Liebe als Erfindung der modernen Gesellschaft (III)

Wenn ich meinen Studenten erkläre, dass romantische Liebe erst mit der modernen Gesellschaft aufgekommen ist und die Menschen in früheren Gesellschaften nicht auf die Idee gekommen wären, sich zu verlieben, herrscht immer große Ungläubigkeit und Skepsis. Die meisten sind überzeugt, dass Liebe und Sich-Verlieben etwas Uraltes und Urmenschliches ist. Glücklicherweise kann ich immer genug historische und anthropologische Fakten mobilisieren, dass sie sich irgendwann geschlagen geben müssen und zugeben müssen, dass, faktisch-historisch gesehen, Liebe in unserem Sinn erst seit ungefähr zweihundert Jahren existiert.

Aber ihren Glauben an die ewige, allgemein-menschliche Natur der Liebe wollen sie deshalb trotzdem nicht aufgeben. Sie bilden dann folgende Verteidigungslinie heraus: Es mag ja sein, dass die Menschen früher sich nicht verliebt haben, weil die gesellschaftlichen Strukturen keinen Raum dafür gelassen haben – weil Ehen in das Korsett von ökonomischen oder politischen Strukturen hineingezwängt waren und man mehr mit Überleben als mit Romantik beschäftigt war. Aber wenn die gesellschaftlichen Strukturen Raum dafür gelassen hätten, dann hätten die Menschen sich immer schon verliebt. Das Potential und die Neigung dazu hätten sie immer schon gehabt. Die Fähigkeit, sich zu verlieben, gehört zum Menschen, selbst wenn das Ausleben dieser Fähigkeit gesellschaftlich unterdrückt werden kann.

Nun. Diese Position ist eine lauwarme Kompromissposition, die mit den historischen Fakten nicht direkt im Clinch liegen will, aber doch an der wärmenden Überzeugung von der Natürlichkeit und Allgemeinmenschlichkeit der Liebe festhalten will. Ich gebe darauf die folgende Antwort.

Zunächst gestehe ich zu – kleines Zugeständnis an die Position meiner „Gegner“ –, dass die Möglichkeit, sich zu verlieben, psychologisch im Menschen angelegt sein muss, denn sonst könnte uns das nicht passieren. Aber: Das heißt nicht viel. Denn im Menschen sind psychologisch gesehen auch noch ganz andere Möglichkeiten angelegt – etwa die Möglichkeit, durchzudrehen, Amok zu laufen, in die Psychose zu fallen, zu halluzinieren, und noch einiges anderes mehr. Auch dies sind unbestreitbar Möglichkeiten der menschlichen Psyche, die in jedem von uns angelegt sind, denn sonst könnte uns das nicht passieren. Tatsächlich ist übrigens akute Verliebtheit nicht unähnlich einer akuten Psychose, mit den typischen Merkmalen: (a) extreme Fixiertheit auf eine Sache, (b) reduzierte Ansprechbarkeit für Anderes, (c) verzerrte Realitätswahrnehmung, hier bekannt als „rosarote Brille“. Liebe ist deshalb auch schon früh als „Wahnsinn zu zweit“ beschrieben worden.

Wenn das aber so ist und die menschliche Psyche jedem von uns viele bunte Möglichkeiten des Erlebens und Handelns bereitstellt, dann muss die Frage anders gestellt werden. Die Frage lautet dann nicht: Was ist im Menschen an Möglichkeiten angelegt? Sondern sie lautet: Welche der Möglichkeiten, die im Menschen angelegt sind, werden gesellschaftlich ermutigt, und welche werden gesellschaftlich entmutigt?

Verschiedene Gesellschaften gehen mit dem psychischen Potential des Menschen ganz verschieden um. Es gibt zum Beispiel Gesellschaften, die es schätzen und ermutigen, wenn Menschen Halluzinationen oder „Visionen“ haben, weil ihnen das als Zeichen des Kontaktes mit übernatürlichen Mächten gilt. In manchen Indianergesellschaften gehört es zum Initiationsritus für junge Menschen, dass sie eine Vision haben, die ihnen ein Totemtier oder sonstiges schutzgebendes Wesen offenbart. Wer in der Vision etwa einen Wolf sieht, dessen Totemtier ist von da an der Wolf, und er kann ein Stück Wolfsfell als Talisman bei sich tragen. Eine solche Gesellschaft kennt dann auch Techniken, um das Erleben von Halluzinationen wahrscheinlicher zu machen; es hilft zum Beispiel, drei Tage ohne Wasser in die Wüste zu verbringen. Den meisten Gesellschaftsmitgliedern – wenn auch vermutlich nicht allen – gelingt es unter diesen Umständen, einmal oder mehrmals im Leben eine Vision zu haben.

Diese Gesellschaften ermutigen also das Erleben von Halluzinationen, und dafür entmutigen sie das Erleben romantischer Liebe. Diese Form der sozialen Verbindung hat in ihnen keinen Platz, es würde die etablierten Strukturen von Verwandtschaft und Vererbung durcheinanderbringen, und normalerweise verlieben sich die Menschen dort deshalb nicht. Wenn es in seltenen Fällen doch vorkommt, wird es als Störung oder Krankheit behandelt und wieder einzurenken versucht, nach dem Motto: „Da sind zwei junge Leute ein bisschen abgedreht, aber wir werden sie schon auf den rechten Pfad zurückbringen.“

In unserer Gesellschaft ist es genauso, nur umgekehrt. Wir ermutigen das Sich-Verlieben, erwarten es von jedermann ab einem bestimmten Alter, und kennen Techniken, um sein Eintreten wahrscheinlicher zu machen, etwa Diskos mit Schummerbeleuchtung und Dating-Apps. Entsprechend gelingt es den meisten Gesellschaftsmitgliedern – wenn auch vermutlich nicht allen –, sich einmal oder mehrmals im Leben zu verlieben. Umgekehrt entmutigen wir das Erleben von Halluzinationen und behandeln die Fälle, in denen das trotzdem passiert, als Fälle von Krankheit oder Störung, die wir wieder einzurenken versuchen. Wer bei uns einen Wolf sieht, wo keiner ist, der kommt in die Psychiatrie.

An diesem Punkt ist das Vertrauen meiner Studenten in die Möglichkeit, aus der menschlichen Natur etwas abzuleiten, nachhaltig erschüttert. Oder jedenfalls hoffe ich das. Sie haben es jetzt jedenfalls schwerer, sich gegen die Einsicht zu wehren, dass die Frage, was wir in unserem Innersten erleben, zutiefst von der Gesellschaft abhängt, in der wir leben. Diese Einsicht ist gewissermaßen die Eintrittskarte in die Soziologie. Sie löst den alten Gegensatz „Individuum vs. Gesellschaft“ auf und setzt an seine Stelle eine Denkfigur, wonach das Individuum auch mit seinen tiefsten inneren Regungen, seinen stärksten Gefühlen, seinen scheinbar spontansten Impulsen ein Geschöpf der Gesellschaft ist. Beginnende Soziologen, also Studenten, reagieren auf diese Einsicht mit einer gewissen Verstörung, weil sie sie als Entwertung erleben: „Dann sind wir ja nur ein Geschöpf der Gesellschaft!“ Der nächste Schritt ist dann, ihnen dieses „nur“ zu nehmen – aber das ist eine andere Geschichte.

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