Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen

Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen, das hat man immer schon gewusst. Einem alten, aber immer noch in Betrieb befindlichen Klischee zufolge besteht das Problem darin, dass Männer und Frauen in Liebesdingen fundamental Verschiedenes wollen: Der Mann sucht Abenteuer und Erregung, während die Frau auf Nähe und Anlehnung aus ist. Schon in der Beziehungsanbahnungsphase verhalten sich beide deshalb unterschiedlich, die einen nach der Devise „Jagdinstinkt“, die anderen nach der Devise „Suche nach sicherem Hafen“. Und auch in einer länger währenden Beziehung vertritt dann, dem Klischee zufolge, der Mann tendenziell den Pol der Freiheit und Ungebundenheit und fürchtet das Eingeengt- und Ersticktwerden, während die Frau sich nach Kuschligkeit, Wärme und permanentem Austausch sehnt. In der Karikatur sagt die Frau: „Lass uns doch mal wieder reden!“, und der Mann fragt: „Worüber denn?“ Oder der Mann geht mit seinen Freunden ein Bier trinken, und die Frau klagt: „Warum bist du so selten zu Hause?!“

Nun ist es immer unklug, sich zum Thema Mann/Frau zu äußern. Man kann dabei nur in Fettnäpfchen treten, und man wird in unserer Lebenszeit (meiner jedenfalls) sowieso nicht mehr wissen, wieviel von dem Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Verhalten auf genetisch-biologische Unterschiede zurückgeht und wieviel auf gesellschaftliche Rollenmuster. Und natürlich ist klar, dass das Klischee – sonst wäre es kein Klischee – nicht für alle Paare gilt, dass es im konkreten Fall genauso gut andersrum sein kann und dass überhaupt die Vielfalt an real existierenden Beziehungsmustern unendlich viel größer ist, als in solchen Abziehbildern dargestellt werden kann.

Trotzdem bleibt es eine interessante Frage: Wenn und insoweit es eine Tendenz in dieser Richtung gibt und empirische Fälle derzeit (Stand Anfang 21. Jahrhundert) häufiger so herum verteilt sind als andersrum – warum ist das so? Es gibt zwei Standardantworten auf diese Frage und eine dritte, die weniger bekannt ist und die ich hier vorstellen möchte.  

Die erste Standardantwort lautet: Das ist deshalb so, weil Männer und Frauen einfach biologisch verschieden ticken – weil Männer evolutionär gesehen ihr Sperma in die Welt streuen müssen, während Frauen Kinder aufziehen und verlässliche Bedingungen dafür schaffen müssen. Die zweite Standardantwort lautet: Das sind gesellschaftliche Geschlechterrollen, die wir als Kinder ansozialisiert bekommen und die damit zusammenhängen, dass die beruflich-öffentliche Sphäre nach wie vor eine männlich dominierte Welt ist und die Haus-/Familiensphäre eine weiblich dominierte Welt.

Die dritte Antwort ist weder biologisch noch soziologisch, sondern familientherapeutisch gedacht. Sie liegt vom Fatalismusgrad her zwischen dem reinen biologischen Determinismus („Das wird immer so sein“) und dem reinen sozialen Konstruktivismus („Das ist gesellschaftliche Konvention und könnte ebensogut anders sein“). Sie hat ihre Eleganz darin, dass sie das Problem eine Ebene nach oben beziehungsweise eine Generation nach oben verlagert. So gesehen sind es nicht in erster Linie Männer und Frauen, die als Beziehungswesen verschieden sind – vielmehr sind es Väter und Mütter, die als Eltern verschieden sind, und das bedingt verschiedene Prägungen bei den Kindern gegenüber männlichen vs. weiblichen Sozialpartnern. Menschen lernen an Müttern andere Dinge als an Vätern, und deshalb sind Menschen, egal ob Mann oder Frau, gegenüber Ehefrauen/Partnerinnen anders eingestellt als gegenüber Ehemännern/Partnern. Weil aber Männer meistens eine Frau zur Partnerin haben und Frauen meistens einen Mann, kommen diese Prägungen im späteren Beziehungsleben unterschiedlich stark zum Tragen.

