Die Lust an der Aggression

Es ist Ostern, die Blumen blühen, die Vögel zwitschern, und die glückliche Familie sitzt harmonisch am Frühstückstisch. Das ist das Bild von Familie, das wir alle im Kopf haben – und zwar nicht nur für Ostern, sondern auch für Weihnachten, Adventssonntage und alle anderen jedenfalls Wochenendtage. Und manchmal ist es ja auch so. Mit Betonung auf „manchmal“. Gefühlt viel öfter ist das Familienleben aber ein Knäuel der Unerträglichkeiten und Mahlwerk der Nervereien, wo man die Kinder an die Wand werfen und den Partner auf den Mond schießen könnte.

Das ist normal, denn Familie ist – entgegen den kulturellen Weichzeichnerbildern – nicht nur ein Hort von Liebe, Zärtlichkeit und Unterstützung, sondern eine Schule von Emotionen jeder Art, einschließlich von Aggressionen. Man kann dort lernen und üben, mit der ganzen Palette an Gefühlen umzugehen, die das Leben für uns bereithält.

Es gibt viele Arten, mit Aggression sinnvoll umzugehen. Dazu gehören etwa die vernunftbetonten Formen – wie: sich zusammensetzen und reden –, die oft empfohlen werden und die auf die Dauer wohl auch unerlässlich sind. Daneben gibt es aber auch einige schöne Aggressionsspiele, die weniger auf Kopf, Vernunft und Kompromiss setzen als auf Spiel, Übertreibung und Überkippen ins Gegenteil. Solche Spiele können Erwachsenen wie Kindern viel Spaß machen. Man kann damit, wenn allen Beteiligten danach zumute ist (!), Aggression in kontrollierter und unschädlicher Form ausleben. Man kann das einmal mit harmloseren Varianten ausprobieren und, wenn es sich bewährt, sich zu gewagteren Varianten hochsteigern.

Es gibt Spiele mit Worten und Spiele mit dem Körper. Hier eine kleine Sammlung.

– „Schimpfwortduell“: Die Spieler setzen sich zusammen und werfen sich gegenseitig möglichst kreative, noch nie dagewesene Schimpfwörter an den Kopf.

– „Vesuv“: Jeder Spieler legt einen zweiminütigen, einseitigen Wutausbruch über alles hin, was ihn im Leben nervt – den Partner, der immer die Socken liegenlässt, die Kinder, die die Musik zu laut aufdrehen, den Chef, der einen angeschnauzt hat, und das Fahrrad, das schon wieder platt ist.  

– „Virginia Woolf“: Eine Variante für Paare: Die Partner schleudern sich zwei Minuten lang in voller Lautstärke möglichst wüste Beleidigungen entgegen. Dabei dürfen die Spieler kein Blatt vor den Mund nehmen und müssen im Zweifel die „volle Breitseite“ an Formulierung wählen. Sie dürfen keine Pausen machen und müssen beide ungefähr in gleicher Lautstärke unterwegs sein. Bei einem richtig durchgeführten Ritual weiß am Schluss keiner der Beteiligten genau, was der Andere eigentlich gesagt hat.

– „Bowling“: Ein pantomimisches Körperspiel. Ein Spieler ist der Bowler, die anderen sind die Kegel. Der Bowler rollt eine fiktive Kugel, die die Kegel umfallen lässt. Auf Wunsch darf der Bowler vorher Anweisungen geben, wie die Kegel umfallen sollen („langsam, theatralisch, leidend“, „schnell, zackzack, wie abgeschossen“, usw.).

– „Abschießen“: Ein Spieler hat eine unbesiegbare fiktive Waffe, mit der er die anderen der Reihe nach abschießen oder sonstwie töten darf. Wenn er will, darf er sich wiederum vorher wünschen, wie die Getroffenen „sterben“ sollen: „Ihr sollt schreiend davonlaufen“, „Ihr sollt euch gequält auf dem Boden wälzen“ usw. Eine besonders spaßbetonte Variante ist es, „Abschießen“ im Schwimmbad oder am Swimmingpool zu spielen und als Getroffener sich ins Becken fallen zu lassen.

Solche Spiele können einen hohen Spaßfaktor haben. Entgegen ihrem brutalen Anschein haben sie den Effekt, die Spieler zu entlasten und auf neue Weise zu verbinden. Danach können sie sich einander wieder nahe fühlen und auch wieder liebevolle Gefühle zulassen. Nach dem Hauen und Schreien kommt das Kuscheln und Streicheln.

Früher hatte man gesagt: „Sowas kann man doch nicht machen, und schon gar nicht in der Familie, wo man sich lieb hat.“ Heute ist man klüger. Die Welt ist kein Ponyhof, und das Familienleben ist kein Bilderbuch. Es gehören auch unschöne Gefühle dazu, Explosionen und Zusammenstöße. Je mehr davon man integrieren kann, desto reicher und, ja, weicher ist in der Summe das Familienleben.

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