Beliebte Haltungen in Paarbeziehungen (II)

Rationalität, Verstand oder Vernunft, gilt gemeinhin als etwas Gutes. Das Abendland ist seit zweitausend Jahren und die moderne Gesellschaft seit zweihundert Jahren stolz darauf, „rational“ zu sein, das Denken, Argumentieren und Beweisen nach oben zu treiben. Aber in Paarbeziehungen hat Rationalität auch ihre Gefahren. Sie wird leicht zur Rationalisierung, zur Tarnschicht über dem trügerischen Gelände des Gefühls, das man lieber nicht betreten will, um das es aber auch geht, oder sogar: eigentlich geht. Dazu eine Geschichte.

Ein Paar diskutiert über das Ziel seiner nächsten Urlaubsreise. Zur Wahl stehen zwei Orte in Italien, nennen wir den einen „Castello“ (Toskana, flache Landschaft, lange Strände) und den anderen „Porto Maurizio“ (Ligurien, wildromantische Hügel, felsige Küste). Die Frau ist für Castello, weil es dort schöne Strände gibt und ihr die Strände in dem anderen Ort als sardinenbüchsenvoll in Erinnerung geblieben sind. Der Mann ist für Porto Maurizio und begründet das mit dem Satz: „Der Strand dort ist auch nicht voller“. Da die Frau sicher ist, dass das nicht stimmt – da Regionen mit Felsküste generell wenig und dann notwendig volle Strandfläche haben –, nimmt sie sein Argument nicht ernst und bucht eine Unterkunft in Castello.

Viel später kommt auf, was der wirkliche Grund war, warum der Mann nach Porto Maurizio fahren wollte. Er hatte einmal einen Roman gelesen, in dem ein Reisender nach Alexandria kommt und, obwohl er dort noch nie in seinem Leben gewesen ist, vom ersten Moment an das Gefühl hat: „Hier bin ich zu Hause“. Er hatte sich in Porto Maurizio so gefühlt wie jener Reisende in Alexandria. Als die Diskussion über die Urlaubsreise geführt wurde, hatte er davon aber nichts gesagt. Gesagt hatte er: „Der Strand dort ist auch nicht voller.“ Dieses Argument hatte die Frau für unzutreffend befunden und deshalb übergangen. Hätte er gesagt, dass er sich in Porto Maurizio fühlte wie jene Romanfigur in Alexandria, wäre die Frau gerne mit ihm dorthin gefahren. Dazu hätte er aber eine Aussage auf der Gefühlsebene wagen müssen. Er hätte sagen müssen: „Ich fühle mich dort aus unerklärlichen Gründen wie zu Hause.“ Warum hat er das nicht gesagt? Weil er gelernt hat, das ungeschützte Hinschauen auf eigene Gefühle und das ungedeckte Stehen zu eigenen Gefühlen zu fürchten und sich statt dessen lieber auf den sicheren Grund der rationalen Argumente zu verlassen.

Die Geschichte stammt aus meinem eigenen Leben, aus meiner Ex-Ehe. Ich erzähle sie, weil sie das Muster in seiner ganzen harmlosen Alltäglichkeit und gleichzeitig tiefen Verdrehtheit aufzeigt. In diesem Fall war es harmlos, weil es ja nur darum ging, wo man den nächsten Urlaub verbringt. Aber letztlich geht es dabei auch darum, wie man eine Ehe führt und wie man sich mit anderen Menschen verständigt. Wer Gefühle an sich selbst nicht ernst nimmt, der nimmt sie vermutlich auch an Anderen nicht ernst, und wer an sich selbst und am Partner keine Gefühle ernst nimmt, der wird irgendwann in einer Wüste von Paarbeziehung leben.

Rationalisieren dient – ähnlich wie Anklagen aus dem letzten Beitrag – dem Schutz von Menschen vor Fragen oder Schichten, die sie nicht ertragen könnten. Und manche Menschen können es eben nicht einmal ertragen, dass die Wahl ihres Urlaubsortes von ihren persönlichen Gemütszuständen abhängen sollte – wenn sie ausreichend gelernt haben, Gefühle zu fürchten, kann das passieren. Wenn Rationalisieren im Übermaß gebraucht wird, richtet es eine effektive Mauer zwischen einem Menschen und seinem Gegenüber auf.

Was kann man tun, um an einen Rationalisierer besser heranzukommen? Das ist nicht leicht, die Mauer des Verstandes ist schwer zu durchbrechen. Auf jeden Fall hat es keinen Sinn, dem Rationalisierer mit Gegenargumenten kommen zu wollen, ihn rational widerlegen zu wollen; auf diesem Feld ist er nicht zu schlagen. Seine Argumente abzutun und nicht ernst zu nehmen („Ach, du mit deinen Argumenten“), wird ihn kränken. Was auch nicht hilft, ist, ihn zu mehr Emotionalität zu drängen („Schau doch mal in deine Gefühle!“). Denn dann wird er sich bedrängt fühlen, sein Sicherheitsempfinden wird sinken, und er wird sich dazu aufgerufen fühlen, noch mehr in Argument und Intellekt zu flüchten.

Vielleicht kann man einfach die simpelste aller Fragen stellen, die Therapeuten manchmal stellen, wenn sie mehr hören wollen: „Was noch?“ Wenn der Rationalisierer ein oder zwei Gründe für seine Meinung genannt hat, fragt man weiter: „Was noch?“, „Was außer den Stränden findest du gut?“, und schaut, ob irgendwann sein Vorrat an rationalen Argumenten erschöpft ist und er Dinge nennt, die ein bisschen diffuser, schlechter konturiert, schwankender formuliert sind. Dann kriegt man vielleicht einen Zipfel seiner anderen Schichten zu fassen.

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