Die dunkle Seite des Menschen

Nach dem Runespoor aus einem früheren Beitrag („Kampf mit sich selbst“) möchte ich noch eine weitere Figur aus der Harry-Potter-Welt kommentieren. Diesmal ist meine Lieblingsfigur dran, nämlich der Lehrer Severus Snape, der in Hogwarts das Fach Zaubertränke unterrichtet. Bei seinem ersten Auftreten im Film betritt Snape das Klassenzimmer mit wehendem Mantel und grimmigem Gesicht und verkündet: „Albernes Zauberstabfuchteln und Zauberspruchmurmeln wird es bei mir nicht geben. Hier wird ernsthaft gearbeitet.“ Er macht einen reichlich aggressiven, arroganten und gar nicht menschenfreundlichen Eindruck. Weder bringt er besonders viel Wertschätzung für seine Kollegen auf noch hat er die Eigenschaften, die man für die Wahl zum beliebtesten Lehrer und Unterstufenbetreuer braucht. Trotzdem ist Snape unter dem Strich eine durch und durch positive Figur; er steht im Zweifel auf der richtigen Seite und hat ein hohes Maß an Aufrechtheit, Fairness und Loyalität.

Nun ist es so, dass jeder von uns solche schwarzen, abweisenden und nicht-menschenfreundlichen Seiten in sich hat. Diese Seite des Menschseins steht zur Zeit nicht hoch im Kurs, der Zeitgeist steht eher auf Nettigkeit, Sympathiewerte und Smileys-Schicken. Diese Seite ist aber doch da, und es gibt keinen Menschen, der nicht ab und zu – bewusst oder unbewusst – abwertende, verachtungsvolle, hasserfüllte oder sonstwie feindselige Regungen seinen Mitmenschen gegenüber hat.

Es ist beispielsweise normal, dass wir, wenn wir von der Beförderung eines Kollegen erfahren, nicht nur mit guten Wünschen reagieren, sondern mit Neid und Missgunst – dass wir ihm innerlich die Pest an den Hals und ein baldiges Scheitern auf seinem neuen Posten wünschen.  Oder es kann sein, dass eine Frau mit unerfülltem Kinderwunsch auf die Nachricht, dass eine Freundin schwanger ist, mit Ablehnung und Ressentiment reagiert – nicht weil sie der Freundin nicht wohlgesonnen ist, sondern weil die Nachricht ihren eigenen Schmerz aktiviert und der stärker ist als das empathische Mitfreuen.

Es kann auch sein, dass man ab und zu einem nahestehenden Menschen den Tod wünscht, oder jedenfalls die Ambivalenz oder Problematik in der Beziehung zu ihm sich momentweise in die Form eines Todeswunsches gießt. Beispielsweise kann in einer Beziehungskrise einer der Partner träumen, dass der andere beim Bergsteigen in eine Schlucht stürzt oder gestürzt wird. Das heißt normalerweise nicht: „Ich will, dass du tot bist.“ Es heißt: „Ich will, dass du aus meinem Leben weg bist“, oder auch: „Ich will, dass das Problem, das du im Moment für mich darstellst, aus meinem Leben weg ist“. Das Unbewusste unterscheidet hier nicht so fein, man fühlt einfach eine Problemlast und einen Weg-Impuls, der sich unter Umständen in dieser Weise ausdrückt.

Schließlich kommt es auch vor, dass Menschen nach einem schmerzhaften Verlust, wie dem Tod eines Angehörigen, nicht nur Trauer empfinden, sondern in bestimmten Schichten ihrer selbst auch Ärger oder Wut. Sie sind vielleicht – ganz tief innen – wütend auf den Verstorbenen, weil er sie allein gelassen hat oder weil er ihnen, nach einem langen gemeinsamen Leben, noch etwas „schuldet“. Das ist nicht immer rational, aber trotzdem real. Es ist dann besonders schwer, weil man es sich in der gegebenen Situation kaum eingestehen kann, solange einem nicht jemand ausdrücklich sagt, dass man deshalb kein schlechter Mensch ist.

Wenn man also solche Regungen in sich entdeckt, braucht man sich ihrer nicht zu schämen. Man muss sie ja nicht mit wehenden Fahnen an seinen Mitmenschen auslassen. Manchmal kann man Wege finden, sie sinnvoll dosiert und kleingeschnippelt in die Welt hinauszulassen. (Einige Formen spielerischen Aggressionsausdrucks sind in dem Beitrag „Lust an der Aggression“ beschrieben.) In jedem Fall braucht man sie vor sich selbst nicht zu verstecken. Man darf sie sich eingestehen und zugestehen, oder man kann sich, wenn nötig, fragen, was wohl dahintersteckt und welche Beziehungskonstellation sich da einen Ausdruck verschafft. Man braucht sich den nach außen gezeigten Smiley nicht auch nach innen hin selbst abzunehmen, weil man – Pfui pfui! – solche Gefühle doch nicht haben sollte. Denn schlimmer als „böse“ Gefühle zu haben ist: böse Gefühle haben, sie unterdrücken und sich dafür schuldig fühlen.

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