Das Virus und wir

Dass das Coronavirus im menschlichen Körper ganz Unterschiedliches bewirken kann, ganz unterschiedliche Verläufe auslösen kann, wissen wir inzwischen. Weniger gut erforscht ist, dass Menschen auch psychisch ganz unterschiedlich auf den Kontakt mit dem Virus, das heißt: auf einen positiven Coronatest, reagieren. Zur Füllung dieser Forschungslücke sei hier eine vorläufige und sicher unvollständige Typologie vorgeschlagen, die als Führer zur Selbsterforschung benutzt werden kann und folgende Reaktionen umfasst:

  • Angst & Ohnmacht: „Wie krank werde ich werden?“
  • Schuld & Verantwortung: „Wen könnte ich angesteckt haben?“
  • Moral & Empörung: „Wo habe ich mich angesteckt?“
  • Ansprüche & Klagen: „Warum funktioniert nichts in diesem Land?“
  • Stärke & Unerschütterlichkeit: „Na und?“  

Vom psychischen System aus gesehen findet der Kontakt statt, wenn man von der Infektion erfährt – also entweder bei deutlichen, unverwechselbaren Symptomen oder bei einem positiven Test, bei leicht zu beeindruckenden Menschen einem positiven Selbsttest, bei härteren Naturen einem positiven PCR-Test. In so einem Kontaktfall hat man viel Zeit zum Nachdenken, da man dann 10 oder 14 Tage mit sich allein ist, und diese Situation bringt all die Psychodynamiken, die unser Erleben bestimmen, ans Licht.

Wie alle Typologien ist auch meine ein bisschen boshaft in der Zuspitzung, und wie alle Typologien beschreibt sie die meisten konkreten Fälle nur partiell und graduell. Ich fühle mich berechtigt, sie trotzdem zu schreiben, weil ich gerade 10 oder 14 Tage Zeit habe und weil ich selbst perfekt unter einen oder sogar zwei dieser Typen passe, also nicht nur andere Menschen, sondern auch mich selbst boshaft beobachte. Selbstironie entschuldigt Fremd-Ironie – so hoffe ich jedenfalls. Die damit verbundene Hoffnung ist, dass man mit einem augenzwinkernden Studium dieser Typologie zu einer Haltung mit etwas mehr Humor, Ironie und Selbstinfragestellung finden kann.

  •  Angst & Ohnmacht: „Wie krank werde ich werden?“ 

Angst ist eine naheliegende Reaktion angesichts einer potentiell tödlichen Krankheit. Man weiß nicht, welchen Verlauf die Krankheit nehmen wird, ob man zu den schweren Verläufen gehören wird, ob man im Krankenhaus und auf der Intensivstation landen wird, und man hat immer die Bilder der Beatmungsstationen oder gar der Triagezelte im Kopf. Aber auch unterhalb dessen kann man sich fragen, ob es Spätfolgen geben wird, ob man irgendwelche der gefürchteten Langzeitschäden entwickeln wird, an Atemwegen, Leistungsfähigkeit, Konzentrationsfähigkeit, Gehirn usw. Darüber ist wenig bekannt, und das heizt die Angst an. Das Unbekannte hat dem Menschen schon immer mehr Angst eingeflößt als das Bekannte.

Die Angst ist angefüttert worden durch einen fast zwei Jahre dauernden globalen Pandemiediskurs, und sie explodiert, wenn das Positivergebnis auf dem eigenen Testkit kristallisiert. Das Gefühl ist: „Eine heiß diskutierte und global bekämpfte Bedrohung, vor der ich mich zwei Jahre zu schützen versucht habe, ist bei mir angekommen.“ Das kann dann die Angst nähren vor dem, was kommt. Da die Angst vor einer möglichen Infektion, die man vorher hatte, sich materialisiert hat und sich als zutreffend erwiesen hat, steigert sich die gefühlte Wahrscheinlichkeit, dass auch die zweite Angst – die Angst vor einem schweren, vielleicht tödlichen Verlauf – sich bewahrheiten und materialisieren wird.

