Der Mensch als Beziehungswesen (I)

Der größte Fortschritt der Psychologie seit Freud liegt darin, dass der Mensch nicht mehr als Triebwesen, sondern als Beziehungswesen gesehen wird. Für Freud war der Mensch ein Triebwesen, gewissermaßen ein „Tier plus“ – ein Triebwesen plus Moral, plus Verbote, plus Gewissen, mit all den Komplikationen und Verbiegungen, die sich daraus ergeben. Die meisten heutigen Psychologen verstehen den Menschen dagegen nicht mehr von seinen Trieben her, sondern von seinen Beziehungen her. Er ist für sie weniger ein lustsuchendes als ein objektsuchendes, beziehungsuchendes Wesen.

Kinder leben vom ersten Tag ihres Lebens an in Beziehungen, sie suchen Beziehung und treten mit den wenigen Mitteln, die sie haben, in Beziehung zu ihren Eltern oder sonstigen Pflegepersonen. Sie können ohne Beziehung, ohne zwischenmenschliche Wärme und Ansprache nicht leben. Menschen sind deshalb in ihrem tiefsten Inneren geformt durch die Beziehungserfahrungen, die sie in ihrem Leben machen: Wie gehen Menschen miteinander um? Was geben sie einander? Was wollen sie voneinander? Was verweigern sie einander? Was fügen sie einander zu? Welche Positionen gibt es, die man einnehmen kann, und welche, die man meiden sollte?

Wir richten uns in dieser Welt der Beziehungen ein, wir gewöhnen uns an bestimmte Lieblingspositionen und markieren andere als dunkle Zonen oder weiße Flecken auf der Landkarte, wo wir uns nicht hinbegeben wollen. Wir lernen durch ganz subtile Zeichen, was wann wo geht und was nicht, womit wir ankommen und womit nicht. Irgendwann sind wir dann in manchen Beziehungsformen wahre Meister und in anderen dafür elende Stümper, können in bestimmen Konstellationen prima Beziehungen herstellen und gestalten und fühlen uns dafür in anderen unwohl oder überfordert. Und selbst wenn jemand am liebsten als „einsamer Wolf“ durch die Welt geht und sich wenig auf Menschen einlässt, ist das eine Reaktion auf irgendwelche Beziehungserfahrungen – etwa auf die Erfahrung, dass menschliche Beziehungen nicht befriedigend genug sind und man sich mehr Anregung und Erfüllung anderswo holen kann.

Deshalb ist auch das beste Rezept, um einen Menschen verrückt zu machen oder psychisch in die Bredouille zu bringen, nicht, seine Triebe zu unterdrücken, sondern ihn in unlösbare Beziehungssituationen zu bringen. Eine unlösbare Beziehungssituation ist eine, die einen vor zwei widersprüchliche Anforderungen gleichzeitig stellt. Die paradigmatische Situation dazu ist: Jemand hält einen fest und sagt dazu „Geh weg!“, oder jemand stößt einen weg und sagt dazu „Komm her!“ Der Adressat ist dann wie der Esel, der zwischen zwei Heuhaufen verhungert, nur dass er nicht verhungert, sondern zwischen zwei inkompatiblen Impulsen verzweifelt und sich verrenkt.

Im echten Leben passiert das meist nicht ganz so direkt und drastisch, weil der Adressat es sonst bemerken würde und sagen würde: „Was denn jetzt? Entscheid dich!“ Solche Doppelbotschaften werden deshalb eher versteckt und unbemerkt rübergebracht; und sie passieren oft, weil Menschen oft ambivalent sind, zwei gegensätzliche Impulse gleichzeitig in sich tragen. Es kann etwa vorkommen, dass jemand (ein Partner, ein Kollege, ein Klient) einen um Hilfe bittet und einen gleichzeitig nicht an sich ranlässt oder die Hilfe nicht wirken lässt. Oder: Jemand (ein Partner, ein Elternteil, ein Chef) fordert einen zu mehr Initiative und Selbstverantwortung auf und sabotiert das gleichzeitig, indem er alles, was man dann tut, schlecht findet. Oder: Jemand (ein Therapeut) lockt einen mit einem unwiderstehlichen Beziehungsangebot und sagt gleichzeitig, dass befriedigende Beziehungen nicht in der Therapie, sondern nur im Leben zu finden sind. Es gibt unzählige Varianten solcher Doppelbotschaften, die in den großen und kleinen Situationen des Lebens versteckt sind. Wenn man einmal gelernt hat, sie zu sehen, stolpert man auf Schritt und Tritt darüber.

Solche Situationen machen uns verrückt, oder harmloser: sie setzen uns unter sozialen Stress und verstricken uns in Probleme, weil sie das Beziehungsgeflecht mit unlösbaren Problemen aufladen. Das wirft den Adressaten in eine mehr oder weniger tiefe Verunsicherung, und es lässt ihn in bestrafende oder sonstwie negative Reaktionen laufen, weil man es dann immer falsch macht: Wenn man auf Impuls x reagiert, wird einem vorgeworfen, dass man y versäumt hat, und umgekehrt. Zu diesem Wie-man’s-macht-macht-man’s-falsch kursiert die folgende hübsche Geschichte oder How-to-do-Anleitung: „Schenken Sie Ihrer Tochter zwei schöne neue Tops. Wenn sie das erste Mal eines davon anzieht, sagen Sie mit traurigem Gesicht: Das andere gefällt dir nicht?“

Für Freud war das beste Mittel, einen Menschen verrückt zu machen, seine Triebe zu unterdrücken. Das macht zeitgeschichtlich Sinn: Zu Freuds Zeit war Sexualität so stark tabuisiert und mit Ängsten besetzt, dass es plausibel ist anzunehmen, dass ein großer Teil der menschlichen Verkorksungen damit zu tun hatte. Heute ist das anders. Sexualität ist längst eher überfeiert, der Umgang damit ist deutlich entkrampft, und die dadurch entstehenden Schäden sind stark abgemildert. Aber wir leben deshalb nicht in einer psychischen Wattewelt ohne Probleme und Leidensdruck. Uns gegenseitig verrückt zu machen, das schaffen wir sehr gut allein – ganz ohne biologische Basis in Trieben und rein im sozialen Medium der Beziehung.

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