Spurensuche, oder: Was wir von unseren Eltern erben (I)

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Sigmund Freud hat gesagt, dass die moderne Wissenschaft dem Menschen drei Kränkungen zugefügt hat. Die erste Kränkung war die Entdeckung der Physik, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist, sondern sich um die Sonne dreht. Die zweite Kränkung war die Feststellung der Evolutionstheorie, dass der Mensch vom Affen abstammt und also auch nur ein besseres Tier ist. Die dritte Kränkung war die Entdeckung der Psychoanalyse, dass der Mensch ein Unbewusstes hat und also nicht „Herr im eigenen Haus“ ist, sein eigenes Wahrnehmen und Handeln nur begrenzt im Griff hat.

Das mit dem Unbewussten dürfte inzwischen ins Allgemeinwissen eingesickert sein. Aber die Psychologie hat weitere Kränkungen parat. Dazu gehört zum Beispiel die Erkenntnis, dass wir, ob wir wollen oder nicht, in manchen Punkten so sind wie unsere Eltern. Und wir wollen natürlich nicht, denn wir legen – als moderne, emanzipierte Menschen – Wert darauf, uns von unseren Eltern abzugrenzen, ihre Fehler nicht zu wiederholen und ihre Begrenzungen zu überwinden. Teilweise tun wir das natürlich auch, aber teilweise bleiben immer Dinge aus der Herkunftsfamilie an uns hängen, nehmen wir vorgelebte Muster mit und schleppen sie in unser eigenes Leben mit. In gewisser Weise ist es die Eintrittskarte in die Psychologie, wenn man bereit ist, wiederkehrende Züge an sich und seinen Eltern zu akzeptieren – so wie es die Eintrittskarte in die Soziologie ist, wenn man bereit ist, auch das scheinbar Ureigenste und Individuellste als gesellschaftlich bedingt zu sehen.

Nun müssen wiederkehrende Züge zwischen Eltern und Kindern nicht unbedingt platt und plump daherkommen, nach dem Muster: „Meine Mutter hat immer an uns rumgemeckert, und ich meckere immer an meinem Mann und meinen Kindern rum“, oder „Mein Vater ist immer schweigend vor dem Fernseher gesessen, und ich sitze immer schweigend vor Netflix“. Sie können viel raffinierter und um die Ecke gedacht sein. Hier ein nicht-triviales Beispiel.

Ein Paar führt die immer selben Diskussionen über Klimaerwärmung, Klimaschutz und das richtige Verhalten in diesem Punkt, was zu einer gewissen Verärgerung und Missstimmung zwischen den beiden führen. Die Frau vertritt die Haltung: „Hier ist Verzicht von jedem Einzelnen gefragt: nicht in Urlaub fliegen, kein Auto haben, und beim Kochen immer einen Deckel auf den Topf tun.“ Der Mann vertritt die Haltung: „Das Problem kann nicht durch individuellen Konsumverzicht gelöst werden, hier müssen politische Lösungen her, zum Beispiel Verdoppelung der Flugpreise, und solange das nicht geschieht, brauche ich persönlich mich nicht einzuschränken.“

Nun haben die beiden keine Haltung zur Klimafrage von ihren Eltern gelernt. Wohl aber haben sie allgemeine Lebenshaltungen gelernt, die sich auf dieses Problemfeld übertragen lassen. Die Frau aus unserem Paar ist in einer Familie aufgewachsen, wo die Mutter eine Haltung der Bescheidenheit, des Sich-Zurücknehmens und Rücksichtnehmens in sozialen Beziehungen vorgelebt hat. Die Mutter hatte das wiederum in ihrer Kindheit gelernt in einer nachkriegsbedingt ausgedünnten Familie, wo wenig Zeit, Geld und Zuwendung für die Kinder da war. Sie hat ihr Leben lang eher bescheiden und „dienstbar“ gelebt, hat ihre Berufstätigkeit für die Familie aufgegeben und ihr Leben lang ehrenamtliche Aufgaben für Andere übernommen. Sie ist der Typ Mensch, der sich nie irgendwo in den Vordergrund drängt und auf dem Gehweg an einer engen Stelle beiseitetritt, wenn jemand entgegenkommt.

Die Tochter ist in vielen Punkten anders als die Mutter, aber in Bezug auf das Klimaschutzproblem kommt die Haltung des Sich-Bescheidens und Sich-Zurücknehmens wieder durch. Ihre tiefe Überzeugung ist: Wenn jeder sich beschränken würde, wenn jeder weniger für sich in Anspruch nehmen würde, wäre das Problem zu lösen. Alle im Dienst des Planeten, und alle bereit, ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten des Ganzen zurückzustellen.  

Der Mann aus unserem Paar dagegen ist in einer Familie aufgewachsen, in der die Mutter mit viel emotionaler Energie und ständiger Besorgtheit um die Kinder gekreist ist. Auch hat er eine konfliktvolle Mutter-Großmutter-Beziehung miterlebt. Oft kritisierte die Großmutter Kleidung, Frisur, Verhalten des Sohnes, und viele Konflikte drehten sich um die Frage: „Sieht das Kind ordentlich aus?“, „Kann man sich so benehmen?“ usw. Darin spielte sich ein ungelöster Mutter-Großmutter-Konflikt ab, der sich am Sohn kristallisierte. Die Mutter schwankte zwischen dem Versuch, es ihrer Mutter recht zu machen, und der Parteinahme für den Sohn, war aber jedenfalls selbst tief verstrickt in die Sache. Der Sohn spürte die ganze Spannung, spürte die Unlösbarkeit der Situation und eignete sich zum Selbstschutz – sehr gesund und auch durchaus zutreffend – die Haltung an: „Ich bin ok, ich hab kein Problem, wenn es ein Problem gibt, muss es bei den Anderen liegen.“

Auch diese Haltung lässt sich wunderbar auf das Klimaschutzproblem übertragen. In Sachen Klimaschutz sieht er sich in einer Position, in der er selbst kein Problem hat, nichts zur Lösung tun muss und kann. Das Problem muss bei den Anderen liegen, in diesem Fall: bei den politischen Entscheidern, die Gesetze schaffen und Rahmenbedingungen ändern müssen. Sein eigenes Verhalten ist ok und muss nicht hinterfragt werden.

Man sieht: Die Wiederholung von Zügen der Eltern kann raffiniert und hintergründig sein. Sie kann ganz verschiedene Lebensbereiche übergreifen und muss nicht unbedingt in dem Bereich auftreten, wo Muster zuerst gelernt wurden. Muster können auf ganz anderen Ebenen und an ganz anderen Stellen überraschend wieder aufpoppen.

Es kann eine interessante Beobachtungsaufgabe sein, solche trickreichen Wiederholungen an sich zu entdecken. Dabei ist aber wichtig, dass man diesen Sport vorzugsweise an sich selbst ausübt, und nicht oder nur mit großer Vorsicht am Partner. Niemals darf man dem Partner sagen: „Du bist wie deine Mutter!!“ oder „Du bist wie dein Vater!!“ Dieser Satz wirkt immer als Beleidigung und verschärft Konflikte. Psychologische Beobachtung darf nicht als Munition für Beziehungsstreits und als Mittel zur Kränkung anderer benutzt werden. Wenn und insoweit Psychologie kränkend ist, muss man im Zweifel sich selbst kränken lassen und sich ihrer dadurch als würdig erweisen, dass man ihren Kränkungsgehalt aushält. Psychologie ist keine Waffe, sondern ein Reflexionsinstrument.

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