Und natürlich ist das Angstmuster berechtigt in dem Sinn, dass ein schwerer Verlauf passieren kann und dass das Millionen Menschen weltweit passiert ist. Andererseits ist es Hunderten von Millionen Menschen nicht passiert; und andererseits passiert es einem, wenn es einem passiert, unabhängig davon, ob man vorher Angst hatte oder nicht. Es ist so, wie das Hufeisen über der Tür auch hilft, wenn man nicht dran glaubt. Nur umgekehrt. (Alte Geschichte: Ein Professor hat ein Hufeisen über der Tür hängen. Ein Kollege besucht ihn, blickt skeptisch auf das Hufeisen und fragt: „Glaubst du da dran?“ Der Professor verneint. Der Kollege fragt zurück. „Und warum hängt das Hufeisen dann da?“ Der Professor antwortet: „Es hilft auch, wenn man nicht dran glaubt.“)

Hier ist es genauso, nur umgekehrt. Normalerweise warnen die Ängstlichen die Nicht-Ängstlichen vor den möglichen schlimmen Folgen: „Es kann dir auch passieren, wenn du keine Angst davor hast!“ Aber der Umkehrschluss gilt natürlich auch: „Es kann dir auch nicht passieren, wenn du Angst davor hast.“ – Und die Angst vor einem schweren Verlauf dürfte inzwischen eine geringere Wahrscheinlichkeit für sich haben als die Angst vor Ansteckung. Angesteckt hat sich in Deutschland bisher ungefähr jeder 15. Mensch (und bald wird es jeder 14., 13., 12. … sein). Einen tödlichen Verlauf hat die Krankheit bei weniger als jedem 100. Infizierten; ins Krankenhaus kommt derzeit, nach den aktuellen Zahlen von Lothar Wieler, ungefähr jeder 15. Infizierte. Also hat man vielleicht mit der Ansteckung, und mit der Angst, seinen Teil schon abgeleistet. Man muss nicht das Hufeisen haben und dran glauben.

  • Schuld & Verantwortung: „Wen könnte ich angesteckt haben?“

Eine andere Reaktion ist, dass man sich um sich selbst wenig Sorgen macht, aber dafür umso mehr um andere, die jetzt ebenfalls gefährdet sein könnten. Die Frage ist: „Wen habe ich angesteckt, bevor ich von der Infektion wusste? Wo habe ich Infektionsketten in Gang gesetzt? Wie kann ich sie stoppen? Wen muss ich informieren? Was hätte ich tun können, tun müssen, tun sollen, um das zu verhindern?“ Man ist weniger auf die unmittelbaren körperlichen als auf die sozialen Folgen ihres Viruskontaktes konzentriert: auf die Folgen, die „stromabwärts“ in der von ihnen ausgelösten Infektionskette – oder auch nur Quarantäne- und Lahmlegungskette – eintreten.

Das dominierende Gefühl ist das schlechte Gewissen: „Wenn ich nicht gewesen wäre, dann wäre jetzt dort keine Quarantäne, kein Online-Unterricht, kein Infektionsfall, keine Risiken für Dritte – dann gäbe es heute einen Fall weniger, morgen zwei, nächste Woche zehn, usw.“ Im Erleben nimmt man gefühlt die ganze Schuld für die kompletten eventuell sich ergebenden, vielleicht auch nur vermuteten Infektionsketten auf sich, zu 100%. Dies ungeachtet dessen, dass an solchen weiterlaufenden Infektionsketten natürlich auch andere Faktoren beteiligt sind: andere Menschen, die Kontakte haben, und darunter oft auch Menschen, die nachlässig sind, Regeln missachten oder ungeimpft durch die Welt laufen. Die Kausalbeiträge anderer lässt man in der Rechnung hinten runterfallen, während man den eigenen Kausalbeitrag – Ich war infiziert dort-und-dort! – in ungebrochener Kraft leuchten sieht. Es soll Leute geben, die ihren Studenten an der Uni, die mit ihnen im Seminar waren, aber nicht offiziell als Kontaktperson zählen, anbieten, privat für deren PCR-Test aufzukommen, wenn sie nach offiziellen Regeln keinen Anspruch auf einen kostenlosen PCR-Test haben.

Die Situation setzt ein Ideal in Kraft, wonach es am besten ist, nicht da zu sein, nicht sichtbar oder hörbar zu sein, nicht wirksam zu werden. Die Handlungen und Kontakte anderer Personen wird man unbesehen als Weltgegebenheit hinnehmen, während die eigenen Handlungen und Kontakte gnadenlos kritisch beleuchtet und in Frage gestellt werden.

