Beliebte Haltungen in Paarbeziehungen (III)

Wer seine katholische oder historische Bildung beisammen hat, wird sich an den Gang nach Canossa erinnern: Ein König pilgert zum Papst, wirft sich auf die Knie und leistet Abbitte, für was auch immer. Da Paarbeziehungen inzwischen der Religion in Sachen Lebensrelevanz und Emotionalität den Rang abgelaufen haben, finden wir solche Gesten mittlerweile öfter zwischen Partnern als zwischen öffentlichen Würdenträgern.

Es kommt in Paarbeziehungen häufig vor, dass auf Ärger, Missstimmungen und schiefhängenden Haussegen einer der Partner mit einer Haltung des Beschwichtigens, Besänftigens und Abbitteleistens reagiert. Er nimmt die Schuld auf sich, gelobt Besserung und hofft, dass alles wieder gut wird. Beschwichtigen ist die entgegengesetzte Haltung zu Anklagen (s. vorletzter Eintrag). Der Ankläger gibt, wenn etwas schlecht läuft, der Welt die Schuld oder irgendeinem Anderen in der Welt. Der Beschwichtiger gibt sich selbst die Schuld. Er versucht, die Harmonie wiederherzustellen und die Liebe des Anderen wiederzugewinnen, indem er gewissermaßen auf die Knie geht, die Ansprüche des Anderen anerkennt und ihn bittet: Sei wieder gut mit mir!

Als allgemeine Haltung in der Partnerschaft ist das problematisch – auch wenn natürlich nichts dagegen spricht, mal einen Fehler zuzugeben und sich zu entschuldigen, wenn das durch die Situation gerechtfertigt ist. Warum ist es problematisch? Ich antworte zunächst mit einem Gleichnis. (Wenn’s eins ist.) Ich hatte einmal in der Oberstufe einen Mathematiklehrer, der auf den entnervten Stoßseufzer einer Schülerin: „I mog nimma!“ mit der liebevoll-aufmunternden Aufforderung reagiert hat: „Geh Michaela, mog hoit no!“ (Für Nicht-Bayern: „Mag halt noch!“) So entzückend das ist – man stößt hier auf das fundamentale Paradox, dass man jemanden nicht auffordern kann, einen zu mögen, oder Mathematik üben zu mögen. Der Imperativ „Mag mich!“ (oder „Mög mich“?) ist schon sprachlich und auch inhaltlich unmöglich.

In Partnerschaften macht uns das Beschwichtigen deshalb in der Regel nicht liebenswerter. Wer beschwichtigt, schickt ein flehentliches „Mag mich doch!“ oder „Hab mich lieb!“ an den Partner, aber das wirkt auf diesen selten besonders liebenswert. Dies besonders dann nicht, wenn der Partner zu einer Anklagehaltung neigt, denn dann wird er gern die Einladung annehmen, den Anderen als „an allem schuld“ zu sehen, und obwohl – nein weil – der beschwichtigende Partner immer mehr anbietet und sich immer kleiner macht, wird es nicht besser, sondern schlechter.

Theoretisch würde eher der umgekehrte Weg helfen. Der Beschwichtiger müsste einen Weg finden, von der Kniefallposition aufzustehen und dem Partner auf Augenhöhe ins Gesicht zu sehen. Das ist aber, wenn das Muster einmal eingefahren ist, schwer umzusetzen. Der Beschwichtiger bräuchte dafür einen inneren Engel oder inneren Selbstwertverstärker, der ihm sagt: „Moment mal! Bist du wirklich schuld? Hast du es wirklich nötig, dich so klein zu machen?“ Leider sind solche Selbstwertverstärker meistens gerade nicht verfügbar. Sie sind, anders als WLAN-Verstärker, nicht einfach im Fachhandel bestellbar, obwohl wir sie oft viel nötiger haben. (Man stelle sich vor: Man hätte einen kleinen Apparat in der Wohnung, der dem Unbewussten ständig diese Botschaft sendet. Was würde das in der Welt verändern?)

Wie kann man als Partner reagieren, wenn man den Eindruck hat, dass der Partner eine Canossa-Szene aufzuführen beginnt? Am meisten würde es helfen, wenn man es schafft, dem Angebot des Partners, die Schuld auf sich zu nehmen, zu widerstehen. Das ist schwer, denn das Angebot ist natürlich verlockend. Auf der Ebene der unmittelbaren Sachfrage wird es einen immer freuen, wenn der Partner „einsieht“, dass er Unrecht hatte. Aber man kann ja versuchsweise mal auf die Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung oder der Beobachtung von allgemeinen Haltungen wechseln und sich fragen: Will ich einen Partner haben, der in Kniefallhaltung geht? Dann findet man vielleicht einen Weg, eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe anzubieten. („Das ist ein Problem von uns beiden, lass uns schauen, was wir da machen können.“)

Heutzutage kann man sich eine solche selbstkritische, dialogische Haltung ja beinahe schon von Kirchenoberen abschauen.

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