Wozu Therapie? (II)

Menschen sind „Blackboxes“ für sich selbst wie für andere, und sie sind ewig unfertige Projekte. Sie kennen sich selbst nur sehr ausschnittweise, und sie haben – wie das Gehirn –immer große ungenutzte Areale, wo sie nicht nur nie sind, sondern auch gar nicht hinwollen. Die Kunst ist, dort hinwollen zu lernen.

Warum sollte man das tun? Darauf gibt es keine richtig gute Antwort, außer: weil man es kann. Die moderne Psychologie hat die Möglichkeiten des Selbstzugangs und der Selbstentwicklung ungefähr so gesteigert, wie der Verbrennungsmotor die Möglichkeiten der Fortbewegung gesteigert hat, und das kann man nutzen, wenn man will und wenn es einem ins Lebenskonzept passt.

Besser beantworten lässt sich die Frage: Wie kann man das tun? Man tut es, indem man sich sanft durchrütteln lässt, Irritation einsickern lässt, die Mut- und Widerstandsschwellen sich nehmen lässt, bisher ungekannte Empfindungen zulässt und Dinge über sich erfährt, die man nie wissen wollte. Das passiert in der Therapie.

Das klingt erst mal ernst, schwer und schmerzhaft, und das ist es manchmal auch. Zur anderen Hälfte hat es aber auch mit Leichtigkeit und Lockerlassen zu tun und damit, die Dinge sportlich sehen zu lernen. Selbstentwicklung ist dann eine Frage von Disziplinen, von denen man in manchen gut und in anderen schlecht ist, so wie man früher in der Schule gut im Handball und schlecht im Geräteturnen war. Nur geht es hier um Disziplinen in der Dimension menschlicher Beziehungen. Es gibt zum Beispiel Menschen, die grandios gut sind in der Disziplin „Einsames Denken“ und grottenschlecht in der Disziplin „Für sich selbst sorgen“. Andere sind spitze in der Disziplin „Menschen begeistern“ und unterirdisch in der Disziplin „Weichheit & Zärtlichkeit zulassen“. Wieder andere sind Meister in der Disziplin „Zuhören & Einfühlen“ und blutige Anfänger in der Disziplin „Neinsagen & Abweichen“.

Das Sportlichsehen gibt dem Ganzen Leichtigkeit, Machbarkeit und Witz. Das Ziel ist es dann, in den Disziplinen besser zu werden, die für einen persönlich die besonderen Challenges sind. Challenges sind ja in Mode gekommen, je spektakulärer desto besser. Aber eigentlich interessant sind die unauffälligen Challenges, die für Dritte gar nicht wahrnehmbar sind. Man übt und wird in ganz kleinen Schritten besser. In diesem Sinne mag jemand seinem Therapeuten voller Stolz berichten: „Ich war am Sonntag am Badesee und habe mich entspannt!“ Oder: „Ich habe ein Baby auf den Kopf geküsst!“ Oder: „Ich war mit anderen essen und habe mir ein Bier bestellt, obwohl die anderen Wein getrunken haben!“ In solchen Moment kann man dann herzlich lachen über die Absurdität, die in solchen Erfolgen liegt, aber getragen von einem tiefen Einverständnis und einer tiefen Freude über den Fortschritt und die Eroberungsleistung, die es tatsächlich bedeutet.  

Der Therapeut ist der, der die Disziplinen, in denen man schlecht ist, unendlich schnell identifiziert und einen dann unendlich geduldig begleitet, bis man darin besser wird. Er fungiert als der Bohrkopf, der sich langsam in die tiefen Schichten des Selbst hinunterschraubt, und als der Container, der alles aufnimmt, das dabei an Material zutage gefördert wird.  Anderes gesagt: Therapie ist „eine Reihe von Lektionen in Urvertrauen […], die gleichzeitig dazu führen, daß die bisherigen Beziehungsmuster des Patienten unterminiert […] werden.“ (Hans Strupp, zitiert in Helm Stierlin, Individuation und Familie, Frankfurt 1989, S. 25). So kann man in gemeinsamer Arbeit die Zone des Zugänglichen vergrößern und die Blackbox des eigenen Selbst wenigstens stückweise aufhellen.

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