Und natürlich sind Schuldgefühle berechtigt in dem Sinn, dass die meisten Infizierten tatsächlich irgendjemanden anstecken und als eine Billardkugel in dem globalen statistischen Spiel der Weiterverbreitung wirksam werden. Aber die Frage ist: Entspricht diesem Umstand eine persönliche Schuld in dem gefühlten Ausmaß? Hierzu nur folgende Milchmädchenrechnung: Wenn die Schuldgefühlfraktion Recht hätten, dann müsste die aggregierte subjektive Gesamtschuld an dieser Pandemie sich bei jedem Ansteckungsschritt verdoppeln – denn der früh in der Kette Stehende trägt die Schuld an der ganzen weiterlaufenden Kette, aber in jedem Schritt kommt ja die Schuld der später Hinzugetretenen dazu. Das folgt derselben Logik wie bei einer Ahnenreihe, wo von Generation zu Generation – beim Voranschreiten von Kindern zu Kindeskindern usw. – die Zahl der Vorfahren sich verdoppelt. Die Gesamtlast an Schuld dürfte also mittlerweile, nach 2 Jahren und, grob geschätzt, ca. 120 Infektionszyklen, bei 2120 liegen (eine Zahl mit 36 Nullen). Das ist eine Schuld, unter der man die Menschheit gut begraben kann. Mathematisch mag das Unfug sein – aber das heißt ja bekanntlich nicht, dass es psychisch nicht nützlich sein kann.

  • Moral & Empörung: „Wo habe ich mich angesteckt?“

Hier wird die Kausalkette in die umgekehrte Richtung verfolgt wie in Typ 2. Nicht: „Wen könnte ich angesteckt haben?“, sondern: „Woher habe ich die Infektion?“ Manchmal mag es eine klar identifizierte Infektionskette geben, die diese Frage gültig beantwortet. Dann ist die Frage: Kann man das demjenigen übelnehmen? Das ist persönlich zu beantworten, wenn man denjenigen persönlich kennt und weiß, wo man sich angesteckt hat. Oft weiß man es aber nicht, und dann hat man viel Gelegenheit zu spekulieren.

Wenn man nicht auf konkrete Situationen und Personen stößt, die die Infektion erklären können, bleiben nur anonyme Situationen in Bus und Bahn, Café und Kneipe. Dabei könnte man es belassen („Man weiß es halt nicht, man kann sich überall anstecken“), wenn man Zufall als Erklärung erträgt – aber darin war der Mensch noch nie besonders gut. Man kann deshalb den Weg der Ursachen- und Verantwortungssuche auch im Anonymen und Ungewissen weitergehen. Man kann dann etwa sagen: „Es gibt so viele Leute, die unverantwortlich sind, ihre Quarantäne nicht einhalten, sich zu zwanzigst im Park treffen, Feiern gehen, und ich stecke mich dann an!“ Oder: „Ohne die Ungeimpften hätten wir keine vierte Welle und ich hätte mich nicht angesteckt!“

Menschen, die so denken oder deren Denken viel auf diesen Bahnen unterwegs ist, haben vielleicht auch schon vor ihrer Infektion das Coronaproblem vor allem unter dem Gesichtspunkt der Verantwortung für die Allgemeinheit gesehen. Sie vertreten vielleicht die Sicht: „Es ist asozial, sich nicht impfen zu lassen und in Kauf zu nehmen, dass die Inzidenzzahlen hochgehen und die Schulen wieder geschlossen werden.“ Das Coronaverhalten von Menschen wird dann zum Ansatzpunkt für moralische Empörung – für die Bekräftigung der Erwartung, dass man nicht egoistisch sein darf und die anderen Menschen auf der Welt genauso wichtig nehmen soll wie sich selbst. Wenn das ist eine tief eingewurzelte Haltung ist, leben sie wahrscheinlich auch sonst ein moralisches und altruistisches Leben, melden sich freiwillig zu ungeliebten Arbeiten, trennen ihren Müll und stellen sich als letztes in die Schlange, wenn es Schokoladenpudding zu holen gibt.

Und natürlich ist das Moralmuster berechtigt in dem Sinn, dass viele Menschen sich Kontakteinschränkungen, Quarantänevorschriften oder Impfempfehlungen verweigern und damit zu der aktuellen kritischen Lage beitragen. Das ist als objektive Situationsbeschreibung nicht zu bestreiten. Und trotzdem führt die Schuldfrage – hier wie so oft im Leben – nicht unbedingt weiter, und führt jedenfalls nicht zu Befriedung und Ausgeglichenheit im Fragenden. Letztere findet sich eher dadurch, dass man sich den Ausgleich holt – indem man zum Beispiel beschließt, nach der Pandemie (oder die sechs Monate nach der Infektion!) feiern zu gehen, bis die Balken krachen und die Boxen durchbrennen.

