Das Recht auf Unglücklichsein

Was tun wir, wenn das Kind keine Lust zum Zähneputzen hat und lautstark dagegen protes­tiert? Wir haben mehrere Möglichkeiten: (1) Wir lassen es schreien und putzen ihm dabei die Zähne. (2) Wir bieten ihm allerlei Bespaßungen und Ablenkungen an, zeigen ihm das lustige Krokodil auf der Zahnpastatube und erinnern es an das Krokodil, das es letzte Woche im Zoo gesehen hat. (3) Wir schärfen ihm ein, dass es sonst Löcher in die Zähne und Zahnweh bekommen wird.

Auch wenn es vielleicht überraschend ist: Es spricht viel für die erste Variante. Denn hier werden dem Kind seine Gefühle gelassen: Es muss sich nur die Zähne putzen, aber es muss dabei nicht glücklich sein. In der zweiten Variante wird dem Kind vorgegeben, wie es sich fühlen soll: Du sollst dir nicht nur die Zähne putzen, du sollst es auch gern tun. Mit der dritten Variante kaufen wir dem Kind seinen Protest und seine Wut ab, aber um den Preis von Angst, und das kann ein schlechter Tausch sein.

Dem Kind seine Gefühle zu lassen und doch für die nötigen praktischen Abläufe zu sorgen, ist eine hohe Kunst, die viel psychosoziales Geschick von den Eltern erfordert. Wenn es gelingt, ist damit der Entwicklung des Kindes aber mehr gedient als mit der Abkürzungsvariante, die den Protest mit Bespaßung umgeht. Denn die Abkürzungsvariante suggeriert dem Kind Gefühle, die es nicht hat. Sie substituiert Spaß für Wut. Das hat für das Kind zur Folge, dass es nicht weiß, ob es sich auf seine eigentlichen Gefühle verlassen kann. Das ist im Moment praktisch, aber auf die Dauer ungesund. Denn ein Mensch ist dann am besten auf die Widrigkeiten des Lebens vorbereitet, wenn er weiß, was in ihm vorgeht, und sich selbst darin ernst nimmt. Ein erwachsener Mensch wird das normalerweise nicht ungefiltert ausdrücken, er wird seine Wut nicht in jedem Moment ausleben – aber die Fähigkeit zur Selbstkontrolle lernt man erst allmählich, während man das Zulassen und Annehmen der Gefühle von Anfang an lernt.

Dafür müssen Eltern in sich selbst die Stärke haben, alle Gefühle des Kindes auszuhalten, auch und gerade die weniger schönen – auch die, die uns als Dezibel in den Ohren dröhnen oder uns einen Stich in der Seele versetzen. Das Kind braucht die Begleitung und den Halt der Eltern im Erleben seiner Gefühle. „Ein Kind kann [Gefühle] nur erleben, wenn eine Person da ist, die es mit diesen Gefühlen annimmt, versteht und begleitet.“  (Alice Miller, Das Drama des begabten Kindes, Frankfurt 1997, S. 23)

Das Kind wird dadurch in seiner Seele gestärkt. Den Eltern verlangt es Stärke ab, jedenfalls wenn es ihnen schwerfällt, ihr Kind unglücklich zu sehen. Eltern sind nun mal Vertreter des Realitätsprinzips, hier: des Prinzips, dass Zähne-ungeputzt-Lassen ungesund ist. Im Idealfall sind sie die „Container“ dieses Prinzips, die die drohenden Kausalketten – wie Zahnweh, Zähneziehen etc. – in sich lassen und dem Kind nur die Konsequenz mitteilen: Die Zähne werden geputzt. (Das heißt nicht, dass man dem Kind nicht mal erklären sollte, warum Zähneputzen sinnvoll ist. Es heißt nur, dass man nicht in dem Moment, wo das Kind in einer starken Gefühlsreaktion ist, das als „Keule“ herausholen sollte, um das Gefühl einzudämmen.)

In Aldous Huxleys Anti-Utopie „Schöne Neue Welt“ besteht der Held auf seinem Recht, unglücklich zu sein. Er weigert sich, die vom Regime verordneten Glückspillen zu nehmen. Darin steckt viel psychologische Weisheit. Es geht im Leben nicht darum, immer glücklich zu sein, sondern darum, einen unverstellten Zugang zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu haben. Das Leben ist nicht immer rosarot, aber die eigenen Gefühle sind allemal nahrhafter als von außen angebotene Suggestionen.

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