Liebe als Erfindung der modernen Gesellschaft (II)

Romantische Liebe kommt in ungefähr jedem Film, jeder Serie, jedem Roman vor. Kaum ein Regisseur lässt sich die Chance entgehen, durch den Einbau einer romantischen Begegnung und eines unter Schwierigkeiten sich annähernden Paares seinem Streifen Reiz und Rührung zu verleihen. Es ist ein ziemlich ausgelutschtes und doch immer wieder wirksames Skript.

Es ist aber noch schlimmer. Denn auch, wenn wir uns im echten Leben verlieben, folgen wir einem Skript. Soziologen sagen: Wir könnten uns gar nicht verlieben, wenn wir nicht aus der Gesellschaft das Skript der romantischen Liebe lernen würden. Wir lernen es von Kindesbeinen an aus unzähligen Quellen: aus Büchern, Filmen, Zeitschriften, Popsongs, wo immerzu und jederzeit die Macht der Liebe beschworen wird, und auch aus der Beobachtung anderer, die wir knutschend und händchenhaltend durch den Park laufen sehen. Wir saugen das Konzept quasi mit der Muttermilch auf, und wenn wir ein gewisses Alter erreicht haben, warten wir darauf, dass es uns selbst passiert. Wir suchen eine Möglichkeit, uns zu verlieben, und in den allermeisten Fällen finden wir eine.

Dass es ein Skript ist, heißt: Es würde uns nicht passieren, wenn wir nicht das Schema im Kopf hätten. Wir würden schlicht nicht auf die Idee kommen, uns zu verlieben, wenn wir es nicht hundert- und tausendmal vorgeführt bekommen hätten. (Und die Menschen früherer Gesellschaften haben sich im Normalfall nicht verliebt, weil sie es nicht vorgeführt bekommen haben – s. dazu die Einträge von letzter Woche und nächster Woche).

Weil das schwer zu glauben ist, liefere ich hier eine Geschichte aus meinem Leben, mit angeschlossenem Gedankenexperiment. Ich hatte vor Jahren einmal ein dienstliches Gespräch mit einer Professorin an der Universität, an der ich damals beschäftigt war. Wir saßen zusammen in ihrem Büro – zwei Frauen, beide hetero, die eine dreißig, die andere sechzig Jahre alt. Das Gespräch verlief unerwartet freundlich und angenehm, es wurde persönlicher, als es den reinen Sachthemen nach nötig gewesen wäre, ich fühlte mich von ihr sehr verstanden und geschätzt. Nach einer halben Stunde verließ ich ihr Büro mit dem Gedanken: „Das war aber ein nettes Gespräch.“

Nun das Gedankenexperiment. Nehmen wir an, es hätte sich statt um eine sechzigjährige Frau um einen vierzigjährigen Mann gehandelt. Nehmen wir weiter an, das Gespräch wäre ansonsten ganz genauso verlaufen, wie es tatsächlich verlaufen ist. Dann hätte es gut sein können, dass ich aus dem Büro gekommen wäre und gedacht hätte: „Was für ein toller Typ! So sanfte Augen. Und wie der mich angeschaut hat. Zum Dahinschmelzen.“ Nehmen wir schließlich an, ich hätte den Mann in der nächsten Zeit noch einmal getroffen und das Gespräch wäre wieder angenehm verlaufen, dann wäre es nicht unwahrscheinlich, dass ich beginnend verliebt gewesen wäre. Und je nach dem – je nach seinem und meinem Beziehungsstatus und je nach weiterem Verlauf – hätten wir in einer Liebesbeziehung landen können oder auch nicht.

Wohlgemerkt: Alles andere an der Situation wärevöllig identischgewesen. Es wären dieselben Sätze gesagt und dieselben Blicke gewechselt worden. Der einzige Unterschied: Im einen Fall wäre das Skript romantischer Liebe zur Anwendung gekommen und im anderen Fall nicht. Daraus ergeben sich zwei völlig verschiedene Verläufe und völlig verschiedene psychische und soziale Verarbeitungsschienen. Man kann dasselbe Geschehen auf ganz verschiedenen Bahnen interpretieren und verarbeiten. Es ist also nicht das Geschehen an sich, gewissermaßen die Roh-Begegnung, die das Programm romantischer Liebe in Gang setzt. Es ist die Interpretation dieses Geschehens entlang eines bestimmten Sinnschemas, das wir im Kopf tragen und bei Gelegenheit aktivieren – oder eben nicht aktivieren, wenn die Situation aus unserem Beuteschema herausfällt.

In diesem Fall habe ich es interpretiert auf der Schiene „netter beruflicher Kontakt“ oder bestenfalls „berufliche Protektion“. Was ich gedacht habe, war: „Jetzt weiß ich, wo ich hingehen kann, wenn ich an dieser Uni mal Unterstützung brauche.“ Da ich aber im Endeffekt gar nie Unterstützung brauchte, ist die Situation einfach geräuschlos und anschlusslos wieder versickert und vergessen worden. Ich habe sie auch überhaupt nicht mit dem Thema romantische Liebe in Zusammenhang gebracht; erst viel später, als ich mich soziologisch mit Liebe zu beschäftigen begonnen habe, ist mir klargeworden, dass man sie als Beispiel oder Anti-Beispiel für das Skript romantischer Liebe benutzen kann.

Deshalb also ist romantische Liebe ein Drehbuch, ein soziale Handlungsanweisung, und nicht einfach ein Sprudeln der Hormone, das die Natur für uns besorgt. Hormone gibt es auch, aber sie sind Begleiteffekt, nicht Ursache des Geschehens. Wenn wir eine Situation entsprechend interpretieren und das Skript romantischer Liebe greift, dann werden auch die entsprechenden Hormone ausgeschüttet. Aber die Hormone erklären nichts. Das wirkliche Leben ist viel näher an Hollywood als an rein tierischer, organischer Existenz.

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