Liebe als Erfindung der modernen Gesellschaft (I)

Dass wir uns verlieben, scheint uns die natürlichste Sache der Welt zu sein. Die Menschen haben sich sicher immer schon verliebt, diese Erfahrung ist allen Menschen gemeinsam, und es passiert denn ja auch ganz von selbst, wenn wir dem Richtigen oder der Richtigen begegnen. So denken wir spontan über das Verliebtsein, wenn wir überhaupt je darüber nachdenken. Das Sich-Verlieben scheint zum Menschsein zu gehören wie Geborenwerden und Sterben.

Indes: Nichts könnte falscher sein als diese Annahme. In Wirklichkeit ist die Sitte des Sich-Verliebens etwa zweihundert Jahre alt – so alt wie die moderne Gesellschaft. In Europa hat sie sich etwa ab 1800 durchgesetzt, während vorher heftige Liebesepisoden im Leben der allermeisten Menschen nicht vorkamen. Natürlich gab es vorher schon Ehen; Ehen gibt es tatsächlich immer schon, seit es Menschen oder die Gesellschaft gibt. Aber Ehen wurden jahrzehntausendelang nach ganz anderen Prinzipien geschlossen als Liebe. Sie waren in erster Linie eine praktische, etwa eine ökonomische oder politische Angelegenheit. In der Bauernschaft galt etwa das Prinzip „Ein Acker heiratet den anderen“, im Adel das Prinzip „Ein Königreich heiratet das andere“. Eine gewisse gegenseitige Sympathie der Partner galt dabei zwar als wünschenswert, und alles weitere – Vertrautheit und Verbundenheit – würde sich mit der Zeit schon einstellen, nahm man an. Aber all das hat nichts mit dem zu tun, was wir heute als romantische Liebe praktizieren.

Erst mit der Romantik, also um 1800, kommt die Idee auf, dass Menschen gelegentlich in einen Zustand heftiger Leidenschaft oder Obsession für einen anderen Menschen verfallen. Die Romantik schreibt generell Gefühle groß, in allen Bereichen (Literatur, Poesie, Freundschaft, Naturerfahrung, Malerei), und sie revolutioniert auch den Bereich der Ehe und Familie. Hier wird mit dem Zustand der Verliebtheit ein fast krankheitsartiger Zustand projektiert, in dem man von Gefühlen überwältigt wird und vorübergehend unzurechnungsfähig und für andere Dinge unbrauchbar wird, weil einem Schmetterlinge im Bauch und rosa Herzchen im Kopf herumschwirren. Die meisten früheren Gesellschaften hätten mit so einem Zustand nichts anfangen können. Sie hätten das für eine besorgniserregende Form geistiger Verirrung und Verwirrung gehalten (dazu später mehr, im Eintrag „Liebe als Erfindung der modernen Gesellschaft III“).  

Es gibt zwar einige Vorläufer romantischer Liebesbeziehungen in früheren Gesellschaften, aber die waren unter dem Strich doch recht anders geartet. Im antiken Griechenland gab es beispielsweise die Einrichtung der Knabenliebe: Es war üblich für reife Männer, einen jugendlichen Liebhaber zu haben, und dieser wurde dann manchmal angeschwärmt und angehimmelt in einer Weise, wie man es heute unter Verliebten findet. Es gab also sozial akzeptierte und sozial erwartete Homosexualität (für Männer) und in diesem Rahmen gelegentlich romantische Anwandlungen. Aber die Griechen wären niemals auf die Idee gekommen, die Ehe auf etwas so Flüchtiges wie romantische Gefühle zu gründen, das wäre ihnen als sicheres Rezept zum Untergang der sozialen Ordnung erschienen.

Soweit die historischen Fakten (die man noch lang und farbig ausbauen könnte; nachzulesen etwa in dem schönen Buch von Herrad Schenk, „Freie Liebe – Wilde Ehe“). Die meisten Menschen, die nicht gerade Historiker oder Soziologen sind, finden das schwer zu glauben. Spüren wir denn nicht ganz tief in uns drin, dass das Sich-Verlieben eine ganz ursprüngliche und urmenschliche Sache ist? Sind wir hier nicht ganz nah an unserem tiefsten, innersten, eigensten Menschsein und ganz weit weg von der Gesellschaft? Sprudelt das Gefühl nicht direkt aus unserem Herzen hervor, oder wenigstens aus unseren Hormonen?

Es fühlt sich so an – aber darauf kann man sich nicht verlassen. Dinge scheinen uns immer älter und natürlicher, als sie sind. Wie Historiker wissen, scheinen uns Dinge und Sozialordnungen oft „ewig“, „unänderbar“ und „naturgegeben“ schon nach zwei bis drei Generationen. Das Gedächtnis der Gesellschaft ist bemerkenswert kurz. Ein beliebiges Beispiel dafür: Das Nationalgetränk Marokkos – schwarzer Tee mit Minze – präsentiert sich uns als alte und ur-marokkanische Tradition, es ist aber in Marokko erst seit hundert Jahren verfügbar. So schnell lassen sich Nationen, Nationalgetränke, Nationalcharaktere kreieren.

Uns erscheint das Konzept der romantischen Liebe als natürlich und selbstverständlich, weil wir als moderne, westliche Menschen in der modernen, westlichen Gesellschaft geboren sind. Diese Gesellschaft bringt uns das Konzept von Kindesbeinen an nahe; wir wachsen damit auf, sehen es von anderen vorgelebt und erleben es dann irgendwann an uns selbst. Genauso kommen uns auch viele andere Dinge selbstverständlich vor, die es im Gesellschaftsvergleich überhaupt nicht sind – etwa dass alle Kinder in die Schule gehen (wenn nicht gerade Lockdown ist) oder dass alle Menschen einen Geburtstag haben, kennen und feiern. Es gibt keinen Zweifel daran, dass wir, wenn wir uns verlieben, dann auch wirklich diese tiefen und intensiven Gefühle haben – aber nicht, weil das im Menschen als Menschen so angelegt ist, sondern weil die Gesellschaft es uns nahelegt.

Die Wahrheit über die Natur des Menschen ist: Es gibt fast nichts, was der Mensch von sich aus ist. Der Mensch an sich ist fast unendlich formbar. Er kann als arktischer Jäger leben oder als chinesische Hofdame, als abgebrühtes Ghettokid oder als globaler Jetsetter. All das sind Möglichkeiten der menschlichen Natur, auch wenn sie für uns, von unserem Lebenshorizont aus, sehr fremd und unzugänglich aussehen. Aber es gibt keinen Zweifel, dass wir arktische Jäger, chinesische Hofdamen oder abgebrühte Ghettokids geworden wären, wenn wir zur entsprechenden Zeit am entsprechenden Ort geboren worden wären. Genauso hat auch das Sich-Verlieben mit dem Menschen an sich herzlich wenig zu tun, aber mit der modernen Gesellschaft ziemlich viel. 

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