Let’s talk about … Beziehungstalk

Wenn man der modernen Gesellschaft ein Erkenntniszeichen geben müsste, das man ihr aufs T-Shirt drucken kann, müsste es eine exponentielle Wachstumskurve sein. Alles in unserer Gesellschaft wächst in den Himmel, alles erlebt ein explosionsartiges Wachstum, das die verfügbaren Dinge, Informationen, Komplexitäten seit, sagen wir: dem Mittelalter um den Faktor 100 oder 1000 vermehrt hat.

Das gilt für praktisch alle Bereiche des Leben: Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Politik, Medizin, Massenmedien, usw. Die Zahl der auf der Welt produzierten Güter ist von einer recht überschaubaren Zahl an benötigten Dingen ins nahezu Unermessliche gestiegen. Ebenso ist das Wissen der Menschheit explodiert; nach Berechnungen verdoppelt sich die Menge des vorhandenen Wissens, gemessen in publizierten Buchseiten, alle zwei Jahre. Auch  Rechtsregelungen sind ins Unermessliche gewachsen; allein die in der EU gültigen Vorschriften zur Finanzmarktregulierung haben eine halbe Million Seiten. Die Massenmedien sind seit der Erfindung des Buchdrucks von, gefühlt, einer Seite pro Mensch und Jahr auf hundert Seiten pro Mensch und Tag gewachsen. In diesem Stil könnte man noch lange weitermachen.

Wenn Liebe nun auch ein solcher gesellschaftlicher Teilbereich ist, (wie im letzten Beitrag gezeigt), kann man fragen, ob sie auch an diesem Wachstumstrend teilhat. Das scheint auf den ersten Blick unsinnig zu sein. Wie soll es hier eine nennenswerte Steigerung geben können, wenn doch jeder Mensch, über den Daumen gepeilt, zu jedem Zeitpunkt ca. eine Liebesbeziehung führen kann? (Kleine Variationen im Einzelfall eingerechnet – Affären, Polyamorie usw. –, die sich in der Summe wieder wegnivellieren.) Man könnte mit einrechnen, dass die meisten heutigen Menschen im Lauf ihres Lebens mehrere Beziehungen nacheinander eingehen, so dass also insgesamt mehr Beziehungen auf der Welt geführt werden, wenn auch weiterhin zu jedem Zeitpunkt ungefähr eine pro Person. Aber damit kommt man nur auf eine Steigerung um den Faktor drei, vier oder fünf, und noch lange nicht in den Bereich exponentiellen Wachstums.

Das eigentliche Wachstum findet anderswo statt. Es liegt nicht in der Zahl der existierenden Paarbeziehungen, sondern in der Menge der Liebeskommunikation, die auf der Welt abgesetzt und entgegengenommen wird. Betrachten wir etwa die Zahl der geführten Beziehungsgespräche, dann können wir sicher sein, dass diese seit 1500 um den Faktor 100 ist. Die meisten heutigen Paare führen in mehr oder weniger großer Dichte Problemgespräche, Wohlfühlgespräche, Krisengespräche, Versöhnungsgespräche, die nichts anderem als ihrer Betätigung und Bestätigung als Paar dienen. Das ist eine relativ neue Sitte, die Ehepaaren im Mittelalter oder in der Antike unbekannt war. Oder kann man sich zwei Bauersleute vorstellen, die sich abends nach getaner Arbeit zu einem Gespräch zusammensetzen, um den wechselseitigen Stand ihrer Selbstentfaltung, Beziehungszufriedenheit und Zärtlichkeitswünsche zu diskutieren?

Nehmen wir weiter die Zahl der Erzählungen über Paargeschehen, Anbahnungsgeschehen, Trennungsgeschehen usw. hinzu, die Dritten gegenüber abgegeben werden, also den permanenten Beziehungsdiskurs, den moderne Menschen mit ihrem Umfeld führen. Zählen wir weiter Bücher, Filme, Fotos zum Thema – all die Romane und Ratgeber, Schnulzen und Selfie-Orgien, Bildreportagen und Blogs, die dazu produziert und konsumiert werden. Nicht zu vergessen das Angebot an Paarberatung und Paartherapie, dem die Fortgeschrittenen dieses Feldes sich widmen können. Wenn wir so zählen, dann finden wir genau das explosionsartige Wachstum, das auch an den anderen gesellschaftlichen Bereichen zu beobachten ist. Unser Bedarf an Liebeskommunikation scheint unstillbar, genauso wie unser Bedarf an Konsumgütern, Informationen und Rechtsparagraphen unstillbar ist.

Wenn es noch einen Beweis bräuchte, dass Liebe eine Erfindung der Gesellschaft und kein natürliches Merkmal des Menschen ist, dann wäre er hiermit erbracht. Denn der Mensch als Mensch hat sich seit 1500 nicht nennenswert verändert. Er ist evolutionär, biologisch, genetisch der gleiche geblieben oder hat sich nur ganz unmerklich weiterentwickelt. Unser Bedarf an Liebeskommunikation kann also nicht in menschlichen Bedürfnissen begründet sein, sondern nur in der Art, wie Liebe gesellschaftlich praktiziert, problematisiert, dynamisiert, reflektiert wird.

Gesellschaftliche Teilbereiche sind dynamische und feinfühlige Wesen, die, wenn sie einmal ins Leben gerufen wurden, ihre eigene innere Unruhe entwickeln. Sie wollen immer mehr, drehen sich immer schneller, treiben sich selbst immer weiter voran. Es gibt keinen natürlichen Stopppunkt dafür; vom Teilsystem aus gesehen ist Mehr immer besser als Weniger, und das Erreichte ist nie genug. Und das gilt eben auch für Liebe und Liebeskommunikation. Denn: Haben wir schon genug Beziehungskommunikation? Nein, es gibt immer noch viel zu viele Paare, die viel zu wenig miteinander reden und sich schweigend voneinander entfremden, statt Auseinandersetzung, Kontakt, Kommunikation zu suchen. Da mag der Mensch überfordert sein, aber der Paartherapeut freut sich.

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