Wozu Therapie? (I)

Der Mensch ist ein Beziehungswesen, er lebt in und nährt sich von Beziehungen. (S. dazu die letzten beiden Einträge.)  Aber Beziehungsrealitäten sind oft zäh, unhandlich und unzugänglich. Sie sind ein bisschen wie Kaugummi, der an der Schuhsohle klebt – nicht zu sehen, aber unzweifelhaft da, nicht loszuwerden, aber auch nicht richtig anzupacken.

Sich einem Kontext von Beratung oder Therapie auszusetzen, bewirkt hier zweierlei, nämlich einerseits das Erhärten und andererseits das Aufweichen von Beziehungsrealitäten. (Was gar nicht so widersprüchlich ist, wie es klingt.) Erhärten braucht es dort, wo wir Beziehungsdynamiken, in denen wir stecken, nicht verstehen und nicht zu fassen kriegen – sie vielleicht vage spüren, aber unserer Wahrnehmung nicht trauen oder sie nicht formulieren können. Aufweichen braucht es dort, wo bestimmte Beziehungsstrukturen allzu verhärtet oder verkrustet sind, wo Paare oder Familien in bestimmten Mustern festgefressen sind und nicht mehr herauskommen. Oftmals geht es auch um beides zugleich.

Zur ersten Seite.Beziehungen sind etwas Immaterielles, Flüchtiges, Unsichtbares und Ungreifbares. Im turbulenten Alltag des Familienlebens etwa ist oft nicht klar, wer gerade mit wem oder gegen wen agiert und welche Züge genau gemacht werden. War das ein Witz? Eine Provokation? Eine Kritik? Ein liebevolles Mit-dir-Lachen oder ein abwertendes Über-dich-Lachen? Ein kompromissbereites Verhandeln oder ein Herausschneiden des nächsten Privilegs? Wir sind oft nicht sicher, wie wir einen Satz oder einen Blick verstehen sollen, und erst recht ist es schwer, mit anderen darüber zu reden und solche Dinge zu klären. Im Extremfall können Beziehungen sein wie Treibsand, in dem man versinkt und keinen festen Boden mehr unter die Füße bekommt: Nichts ist klar definiert, nichts lässt sich festklopfen, alles ist mehrdeutig, alles, was gesagt oder angedeutet wird, kann sofort wieder bestritten werden.

Beratung und Therapie helfen dabei, diese weiche Schicht von Realität zu erhärten, indem Wahrnehmung und Ausdrucksweise geschult werden. Man lernt: Es gibt eine Sprache dafür. Es gibt Wörter, um solche Dinge zu formulieren, etwa Wörter wie „sich schützen“, „beantwortet werden“, „für sich sorgen“, „ein Beziehungsangebot machen“, usw. Und man lernt: Es lohnt sich, der eigenen Wahrnehmung davon zu trauen. Es kann sein, dass ein Anderer Dinge anders wahrnimmt, aber dann kann man darüber reden und sich entweder einigen, oder man ist auf einen interessanten Unterschied in Wahrnehmungs- und Beziehungsmustern gestoßen – wieder etwas, was man formulieren und festhalten kann.

Auf der anderen Seite geht es darum, verhärtete Beziehungsrealitäten aufzuweichen. Beziehungsmuster haben eine Tendenz zu verhärten und zu verkrusten. Wir fallen in die immer gleichen Rollen, sagen die immer gleichen Sätze und halten uns darin gegenseitig fest. Wenn ich weiß, dass mein Partner sowieso x sagen wird, macht es gar keinen Sinn, ihn anders als vorwegnehmend-wissend anzusprechen: „Du willst doch sicher nicht, dass …“. Der Partner seinerseits hat dann keinen Grund, etwas anderes als x zu antworten. So können sich Menschen, die seit längerem miteinander leben, in Verhaltensmustern gefangen halten, die keinem von ihnen gut tun und die keiner gut findet. Im Extremfall sind Rollen und Beziehungsmuster so festgefahren, dass überhaupt kein Spielraum für Spontaneität, Abweichen, Neues mehr bleibt und die Regeln des Familienlebens sich zu einem einschnürenden Korsett verdichtet haben.

Die Aufgabe ist es dann, Beziehungsmuster wieder zu verflüssigen und neue Beweglichkeit ins System zu bringen. Systeme müssen erst einmal irritiert werden, damit sie sich verändern könnten, sie müssen sanft aus dem Gleichgewicht geschubst werden. Was im Weiteren daraus wird, ist ungewiss, aber allein die Erweiterung des Spielraums, das Brechen von alten Mustern und das Ermöglichen eines neuen Ausprobierens ist schon ein Wert an sich. (Organisationen leiden übrigens unter demselben Problem wie Familien – dass einmal etablierte Strukturen schnell eine enorme Trägheit entwickeln – und beschäftigen Heerscharen von Change Managern, Teamentwicklern und sonstigen Professionellen, um dem entgegenzuwirken.)

Das Schöne daran ist: Man kann auch beides gleichzeitig machen. Erhärten und Aufweichen schließen sich nicht aus, sie stützen sich sogar wechselseitig oder implizieren sich wechselseitig. Wenn ich lerne, Beziehungsstrukturen besser zu erkennen und zu benennen, kann ich sie auch besser ändern. Und wenn Beziehungsstrukturen in Fluss geraten, manche Dinge plötzlich anders sind, hat man oftmals erst die Chance, klar zu sehen und zu formulieren, was eigentlich passiert. Normalerweise empfiehlt es sich ja nicht, entgegengesetzte Dinge gleichzeitig zu tun, etwa beim Autofahren gleichzeitig auf die Bremse und aufs Gaspedal zu steigen. Aber in diesem Fall ist genau diese Kombination das Erfolgsrezept. „Pay one – get two“, würden die Amerikaner sagen.

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