Die Devise ist also: „Vom Gegner lernen heißt Siegen lernen.“ Denn Feiern gehen ist nur und ausschließlich unter Coronabedingungen eine schlechte Idee. Ansonsten ist es eine gute Idee, gerade für moralisch denkende Menschen, loszugehen und sich zu holen, was man vom Leben will, und die anderen die anderen sein zu lassen. Man muss – außer vielleicht unter Bedingungen einer Pandemie – die anderen Menschen nicht genauso wichtig nehmen wie sich selbst, weil die anderen für sich selbst sorgen können. Wie heißt es so schön als Kühlschrankmagnetspruch: „Alle denken an sich, nur ich denk an mich!“ Darin steckt mehr Weisheit, als das Kühlschrankformat vermuten lässt.

  • Ansprüche & Klagen: „Warum funktioniert nichts in diesem Land?“

Wer mit einem positiven Coronabefund zu Hause sitzt, hat viel Gelegenheit, sich über die Welt zu erregen – über die Schlechtigkeit und Schludrigkeit anderer Menschen und Institutionen. „Warum ruft das Gesundheitsamt mich nicht an? Warum weiß niemand, was jetzt gilt, wer für mich zuständig ist und wer alles in Quarantäne muss? Warum ist das alles so desorganisiert?“ Man erlebt die Fortsetzung dessen, was sich vorher schon an undurchschaubaren pandemie-bürokratischen Wirrnissen im Leben gestapelt hat: Welche Regel gilt wann und wo? Wie funktioniert das Homeschooling, wann und nach welchem System? Warum wird die Schulklasse geteilt, warum nicht anders, und warum wechseln die Teilgruppen an verschiedenen Schulen nach verschiedenen Rhythmen? Warum können die Lehrer das Material nicht organisiert bereitstellen, und warum kann neben dem Präsenzunterricht für Präsenzkinder nicht parallel Online-Unterricht für Quarantänekinder angeboten werden?

Wer so auf den Pandemiealltag reagiert, hat vielleicht auch sonst im Leben viele Sozialpartner gehabt, an denen man die Enttäuschung eigener Erwartungen und Ansprüche erlebt hat: vielleicht Ehepartner, die einen betrogen haben oder die einfach nach zehn Ehejahren nicht mehr so sind, wie sie sich am Anfang dargestellt haben; oder Chefs, die die versprochene Beförderung nicht liefern; oder Kollegen, die ihnen nicht ausreichend zur Seite springen und im Zweifel nicht kapieren, was Sache ist; oder vielleicht wohnt man in Berlin, wo ohnehin nichts funktioniert und die kommunale Verwaltung zu einer Karikatur ihrer selbst geworden ist. Das Klagen über die Welt ist dann zwar eine mühsame Art, aber immerhin eine Art, Ansprüche geltend zu machen und auf seinem Recht zu bestehen.

Und natürlich ist das Klagemuster berechtigt in dem Sinn, dass in Deutschland und der Welt seit zwei Jahren alles drunter und drüber geht, alle überfordert sind, keiner Bescheid weiß und man besser nicht nach dem Warum oder gar der Konsistenz von Regeln fragt. Es ist auch wahr, dass dieser permanente Chaosmodus viele Menschen – besonders: viele Eltern – an ihre Belastungsgrenzen getrieben hat, oder auch darüber hinaus. Aber die Frage ist ja: Wie macht man es sich leichter? Macht man es sich leichter, wenn man in dieser Situation auf Ordnung und System besteht? Und: Glaubt man wirklich, dass man selbst es besser hinkriegen würde? Das ist die Frage, die man an diesem Punkt stellen kann: Glaube ich wirklich, dass es das ganze Chaos nicht gäbe, wenn ich Gesundheitsminister in Berlin oder Kultusminister in meinem Bundesland wäre?

