Die Fähigkeit zum Unglück

„Die Fähigkeit zum Unglück ist dieselbe wie die zum Glück.“ Dieser wunderbare Satz stammt, soweit ich weiß, von Theodor W. Adorno. (Die Quelle habe ich leider nicht gefunden, wenn jemand sie kennt, bin ich für einen Hinweis dankbar.)

Es ist ein wunderbar anachronistischer und irritierender Satz. Zunächst kommt uns ein Satz, in dem Glück und Unglück so symmetrisch behandelt werden, schon per se irritierend vor. Außerdem, was heißt: Fähigkeit zum Unglück? Unglück ist doch normalerweise etwas, was man hat oder was einem zustößt, aber nicht etwas, was man aktiv tut, und folglich auch nichts, was man können müsste. An dieser Stelle den positiv besetzten Begriff „Fähigkeit“ zu setzen, ist komplett gegen unsere sprachlichen und denkerischen Gewohnheiten. Der Sat Satz scheint aber auch nicht ironisch gemeint zu sein, so wie wenn man sagt, jemand habe ein grandioses Talent, überall in Fettnäpfchen zu treten. Er ist durch und durch ernst gemeint und, auf den ersten Blick, durch und durch irrsinnig.

Aber wenn es Adorno war, kann man unterstellen, dass er sich etwas dabei gedacht hat. Was kann das also sein, die Fähigkeit zum Unglück? Es geht um die innere Bereitschaft, Dinge, Gefühle, Zustände an sich heranzulassen, sich nicht abzudichten gegen das, was in einem und um einen herum vorgeht. Wenn man das kann, kann man es sowohl für gute wie für schlechte Dinge, und eins ist nicht ohne das andere zu haben. Manchmal muss man Traurigkeit, Ratlosigkeit, Überforderung, Abschied, Einsamkeit oder sonst irgendeine Art von innerem Schmerz aushalten, und man muss dann die inneren Ressourcen – Fähigkeit! – haben, die einem dieses Aushalten ermöglichen. Andererseits ist genau das eben auch die Eintrittskarte zu der Möglichkeit, die schönen Dinge voll und ungedämpft zu spüren: Freude, Gelöstheit, Gelassenheit, Lust, Tiefe, Nähe und andere Arten von lautem oder leisem innerem Juchzen. Anders gesagt: Es kann einem im Leben nur so gut gehen, wie es einem auch schlecht gehen kann.

Das heißt auch: Die Auffassung, man könne nur die schönen, nicht aber die unschönen Dinge und Gefühle kultivieren, die in manchen „Sei positiv“, „Genieße jeden Tag“ usw. Parolen und Smiley-Lawinen impliziert ist, ist eine Illusion. Es gibt im Bereich des menschlichen Gefühlslebens keine Rosinenpickerei. Im menschlichen Emotionskuchen sind nicht nur Rosinen, sondern auch Oliven drin, und auch die bitteren Früchte muss man nehmen oder nehmen können, wenn man das Ganze essen und – ja – genießen will.

Was aber, wenn das Dunkle überhandnimmt, der Mensch in ein depressives Loch fällt und sich schwer tut, auf die schöne Seite des Lebens zurückzufinden? Adornos Satz hilft hier nicht weiter. So wie der Satz sich liest, hat man den Eindruck: Depressiv war der Mann nicht. Er hat viel an der Welt gezweifelt, aber nicht an sich.

Bei depressiven Tendenzen kommt zur Fähigkeit zum Unglück noch eine Verstrickung ins Unglück dazu, so dass der Mensch immer tiefer hineingezogen wird und, in selbstverstärkender Weise, zur ursprünglichen Traurigkeit noch der Selbstvorwurf und/oder die Scham dazukommt: „Warum bin ich so schwach, schwunglos, unfähig usw.?“, oder der Frust und die Verzweiflung über den immer wieder verlorenen Kampf zwischen derjenigen Seite in einem selbst, die losziehen und die Welt entdecken möchte, und derjenigen Seite, die einen ins dunkle Loch  zurückzieht.

Aber auch dann hilft eine ausgleichende Fähigkeit, man könnte sagen: eine Schwesterfähigkeit. Friedemann Schulz von Thun spricht von „Schwestertugenden“, die der Mensch in ausgewogenem Verhältnis braucht, damit jede Einzeltugend sich gut entfalten kann und nicht, durch zu große Einseitigkeit, zu einer Art Tyrannin und Verschlingerin von Potentialen wird. In diesem Sinn muss bei einer Neigung zu depressiven Schleifen die überbordende Fähigkeit zum Unglück durch eine andere, genau auf die Situation oder auf den Menschen zugeschnittene Schwesterfähigkeit eingehegt werden. Das kann z.B. die Fähigkeit sein, Wut zu empfinden oder Wut rauszulassen, die erlernte Regel „Tu nie jemandem weh“ fallenzulassen. Oder es kann die Fähigkeit sein, sich abzugrenzen, auch mal auf Andere zu sch… und dem eigenen Ich, den eigenen Bedürfnissen zu erlauben, mal so richtig die Sau rauszulassen. (In einem Interview mit der SZ vom letzten Wochenende sagt Schulz von Thun in taktvoller Auslassung, alle schlimmen Dinge würden mit „Sch“ beginnen: „Scham und Schmerz, Schuld und Schande, Schicksalsschläge und Scheitern“. Mir fällt da schon noch ein anderer, verwandter Begriff ein, der auch mit „Sch“ anfängt.)

Im Übrigen könnte auch die Welt der sozialen Medien für meinen Geschmack ruhig etwas mehr Negativität und Euphoriebremse gebrauchen, also die Fähigkeit zum Disliken. Nicht dass ich für Cyber-Mobbing bin, und mein Blog hat meines Wissens auch keinen Dislike-Button. Aber die ungebremste Positivität von Rückmeldungen auf manchen Facebook-, Whatsapp- usw. Foren, wo jede Äußerung mit fünf Smileys und drei Herzchen kommentiert wird, hat schon etwas Intelligenzbeleidigendes. Ein Like ist nur so viel wert, wie man nicht alles und jeden auf der Welt liked. Genauso ist es ja auch in der Offline-Welt: Jemanden, der alles mit „Toll! Super! Wunderbar!“ kommentiert, kann man irgendwann nicht mehr ernst nehmen. In diesem Sinn gilt, Adorno reloaded fürs 21. Jahrhundert: Die Fähigkeit zum Dissen ist dieselbe wie die zum Liken.

Ein Kommentar zu “Die Fähigkeit zum Unglück

  1. Das like ich, in voller Überzeugung! Sehr interessanter Beitrag, ich lasse mich sogar dazu hinreißen, danke zu sagen. Sonst tue ich mich schwer damit, weil leider auch der Dank, zur Floskel verkümmert, in gewissen Bereichen online und offline Einzug gehalten hat. Was uns immer mehr verloren geht, meine ich, ist die Ehrlichkeit. Wenn wir ehrlich wären, würden wir nicht alles liken, würden Glück empfinden und genauso Unglück, Schmerz und Enttäuschung. Denn aus beidem, aus den Gegensätzen besteht unser Leben, wenn es sich richtig anfühlen soll.

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