Kampf mit sich selbst

Im Harry-Potter-Universum gibt es eine Schlange namens Runespoor, die drei Köpfe hat, von denen der erste Vorschläge macht, die der zweite dann kritisiert. (Der dritte Kopf träumt tagelang vor sich hin.) In dieser magischen Figur steckt viel psychologische Weisheit. Denn auch Menschen können viel Zeit und Kraft im Kampf mit sich selbst vertun. In Psychologensprache heißt das: Wir sind ambivalent, d.h. wir tragen gegensätzliche Wünsche, Ziele, Absichten in uns. Dann kämpft der eine Teil gegen den anderen, und man kommt so zwar nicht zu klaren Handlungen, verbraucht aber eine Menge Energie.

Das gibt es auf alltäglichen, oberflächlichen Ebenen alle Naslang. Wir wollen noch ein Bier, und wir wollen gleichzeitig morgen ohne Kopfweh aufwachen. Wir wollen der Chefin ihren schwachsinnigen Arbeitsauftrag vor die Füße werfen, und wir wollen gleichzeitig gute und leistungsfähige Mitarbeiter sein. Es wird niemandem schwerfallen, Beispiele für solche alltäglichen Ambivalenzen aus dem eigenen Leben zu finden. Es gibt dasselbe Phänomen aber auch auf tieferen Ebenen. Dort hat jeder Mensch vermutlich ein bis zwei solche tiefen Konflikte in sich, die ihm meist nicht bewusst sein, aber seinen Umgang mit bestimmten Teilen des sozialen Lebens prägen können.

Es kann zum Beispiel sein, dass jemand einen wilden, abenteuerlustigen, verführbaren und verführerischen Teil in sich hat, der losziehen und wilde Dinge tun will – über die Stränge schlagen, durch Kneipen ziehen, saufen und Männer/Frauen verführen –, aber auch einen anderen Teil, der zur Ordnung ruft und Angst vor Chaos und Risiko hat. (Diese beiden Impulse haben wir letztlich sogar alle in uns, nur bei manchen Menschen sind sie zu besonderer Stärke und – durch den Konflikt – zu besonderer Brisanz entwickelt.) Ein solcher Mensch wird dann vielleicht den wilden Teil unterdrücken und nur periodisch rauslassen, nur um ihn dann zu verurteilen und wieder unter die Decke zurückzuschicken. Oder er wird bestimmte Nischen seines Lebens – z.B. Affären – schaffen, in denen er seine wilde, ungebändigte Seite ausleben kann, während er sich im Rest des Lebens brav und ordentlich verhält.

Oder es kann sein, dass jemand einen weichen, zärtlichen, liebevollen Teil in sich hat, mit dem er Kinder herzen und liebkosen will, und einen anderen Teil, der zärtliche Regungen ablehnt und als Zeichen von Schwäche und Verletzlichkeit betrachtet. Das kann etwa daran liegen, dass er als Kind gelernt hat, dass es auf Positionen von Schwäche und Bedürftigkeit nichts zu gewinnen gibt und man immer die Stärkeposition besetzen muss. Ein solcher Mensch kann, wenn er Mutter oder Vater ist, viel Energie darauf verwenden, solche Empfindungen an sich selbst auszuschließen („Ich bin keine Knuddelduddel-Mutter!“, „Ich bin kein Softie-Vater!“) und an anderen abzuwerten („Diese Tüddel-Mütter/Väter mit ihrem albernen Babygrinsen im Gesicht!“), ohne dass sie dadurch wirklich verschwinden. Er wird dadurch zwar ein energievoller, von Helikopterneigungen freier Elter sein, wird sich aber einen Teil der Freude im Umgang mit seinem Kind nehmen und Blockaden gegen den Kontakt mit anderen Eltern aufbauen. Er kann darin eine Art Balance finden, aber wird auch eine Menge psychische Kraft und Chancen auf schöne Momente darin versenken.

Oder es kann sein, dass jemand die Probleme anderer Leute einerseits an sich heranzieht und sich ohne Aufforderung in sie hineinschraubt, andererseits sich davon überlastet sieht und den Anderen verübelt, dass sie ihn so mit Problemlast zuschütten. Dieser Mensch hat vielleicht als Kind die Erfahrung gemacht, dass Andere einen oftmals mit ihren Problemen und emotionalen Nöten überschwemmen, weil ihnen selbst ein Stück emotionale Reife fehlt. Er hat deshalb einerseits einen Abwehrreflex entwickelt: „Lass mich mit deinen Problemen zufrieden!“, und andererseits die tiefe Überzeugung, dass andere Menschen mit ihren Problemen allein nicht zurechtkommen und ihn brauchen. Die Kompromissbildung ist dann: „Ich finde eine Lösung für dein Problem, damit ich es los bin und du mich nicht damit überschütten kannst.“ Es wirken zwei Impulse gleichzeitig: „Problem fernhalten“ und „Problem ranziehen“, was unter Umständen gut funktionieren und den Menschen als kreativen Problemlöser und einfühlsamen Helfer beliebt machen kann, andererseits aber dazu führen kann, dass er sich mit Problemlast überlastet sieht, die er letztlich selbst auf sich gezogen hat. (In der nächsten Runde wird er dann vielleicht Wut auf die Anderen entwickeln, die ihn so mit Problemen belastet, wird sich die Wut aber nicht erlauben – weil die Anderen ja eh schon Probleme haben und hilfsbedürftig sind –, und wird dann in der nächsten Schleife von Impuls und Gegenimpuls festsitzen.)

Oder, ein letztes Beispiel: Bei manchen Menschen kämpft ein „schwarzer“, depressiver Anteil mit einem lebensfrohen Anteil, der losgehen und die Welt entdecken will, aber von dem schwarzen Anteil immer wieder besiegt wird. Zur genuinen Traurigkeit oder Verzweiflung kommt dann Frustration über den immer wieder verlorenen Kampf hinzu, was sich in einem ewigen Kreislauf immer weiter verstärkt. Beide Seiten lähmen sich gegenseitig mit ihren jeweiligen Impulsen, die je für sich berechtigt sind, aber es miteinander nicht aushalten können.

Solche aussichtslosen Kämpfe zu erkennen und aufzugeben, kann eine Menge Kräfte freisetzen. In einfachen Fällen kann ein pragmatisches Nebeneinander reichen, nach dem Motto: Mal dies, mal das. Montags so, Dienstags so. Denn es gilt: „Es spricht nichts dagegen, mit der Luftmatratze auf dem See herumzudümpeln, und es spricht auch nichts dagegen, mit dem Schnellboot genau auf Kurs zu fahren – man sollte nur wissen, wann man wozu was macht.“ (Arist von Schlippe & Jochen Schweitzer, Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung, Band I, Göttingen 2016, S. 320)

Wenn es tiefer sitzt, wird man so vorgehen, dass man die miteinander kämpfenden „Köpfe“ dieses komplexen Wesens behutsam dort abholt, wo sie stehen, und jeden Kopf erst einmal für sich füttert und zu seinem Recht kommen lässt. In einem zweiten Schritt kann man dann fragen, wie sie miteinander auskommen können, welche kraftsparenderen Wege zu ihrer Koexistenz es geben könnte oder ob man einen davon entlassen kann, um den Konflikt dauerhaft zu lösen. Denn anders als magische Wesen können Menschen mit solchen inneren Kämpfen keine besondere Schönheit und Faszinationskraft erreichen. Sie werden sich letztlich daran nur aufreiben und sich das Leben schwerer als nötig machen.

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