Anekdote hierzu: Meine persönlichen Ansprüche an politische Reformen sind deutlich gesunken, seit ich versucht habe, an der Universität Bielefeld eine winzige, partielle Studiengangsreform für einen einzigen Bachelor-Studiengang durchzusetzen, die nach vier Jahren, drei Evaluationen und zahllosen Gesprächen in diversen Gremien sang- und klanglos versickert ist. Seither denke ich, wenn ich Berichte über die EU lese, voll Bewunderung: Wie schaffen die das, in zwei Jahren eine Richtlinie für die ganze EU zu ändern, mit 27 Mitgliedsstaaten? Und seither denke ich auch: Was bin ich froh, dass ich nicht Gesundheitsminister in einer Pandemie bin!

Wenn dann hilft in dieser Situation Chaostoleranz und Auftanken an der grundlegenden systemtheoretischen Einsicht, dass die Welt erst mal Chaos ist und erst im zweiten Schritt Ordnung. Ordnung ist eine späte Errungenschaft. Der Kobold lebt im Zweifel glücklicher als der Ordnungshüter, und der Kasperle glücklicher als der Wachtmeister Dimpflmoser. Überleben kommt zuerst, und Bürokratie ganz zuletzt.

  • Stärke & Unerschütterlichkeit: „Na und?“

Wer schon vorher keine Angst vor dem Virus hatte, hat sie auch dann nicht, wenn das Virus im eigenen Körper nachgewiesen wird. „Ich werd ja wohl mit einem kleinen Virus fertigwerden, alles nicht so schlimm, was regt ihr euch so auf?“ Donald Trump hat diese Haltung wunderbar vorgemacht, als er seine Infektion zum Anlass für Daumen-hoch-Gesten und die Botschaft nahm: „Mich kriegt nichts unter“, „Wer stark ist, den macht eine Infektion noch stärker.“ Es wird berichtet, dass manche Menschen diese Haltung bis zur Intensivstation durchhalten.

Diese Haltung korreliert möglicherweise mit einem auch sonst starken Autonomiebedürfnis, einem Bedürfnis, die Kontrolle haben, und einem Misstrauen gegenüber der Welt, die einem Böses wollen könnte. Es ist aber gar nicht sicher, ob es sich wirklich um eine psychische Haltung handelt oder nicht eher um eine politische Haltung, die mit psychischen Strukturen nur locker zusammenhängt. Man kann vermuten, dass diese Haltung vor Angst, vor Schuldgefühlen, vor Moral und vor Anspruchshaltung schützt.

Und natürlich ist die Na-und-Reaktion berechtigt in dem Sinn, dass die meisten Menschen, die sich mit Corona infizieren, ohne größere Schäden wieder rauskommen. Es ist also wahr, dass diese Reaktion in einer größeren Zahl von Fällen „aufgeht“ als etwa die Angstreaktion. Vom Individuum aus gesehen, mit ausreichender Toleranz für Kollektiv- und Aggregatgrößen, hat die Na-und-Fraktion Recht, oder meistens Recht. Und dass sie in manchen Fällen nicht Recht hat, ist gewissermaßen eingepreist: Das Überleben der Starken hat schon immer das Hinauskomplimentiertwerden der Schwachen impliziert, oder, wie man auf bayerisch sagt: „A bissal Schwund is immer.“

Insofern ist die Strategie mit Ur-Optimismus verwandt. Aber die Frage ist: Wer will sie haben? Mehr fällt mir dazu nicht ein. Gegen diese Art von Stärke ist kein Kraut gewachsen. Ich zitiere deshalb nur einen Twitter-Austausch, der zur Fortsetzung dieses Irrwitzdiskurses einlädt (oder auch nicht): „Fear is the path to the dark side. Fear leads to anger. Anger leads to hate. Hate leads to suffering.“ (Meister Yoda) – „Strength leads to control. Control leads to confidence. Confidence leads to illusion. Illusion leads to hell.“ Usw. usf.

Fazit

An dieser Stelle breche ich meine durch und durch neutrale Reflexion auf verschiedene Psychostrategien im Umgang mit dem Coronavirus ab. Vielleicht regt sie den einen oder anderen dazu an, sich selbst interessiert und selbstironisch zu beobachten, während man im Quarantänezimmer sitzt. Man kann dabei einiges über sich lernen. Es ist immer schon so gewesen, dass Körper und Seele nicht streng getrennt sind. Das Virus fordert nicht nur unseren Körper heraus, sondern auch unsere Seele. Wenn man ein bisschen weiß, wie die eigene Seele darauf reagiert, hilft einem das zwar nicht unbedingt beim Bewältigen der ganzen Situation. Aber immerhin beschäftigt es einen den einen oder anderen Nachmittag lang.

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