Wenn wir als erwachsene Menschen Beziehungen eingehen, übertragen wir immer einen Teil unserer frühen Beziehungserfahrungen, also vor allem Erfahrungen mit den Eltern, auf unsere aktuellen Beziehungspartner. Wir wenden Erwartungen an oder nehmen Haltungen ein, die wir ganz früh gelernt und tief verinnerlicht haben. Solche Übertragung von erlernten Beziehungsmustern findet nicht nur entlang der Geschlechtsschiene statt – von Männern auf Männer und von Frauen auf Frauen –, sie kann die Geschlechterachse auch kreuzen. Aber schneller und leichter übertragen wir früh gelernte Erfahrungen auf eine Person, die auch dasselbe Geschlecht hat wie die ursprüngliche Bezugsperson, weil die Geschlechtsidentität eine wichtige Orientierungshilfe beim Erlernen von Beziehungsmustern ist und deshalb die Reaktivierung des Musters auslösen kann.

Kinder erfahren nun in den meisten Fällen von Vätern bzw. Männern anderes als von Müttern bzw. Frauen. Das ist nicht alternativlos und ausnahmelos so, aber es ist auch nicht rein zufällig und auch nicht nur gesellschaftlich bedingt. Es hängt damit zusammen, dass es in der ersten Lebensphase des Kindes – aus teils biologischen Gründen – meist die Mutter ist, die in erster Linie für Pflege und Betreuung des Kindes zuständig ist. Für das kindliche Erleben heißt das: Die Mutter ist ein Mensch, der von Anfang an dichten Zugriff auf das Kind hat, mit ihm in allen Lebensvollzügen verbunden ist und dessen Nähe eine Selbstverständlichkeit hat und eher „zu viel“ als „zu wenig“ ist.

Es gibt deshalb manchmal Mütter (und deutlich mehr Mütter als Väter), die das kleine Wesen tendenziell mit einem Übermaß an Liebe, Aufmerksamkeit und emotionaler Zuwendung überschwemmen. Wenn die Mutter ständig mit hoher emotionaler Involvierung auf das Kind gerichtet ist, kann es sein, dass das Kind nicht dazu kommt, seinen Eigenrhythmus zu entwickeln, sich selbst aus eigener Wahl Dingen oder Situationen zuzuwenden oder nicht. Ein solches Kind kann – je nach seinem Naturell und Ruhebedürfnis – einen „Lass mich in Ruhe“-Reflex entwickeln: Es lernt, sich zurückzuziehen und sich zu schützen vor allzu intensiver Bemutterung und Bekümmerung, und es lernt gleichzeitig, dass die Gefahr solcher überflutender Nähe tendenziell von weiblichen Wesen ausgeht.

Das Kind, das dies erlebt, kann ebenso gut ein Junge wie ein Mädchen sein. Aber wenn es ein Junge ist, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass er bzw. der Mann, zu dem er später wird, diese Haltung in eine spätere Paarbeziehung einbringt. Er wird das Beziehungsschema „Halte Abstand zu einem Wesen, das dich bedrängen und überschwemmen könnte!“ mit größerer Wahrscheinlichkeit auf seine (weibliche) Partnerin übertragen, als ein Mädchen bzw. Frau es auf ihren (männlichen) Partner überträgt. Das Schema wird schneller und leichter abgerufen als im umgekehrten Fall. Und dann ergibt sich das bekannte, klischeemäßige Muster: Der Mann achtet auf Abstand und Freiraum in der Partnerschaft – und vielleicht schafft er es dadurch, seine Partnerin dazu zu bringen, mehr Nähe zu suchen und einzufordern und damit die „typisch weibliche“ Position einzunehmen.

