Opfer romantischer Liebe

Romantische Liebe ist etwas Schönes. Ihr verdanken wir viel von dem Glanz und der Geborgenheit, die unser modernes Leben mit sich bringt. Aber aus etwas größerer Distanz gesehen – wenn wir sagen wir mit den Augen eines Marsmenschen auf die Erde blicken würden –, ist diese Ansicht wenn auch nicht falsch, so doch einseitig. Sie blendet das aus, was der Komplex romantischer Liebe, der sich in der westlichen Gesellschaft seit ein oder zwei Jahrhunderten durchgesetzt hat, an Kosten und Opfern mit sich bringt. „Gepredigt wird hinsichtlich der romantischen Liebe nur ein Himmelreich, nicht aber eine korrespondierende Hölle.“ (Hartmann Tyrell) Aber auch hier gibt es eine Hölle, auch wenn sie besser versteckt ist und weniger öffentlich diskutiert wird als die allzeit in Hochglanz an die Hausfassaden geworfene Liebespropaganda. Die Schattenseite der Liebe ist Privatsache, wird als privates Unglück diskutiert, während die Lichtseite jeden Tag millionenfach in die Mediensphäre und Blogosphäre hinausprojiziert wird.

Wenn man so fragt, lassen sich mindestens drei Gruppen von Opfern romantischer Liebe identifizieren: (1) Insassen unglücklicher Ehen und Paarbeziehungen, (2) unglückliche Singles, und (3) freier Sex.

(1) Zunächst muss man sehen, dass viele Menschen, auf die Dauer gesehen, in liebesbasierten Paarbeziehungen nicht glücklich, sondern unglücklich werden. Ich behaupte hiermit – ohne durch irgendeine Empirie gedeckt zu sein, nur aus familiensoziologischem Bauchgefühl heraus –, dass es im Jahr 2021 garantiert mehr beziehungsbedingtes Unglück auf der Welt gibt als vor tausend oder zweitausend Jahren. Das ist deshalb so, weil das Maß an erlebtem Beziehungsglück und -unglück mit der Höhe der daran gestellten Erwartungen und der Tiefe der eingebrachten Sehnsüchte korreliert. Wer von einer Ehe nicht mehr erwartet, als dass der Partner sich halbwegs anständig aufführt, Kinder gebiert oder durch Arbeit ernährt und ansonsten nicht negativ auffällt, der hat in weniger Fällen Anlass, enttäuscht zu sein, als wer von einer Beziehung das ultimative Matching mit einem seelischen Gegenstück und eine körperlich wie seelisch erfüllende zwischenmenschliche Interaktion erwartet, die sowohl tief wie leicht, sowohl ernst wie witzig, sowohl fokussiert wie vielseitig sein soll. Wer sich seinem Partner mit allen seinen tiefen seelischen Wünschen und Sehnsüchten hingibt, kann von ihm auch umso tiefer verletzt werden – und der Partner kann umso mehr Grund haben, dies (nicht einmal unbedingt böswillig) zu tun, weil er selbst mit seiner ganzen seelischen Veranlagung in der Sache drinhängt (s. letzten Eintrag, „Warum zeigen wir uns unserem Partner von unserer ätzendsten Seite?“).  

Deshalb waren die Menschen vor tausend Jahren in ihren Ehen zwar vermutlich selten besonders intensiv glücklich, aber auch nicht allzu oft intensiv unglücklich. Man musste Pech haben, um einen Ehepartner zu erwischen, mit dem man wirklich unglücklich wurde. Heute dagegen scheint es wenige Beziehungen zu geben, in denen nicht entweder phasenweise oder dauerhaft ein intensives, bis in tiefste Schichten reichendes, einseitiges oder beidseitiges Beziehungsleid herrscht. Liebesbeziehungen sind, neben Arbeitslosigkeit, eine der Hauptursachen für das Unglück moderner Menschen. Die schönen Dinge, wie Erregung und emotionale Aufgehobenheit, die Liebesbeziehungen im Idealfall bringen, bezahlen wir mit der Gefahr des Kippens in Höllenzustände, aus denen wir oft keinen Ausweg mehr finden, angesichts praktischer Beschränkungen wie Kinder, Haus, Gehaltszettel, oder angesichts unaufgelöster psychosozialer Bindungskräfte wie Schuld, Hass, Hoffnung.

(2) Eine zweite Gruppe von Opfern sind unglückliche Singles. Es gibt eine nicht unbeträchtliche, wenn auch ungezählte Zahl von Menschen, denen es nicht gelingt, sich in der Weise zu verlieben, wie sie selbst es von sich erwarten und ihr Umfeld es von ihnen erwartet. Vielleicht haben sie Pech und treffen ihr halbes oder ganzes Leben lang nicht „den Richtigen“ oder „die Richtige“. Vielleicht sind sie schlicht nicht der Typ für übersprudelnde Gefühlszustände und alles verzehrende Leidenschaften. Manche dieser Menschen leiden lange unter diesem Scheitern am Ideal der großen Liebe. Sie wünschen sich, irgendwann doch noch der Liebe ihres Lebens zu begegnen, und unterdessen, solange das nicht passiert, verzichten sie entweder auf Beziehungen und vielleicht auf Familie, oder sie führen diverse kurze, rasch wechselnde Beziehungen oder Affären, ohne sich aber richtig auf eine davon einzulassen, weil sie nicht ihrer Vorstellung von der einen „großen Liebe“ entsprechen.

