Der Mensch als Beziehungswesen (II)

Es gibt eine alte These von Gregory Bateson, wonach die Sprache der Tiere von Anfang an eine Beziehungssprache ist, während die Sprache der Menschen in erster Linie eine Sprache der Sachwelt ist und die Beziehungsdimension nur am Rande mitbedient.

Wenn Tiere kommunizieren – so Bateson –, „sagen“ sie einander vor allem Dinge über Beziehungen und Beziehungsereignisse. Ein Wolf, der einem anderen etwas mitteilt, liefert nicht in erster Linie Sachinformationen („Da drüben gibt’s Futter“), sondern er macht eine Beziehungsaussage („Ich habe etwas Wertvolles und teile es mit dir“). Die Sachinformation darüber, wo das Futter zu finden ist, wird eher nebenbei drangehängt.

In der menschlichen Sprache ist es umgekehrt. Wir können in fast unbegrenzter Genauigkeit Dinge über die Sachwelt aussagen, etwa: „Um den schnellen Rücklauf zu starten, drücken Sie drei Sekunden lang die Taste mit dem nach links weisenden Doppelpfeil“. Dagegen ist unsere Sprache oft nur lausig schlecht gerüstet, um Beziehungsrealitäten auszudrücken, und wir stümpern hier oft recht hilflos herum. Es gibt zwar schon Wörter dafür – Wörter wie „Liebe“, „Hass“, „Sehnsucht“, „Enttäuschung“, „Provokation“ usw. –, aber letztlich nur recht wenige und recht grobe Wörter. Im Vergleich zur Zahl und Genauigkeit der Wörter, die wir haben, um Sachrealitäten zu beschreiben, ist unser Sprachschatz in Sachen Beziehung hoffnungslos unterentwickelt. (In Beratungs- und Selbsterfahrungskontexten kann man lernen, diesen Sprachschatz ein bisschen zu erweitern.) So wie die Eskimosprache zwanzig Wörter für Schnee kennt und mitteleuropäischen Sprachen nur eins, so haben wir oft einfach nicht die sprachlichen Mittel, um die sehr komplexen und fein granulierten Beziehungssituationen, in denen wir uns bewegen, in Worte zu fassen.

Die These, dass Tiere in einer Beziehungssprache kommunizieren, hat Bateson mit Beobachtungen wie der folgenden unterlegt, die er an Wölfen gemacht hat. In Wolfsrudeln gibt es die Regel, dass nur der Leitwolf die Weibchen des Rudels begatten darf. Wenn der Leitwolf einen rangniedrigeren Wolf dabei erwischt, wie er sich an ein Weibchen heranmacht, weist er den „Delinquenten“ zurecht, indem er auf ihn zugeht und ihm mehrmals von oben den Kopf auf den Boden stupst. Das ist eine Geste, die normalerweise Weibchen zu ihren älter werdenden Welpen machen, wenn sie wie gewohnt bei der Mutter Milch saugen wollen und die Mutter sie davon entwöhnen will.

Bateson interpretiert das so: Was der Leitwolf dem anderen Wolf „sagt“, ist nicht eine Aussage über Sachverhältnisse. Was er sagt, ist nicht: „Es ist verboten, Weibchen zu begatten.“ Was er sagt, ist: „Ich bin hier der Ranghöhere und der Erwachsene, du Welpe!!“ Er aktiviert eine Beziehungsgeste, die sonst im Umgang zwischen Erwachsenen und Jungtieren verwendet wird, um die Rangverhältnisse klarzustellen und den rangniedrigeren Wolf in seine Schranken zu verweisen. Er spezifiziert nicht etwa erlaubte und unerlaubte Handlungen, Belohnungen und Bestrafungen. Er rückt mit einer einfachen Geste das Beziehungsgeflecht wieder zurecht.

Menschen sind zu so wirkungsvollen Beziehungsklarstellungen oft nicht in der Lage. Wir verlieren uns gern in Sachfragen, auch wo es eigentlich um Beziehungsfragen geht. Die Unendlichkeit der Sachkomplexität ist uns beim Erkennen und Gestalten von Beziehungsrealitäten im Weg. Wir reden dann nicht über das, was uns eigentlich umtreibt – das Versickern des Kontaktes oder das Überlastetsein durch Ansprüche, die Ängste vor Bedrängtwerden oder Verlassenwerden, die Wünsche nach Anerkennung oder Freiheitsräumen – , und reden statt dessen über die falsch eingekaufte Milch, den nicht bestellten Klempner und die stumpfgewordene Heckenschere. Uns fehlt die Zielsicherheit der Wölfe im Zupacken. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass das manchmal auch wirklich um Milch, Klempner und Heckenscheren geht. Aber jedenfalls ist die Gefahr sehr viel größer, dass das Beziehungsgeschehen unbeobachtet und unangesprochen bleibt, als dass umgekehrt niemand sich um den Klempner kümmert, weil alle mit Beziehungsgesprächen beschäftigt sind.

Warum die menschliche Sprache so schlecht darin ist, Beziehungen auszudrücken, wenn Beziehungen doch die Essenz des Lebens sind, das ist eine Frage, die man Linguisten stellen sollte. Interessant ist aber, dass sich im Smartphone-Zeitalter sehr schnell Emojis als Ausdruck für Gefühle und oft auch für Beziehungen durchgesetzt haben. Vielleicht besetzen sie eine Lücke, die in unserer normalen Sprache klafft. Dass ein eigentlich so infantiles Ausdrucksmittel einen so rasanten Aufstieg hingelegt hat, kann man durchaus als Hinweis auf eine Schwachstelle in unserer „richtigen“ Sprache lesen.

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