Und selbst wenn die Mutter ihre emotionale Nähe zum Kind gut reguliert und nicht überschwemmend wirkt, wird das Kind fast zwangsläufig eine Menge Abgrenzungsimpulse ihr gegenüber entwickeln. Den Löwenanteil der Abgrenzungs- und Autonomiekämpfe, die Kinder in der „Trotzphase“ mit ca. 2 Jahren führen, kriegen – solange die Arbeitsteilung so ist, wie sie ist – die Mütter ab. Und das heißt nicht nur, dass Frauen einen Großteil der emotional anstrengenden Erziehungsaufgaben übernehmen, sondern auch, dass das Kind in seiner inneren Beziehungslandschaft eine Verknüpfung mitnehmen kann, die lautet: Abgrenzungskämpfe sind etwas, was man gegen weibliche Wesen führt.

Nun zu den Vätern. Aus demselben und spiegelbildlichen Gründen wie oben haben Väter am Anfang oft eine gewisse Distanz gegenüber ihren Kindern. Solange das Kind ganz klein ist, gehen sie mit einer gewissen Vorsicht und Unvertrautheit an es heran und haben meist weniger engen Kontakt zu ihm. Wenn der Vater dann, ab einem gewissen Alter, auf das Kind zugeht und eine intensive Beziehung zu ihm aufbaut, tut er das eher in einer werbenden, lockenden Weise, nach dem Motto „Schau, was ich Tolles habe“ oder „Schau, was ich Tolles mit dir mache“. Der Zugriff auf das Kind ist nicht selbstverständlich, er muss verdient und erarbeitet werden. Das Kind wiederum findet sich in einer Position des Bespaßt- und Umworbenwerdens. Es ist nicht in Gefahr, eingeengt und vereinnahmt zu werden, eher kann es sich in der erstrebenswerten Position des bevorzugten Spielkameraden oder des/der „kleinen Prinzen/Prinzessin“ finden. Es lernt, dass Nähe zu männlichen Wesen nicht bedrohlich und nervig ist, sondern tendenziell lustvoll und belohnend.

Und auch hier gilt: Die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass ein Mädchen bzw. eine spätere Frau diese Haltung auf ihren Beziehungspartner überträgt, als dass ein Junge bzw. späterer Mann dies auf seine Partnerin überträgt. Und dann passiert wiederum das, was das Klischee sagt: Die Frau erwartet freudige Kontaktaufnahme und Näheangebote – und vielleicht schafft sie es dadurch, den Mann dazu zu bringen, dass er sich bedrängt fühlt und in die „typisch männliche“ Position des einsamen, auf eine Freiheit bedachten Cowboys geht.

Auch diese Darstellung ist natürlich nur ein Abziehbild und wird in realen Fällen nicht genau so, so mit vielen Abwandlungen und Ausnahmen auftreten. Wieviel an dieser Deutung dran ist, wird sich möglicherweise in den nächsten paar Generationen ein bisschen überprüfen lassen. Dann werden nämlich zunehmend mehr Menschen leben und erwachsen sein, die in den ersten Lebensjahren primär von Vätern betreut worden sind – von hauptzuständigen Vätern, von alleinerziehenden Vätern oder von schwulen Väterpaaren – und die deshalb vielleicht Beziehungsmuster mit umgekehrtem Geschlechtsindex ausgebildet haben. An ihnen müsste man prüfen können, ob gelebte Beziehungsmuster im Erwachsenenalter – im Durchschnitt oder in der statistischen Häufung – dann anders ausfallen.

Was daraus folgen würde, weiß ich nicht. Wäre der Schluss: Löst die Primärstellung der Mütter in der Säuglingsbetreuung ab, damit Kinder geschlechtlich un-gebiaste Beziehungserwartungen – oder jedenfalls statistisch zufallsverteilte Beziehungserwartungen – ausbilden können? Oder wäre der Schluss doch eher: Kenne deine Muster, damit du ihre Wirkungen in späteren Beziehungen begrenzen und kontrollieren kannst? Da das ohnehin alles Zukunftsmusik ist, ist das gottseidank irrelevant.

2 Kommentare zu „Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen

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