 2+4-Gesprächen über die deutsche Wiedervereinigung wurde Gorbatschow zugesagt, dass die NATO sich nicht nach Osten ausdehnen würde. Es wird dann mehr oder weniger im Wortlaut der Satz zitiert, der damals gefallen ist. Die anderen sagen: Dies ist nie versprochen worden. Der Satz mag so gefallen sein, aber er bezog sich auf die konkrete Situation der deutschen Wiedervereinigung und auf die Frage, ob die NATO nach einer Wiedervereinigung Truppen auch auf dem Gebiet der dann ehemaligen DDR stationieren würde. Eine Osterweiterung der NATO im Sinn der Aufnahme ehemaliger Ostblockstaaten und -teilstaaten konnte 1990 nicht besprochen und nicht dementiert werden, weil der Gedanke, dass z.B. Lettland einmal NATO-Mitglied werden würde, zu diesem Zeitpunkt schlicht unvorstellbar war. Lettland war zu diesem Zeitpunkt eine Sowjetrepublik; über einen NATO-Beitritt Lettlands zu reden, wäre zu diesem Zeitpunkt absurdes Theater gewesen, und deshalb konnte zu diesem Thema nichts besprochen und nichts versprochen werden.

Diese Versionen klingen beide plausibel und sind beide ernst zu nehmen. Ich kann nichts zu der Frage beitragen, wie es historisch gewesen ist. Aber ich glaube, und hier kommt die Ähnlichkeit zu Paardynamiken ins Spiel: Es können beide Versionen richtig sein. Wie wissen, dass derselbe Satz von zwei Beteiligten sehr verschieden verstanden werden kann. Wenn in den 2+4-Gesprächen die fragliche Aussage gemacht wurde, (und dass sie gemacht wurde, ist unstrittig), kann es gut sein, dass die Beteiligten damit einen verschiedenen Sinn verbunden haben. Die Einen haben sie in dem unmittelbaren Sinn verstanden, in dem sie sich wahrscheinlich – das klingt ja plausibel an der zweiten These – auf die Verteilung von NATO-Truppen zwischen West- und Ostdeutschland bezogen hat. Die Anderen können aber trotzdem die Botschaft mitgenommen haben, dass die NATO das bleiben würde, was sie ist, und territorial dort bleiben würde, wo sie ist. Sie haben die Aussage in einem stärker generalisierten Sinn verstanden und haben diese Botschaft mitgenommen in den russischen Militär- und Sicherheitsapparat, der sich dann durch die späteren NATO-Erweiterungswellen betrogen gefühlt hat. Eine Weltmacht im Zusammenbruchszustand kann sehr gut diese Botschaft gehört hat, zu einem Zeitpunkt, wo sie Ereignisse in einem historischen Wahnsinnstempo verarbeiten und ihre weltpolitische Niederlage irgendwie ertragen muss.

Über Russlands gekränkte Großmachtambitionen ist viel geschrieben worden. Das wäre ein zu weites Feld, um hier darauf einzugehen. Aber auch da dürfte viel dran sein: an der Parallele zur psychologischen Figur der Kränkung. Ehemalige Reiche brauchen Jahrzehnte oder Jahrhunderte, bis sie den Verlust ihrer Großmacht- oder Weltmachtposition verdauen, das ist an Österreich (1918!) und Großbritannien (1945) immer noch zu spüren.

Eskalationsdynamiken zwischen Staaten haben oft dieselbe formale Form wie Eskalationsdynamiken zwischen Partnern. Jeder fühlt sich angegriffen und ist überzeugt, dass er sich nur verteidigt. Jeder hat das Gefühl, dass nur der Andere agiert und man selber nur reagiert, dass nur der Andere es in der Hand hätte, etwas an der Malaise zu ändern.

Russland führt im Moment einen brutalen und offensichtlichen Angriffskrieg, das will ich nicht bestreiten, aber die Dynamik, die zu diesem Angriffskrieg geführt hat, kann vermutlich gut im Muster des zunehmenden Sich-bedroht-und-eingeengt-Fühlens beschrieben werden.

Man kann überlegen, ob Russland, als Schrumpf- und Restfigur der Sowjetunion, sich seit 1990 nach wie vor in einem Zweiersystem mit der NATO befunden hat, als Erbe der Weltmachtkonkurrenz – auch wenn die NATO nicht mehr in einem solchen System agiert hat, sondern Russland nur noch als einen Faktor unter vielen betrachtet hat. Das wäre dann wie in einer Nach-Trennungs-Situation von Paaren: Es kann sein, dass einer der Partner noch jahrelang in der Bindung festhängt und all seine emotionale Energie – als Wut, Hass, Bitterkeit, Klagen, Schuldeintreiben – auf den ehemaligen Partner richtet, auch wenn der Andere sich aus der Beziehung gelöst hat und längst anderswo unterwegs ist. Russland hat, gewissermaßen als Phantomschmerz einer verflossenen Weltmacht, eine Konkurrenz- und Konfrontationsorientierung zur NATO mitgenommen und weitergetragen, die die NATO selbst gar nicht mehr als solche betrieben und wohl auch nicht mehr verstanden hat.

Wenn Russland die Ukraine annektieren sollte, wird die NATO bald sehen, wie es sich anfühlt, ein feindlich gesonnenes Land – real oder gefühlt feindlich – direkt an der eigenen Außengrenze zu haben. (Die Ukraine grenzt an vier NATO-Staaten: Polen, Slowakei, Ungarn, Rumänien. Mit den baltischen Staaten gab es zwar vorher auch schon eine Grenze zur NATO, aber die war das Ergebnis einer Ostausdehnung der NATO, nicht einer Westausdehnung Russlands, und das ist eben gefühlt nicht dasselbe.) Vielleicht wächst dann ein bisschen die Empathie für Russland, für das Gefühl des Bedrohtseins. Die schlichte Versicherung, die NATO sei ein Verteidigungsbündnis und bedrohe niemanden, mag sachlich richtig sein, aber sie reicht eben gefühlt nicht aus, um den Eindruck des An-die-Wand-gedrängt-Seins zu beruhigen.

Ich finde, wir haben ganz gute Analysemittel an der Hand, um mit Mitteln der Paartherapie Aspekte an internationalen Dynamiken zu verstehen. Nur leider haben wir keinen Paartherapeuten, der mit Kontrahenten dieses Formats fertigwerden könnte. Dies ist bitterer Ernst, und manchmal fühlt sich Paartherapie doch nur wie ein Spiel an.

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