Das Tragische ist, dass viele dieser Menschen in einer anderen Gesellschaft, wo nicht so hohe Erwartungen an Paarbeziehungen gestellt werden, glückliche Ehemänner oder Ehefrauen, Familienväter oder Familienmütter sein könnten. Sie wären vielleicht gute Partner und gute Familienmenschen – sie sind nur keine guten „Verlieber“. Und in unserer Gesellschaft bleiben sie an der Schwelle hängen, dass man, um eine Familie gründen zu können, einmal so richtig bis über beide Ohren verliebt gewesen sein muss, oder andernfalls ein Legitimierungs- oder Selbstlegitimierungsproblem hat. (Das ist ein Problem, das auf soziologisch „Institutionalisierung“ heißt: Eine bestimmte Form für die Lösung sozialer Probleme wird institutionalisiert, d.h. mehr oder weniger verbindlich vorgegeben, und wer ihr nicht entspricht, der gilt als Problem oder hat ein Problem.)

(3) Das dritte Opfer romantischer Liebe ist weniger eine Kategorie von Menschen als eine Kategorie von Verhalten, nämlich freier Sex. Mit „frei“ ist gemeint: frei von Erwartungen auf Liebe, auf tiefe emotionale Bindung. Für viele moderne Menschen ist Sex etwas, was mit Liebe zu tun hat oder haben sollte: Es ist die körperliche Seite der allgemeinen, umfassenden Zuneigung zu einem anderen Menschen. Für andere Menschen ist das nicht so, aber sie haben – wie oben – ein Legitimationsproblem: Die Vorstellung, „einfach so“ mit jemandem Sex zu haben, ohne mehr von ihm/ihr zu wollen, ist in vielen gesellschaftlichen Milieus nicht ohne weiteres akzeptabel. Oder die Form des „one night stand“ ist, insbesondere unter Jüngeren, zwar an sich akzeptabel, ist aber immer in Gefahr, durch einen der Beteiligten doch als Anlaufform einer Liebesbeziehung empfunden und weiterverfolgt zu werden.

Das liegt wiederum an der Durchsetzung des Modells romantischer Liebe, und es war vorher nicht so. In vielen vormodernen Gesellschaften wusste man freien Sex durchaus zu schätzen und zu pflegen: Das antike Griechenland hatte seine Hetären (kultivierte Abendunterhalterinnen-und-Prostitutionsdamen) und Knabenliebe (institutionalisierte Homosexualität), das klassische Indien seine ausgefeilten Liebestechniken und Liebeslehren wie das Kamasutra. Nur das christliche Abendland hatte eine generell lustfeindliche Moral etabliert, war damit aber eher die Ausnahme. Mit dem Siegeszug der romantischen Liebe aber wurde Sex ins Gravitationsfeld von Liebe eingesaugt und eingemeindet: Sex ist uns jetzt, mehrheitlich, die körperliche Intimität, die mit tief gefühlter seelischer Intimität einhergeht. Sex generiert damit einen sozialen Mehrwert, aber dafür wird ihm der Überschussgehalt an reiner Körperlichkeit genommen oder schwerer zugänglich gemacht. „Freier“ Sex ist das Opfer dieser Konstruktion. Es gibt zwar manche Versuche, in Form offener Beziehungsformen freie Sexualität zurückzugewinnen (offene Beziehungen, Polyamorie usw.), aber sie sind im Vergleich zu dem Mehrheitsmodell relativ schwach entwickelt und führen eher ein Schatten- oder Nischendasein. Andere Formen wie BDSM-Sessions u.ä. haben erst recht eine Randexistenz, finden überwiegend im Verborgenen statt und werden tendenziell „schief angeschaut“ oder nur mit leichtem Gruseln erwähnt.

Damit ist unser Kurzdurchgang durch Opfergruppen der romantischen Liebe vorerst beendet. (Aber eine zweite Tour durch Opfer der modernen Kleinfamilie folgt im nächsten Blog.) Ob die Kosten-Nutzen-Bilanz romantischer Liebe unter dem Strich, alle Folgeschäden und Folgeleiden eingerechnet, immer noch positiv ist, ist schlechterdings nicht zu messen. Es gibt dafür keine Messinstrumente und keine Messskalen. Die subjektive, gefühlte Bilanz ist vermutlich für die meisten Menschen immer noch positiv – oder jedenfalls würden die allermeisten von uns ja nicht zurückwollen ins Zeitalter der arrangierten Ehen.

Dieser Text ist deshalb auch kein Plädoyer gegen die romantische Liebe. Er ist nur ein Hinweis auf eine Doppeltheit von Effekten, die in der modernen Gesellschaft an vielen Stellen zu beobachten ist, nicht nur an dieser. Es scheint ein allgemeines Gesetz zu sein, dass es keinen Fortschritt gibt ohne dazugehörigen Verlust, keine Errungenschaft ohne Pathologie, keine Licht- ohne eine Schattenseite. So hat uns die moderne Wirtschaft nicht nur fließendes Warmwasser, Sofagarnituren und Mobiltelefone gebracht, sondern auch permanenten Zeitdruck, Konsum- und Statuskonkurrenz und ökologische Katastrophen. Die moderne Medizin hat uns nicht nur eine enorme Lebensverlängerung beschert, nahezu 100prozentige Ausschaltung der Kindersterblichkeit und schmerzfreies Zähneziehen, sondern auch antibiotikaresistente Bakterienstämme und möglicherweise neue, laborgezüchtete Virenstämme. Die moderne Politik bringt nicht nur Mitbestimmung, Demokratie und Grundrechtekataloge mit sich, sondern auch die Möglichkeit von Faschismen und Fundamentalismen aller Art. Und ebenso gibt es eben auch kein Liebesglück ohne Liebeselend, oder vom Himmel in die Hölle kippende und rücksichtslos ihre Insassen aufzehrende Beziehungsrealitäten.

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