Skylla und Charybdis

In der griechischen Mythologie gibt es die Sage von Skylla und Charybdis – zwei Ungeheuern, die auf gegenüberliegenden Seiten einer Meerenge lauern und alle Schiffe verschlingen, denen es nicht gelingt, genau in der Mitte durchzusteuern.

Im Zusammenleben von Menschen entstehen manchmal ähnliche Lagen. Wer in einer Paarbeziehung lebt, kann manchmal das Gefühl haben, es dem Partner in bestimmten Dingen nie recht machen zu können. Wenn man links herum steuert, ist er unzufrieden, und wenn man rechts herum steuert, ist er auch unzufrieden. Man fährt immer auf die eine oder andere Klippe auf und findet keine Möglichkeit, unbeschadet dazwischen durchzusteuern. Solche Skylla- und-Charybdis-Situationen können durch das Einrasten einer unglücklichen Entweder-Oder-Wahrnehmung zustande kommen.

Betrachten wir ein Beispiel: ein Paar, beide berufstätig, die Frau hat zwei ältere Kinder aus erster Ehe, es gibt ein gemeinsames Kind. Die Betreuung des jüngsten Kindes teilen sich die Partner fifty-fifty, aber die Frau ist trotzdem chronisch unzufrieden, fühlt sich überlastet, findet kaum Zeit zur Erholung und Entspannung, staut Unzufriedenheit und Ressentiments an.

In diesem Fall haben ihre Erfahrungen in der ersten Ehe dazu geführt, dass die Frau beim Thema Kinderbetreuung zwischen zwei gleichermaßen negativen Wahrnehmungen pendelt. Ihr erster Mann hatte sie mit der Kinderarbeit praktisch ganz alleingelassen, entgegen anderslautenden Absprachen. Das hat bei ihr zu großer Enttäuschung und Bitterkeit geführt. Gleichzeitig hat sie sich irgendwann mit ihrer Allzuständigkeit abgefunden, die für sie auf die Dauer weniger schmerzhaft war als die ständig neu enttäuschte Hoffnung, den Mann zur Mitarbeit bewegen zu können. In der neuen Partnerschaft mit eigentlich idealer Arbeitsteilung läuft die Frau deshalb in die folgende Wahrnehmungsfalle:

– Wenn sie sich um das Kind kümmert, rastet das alte Gefühl ein: „Immer muss ich alles machen“ – selbst wenn sie weiß, dass das nicht stimmt, dass ihr Partner genauso viel macht wie sie und nur jetzt gerade nicht dran ist. Das ist das Echo der alten angestauten Wut und Enttäuschung.

– Wenn der Partner sich um das Kind kümmert, greift – im Kontrast zu der früheren Situation – das Gefühl: „Was für ein unverdientes Geschenk!“ und gleichzeitig der Reflex: „Eigentlich müsste ich das doch machen“, „Eigentlich bin ich doch zuständig“. Sie kann sich deshalb auch dann nicht entspannen, kann die Zeit nicht für Erholung und Entspannung nutzen, sondern bleibt permanent in der Anspannung, in der latenten Zuständigkeit und tendenziell im schlechten Gewissen. Das ist das Echo des alten Sichfügens in die Alleinzuständigkeit.

Die Frau steckt also immer entweder in dem einen oder in dem anderen Unheil fest. Es gibt keinen neutralen Raum dazwischen, wo es einfach ok ist, sich um das Kind zu kümmern oder den Partner sich kümmern zu lassen. Das gesamte Gelände der Kinderbetreuung wird durch die beiden Ungeheuer der „zu günstigen“ und „zu ungünstigen“ Arbeitsteilung aufgefressen.

Wahrnehmungen im Entweder-Oder-Schema sind immer problematisch, selbst wenn nicht beide Seiten der Alternative negativ besetzt sind, sondern es sich um eine Gut-Schlecht-Alternative handelt. Es gibt zum Beispiel Paare oder Familien, in denen unbewusst und unausgesprochen die Auffassung herrscht: „Entweder wir sind uns ganz nah, halten in allem fest zusammen, oder wir verlieren uns, geben uns auf, fallen als Paar/Familie auseinander.“ Das führt dann zu einem überstarken Nähe- und Gemeinsamkeitsbedürfnis, im Versuch, immer auf der guten Seite der Alternative zu bleiben und niemals auf die schlechte Seite zu fallen, was aber die Beteiligten auf die Dauer zu sehr beansprucht und einengt. Auch hier fehlt der Raum dazwischen, wo man sowohl in einer gewissen Distanz, Differenz, Verschiedenheit sein kann als auch den Zusammenhalt als Paar oder Familie behalten kann.

Manchmal sitzen solche Entweder-Oder-Wahrnehmungen tief im Charakter und in den Beziehungserfahrungen eines Menschen. Wer seine ganze Kindheit hindurch vorgelebt bekommen hat, dass Familie ein enges, lückenloses Zusammenhalten ist, der wird das nicht einfach so abstellen können, selbst wenn er sieht, dass er damit auf eine Skylla-und-Charybdis-Klippe auffährt. Wenn es nicht zu tief sitzt, ist aber manchmal das Erkennen einer solchen Klippe schon die halbe Miete. Wenn die Frau im obigen Beispiel auf ihre innere Seekarte des Erlebens aufmerksam gemacht wird, wo an dieser Stelle eine praktisch unpassierbare Engstelle liegt, kann sie sich vielleicht schon ein Stück entspannen, loslassen und die beiden Ungeheuer ein bisschen weiter auseinanderrücken lassen.

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