Warum die rosa Phase endet (II)

Der letzte Eintrag hat erklärt, dass die Phase der Verliebtheit endet, weil Verträge gebrochen werden und wir das nicht kriegen, was wir uns erhofft haben. Das war das Modell der Verträge und Vertragsbrüche. Es gibt aber noch ein anderes, in gewisser Weise entgegengesetztes, aber erstaunlicherweise nicht einmal inkompatibles Modell, wonach wir in der Beziehung sehr wohl das kriegen, was wir uns wünschen – aber damit auch nicht glücklich werden. Diesem Modell nach gibt uns der Partner genau das, was wir uns gewünscht haben, aber er gibt uns zu viel davon, und was uns anfangs beglückt hat, fängt an, uns unsäglich zu nerven.

Damit ist nichts gewonnen, kann man sagen, schön wäre mal ein Modell, wo man miteinander glücklich wird. Aber so sind Theorien nun mal, sie sind grundsätzlich eher düster, ernüchternd und pessimistisch. Für die Höhenflüge sorgt das Leben selbst, Theorien brauchen wir für die Probleme.

Das zweite Modell von Paardynamiken besagt nun Folgendes. Partner ergänzen einander in bestimmten Hinsichten wie Schlüssel und Schloss. Der Eine sprüht beispielsweise vor Ideen und Initiative, der Andere lässt sich gern mitnehmen und kann gut mitschwingen. Oder der Eine kümmert sich gern um andere, ist einfühlsam und fürsorglich, der Andere lässt sich gern versorgen. Oder der Eine hat eine feste Auffassung von der Welt und der Art, wie das Leben zu leben ist, der Andere kann Halt und Struktur gebrauchen.

Die Partner finden einander anhand dieser tief verwurzelten Wünsche und Eigenschaften, ähnlich wie im Vertragsmodell. Aber im Schlüssel-und-Schloss-Modell ist es so, dass man vom Partner dann im Wesentlichen das kriegt, was man wollte. Nur: Es wird einem dann zu viel. Man wollte zwar gute Laune und spritzige Ideen, aber nicht den ganzen Tag, und irgendwann ist man genervt davon, immer nur das Anhängsel des Anderen sein. Oder: Man wollte sich zwar liebevoll um jemandem kümmern, aber man hat auch keine Lust, ständig nur der Dienstbote zu sein. Oder: Man wollte zwar die eigene Ordnung implementieren, aber man will auch nicht die Stütze von allem und jedem sein müssen.

Das Problem ist, dass jeder Partner immer tiefer in die eigene Position hineingerät und irgendwann die andere Seite vermisst, die er auch in sich hat. Gleichzeitig ist er genervt von der ebenfalls immer extremer werdenden Ausprägung des Anderen, der immer stärker auf seine Seite rutscht. Beide sind also unzufrieden, und doch finden sie nicht heraus, weil sie sich mit ihren jeweiligen Positionierungen so ineinander verhakt haben, dass sie sich wechselseitig den Weg ins offene Gelände verstellen.

Die Aufgabe ist dann, aus dem „Verheiratetsein“ mit der einen Seite der Rollenverteilung herauszufinden und auch die andere Seite seiner selbst zu entwickeln – die nämlich immer eine andere Seite seiner selbst ist, nie etwas ganz Fremdes. Das ist aber eben deshalb so schwer, weil der Partner diese Stelle schon besetzt. Jeder muss lernen, auf ein ihm ungewohntes Ross zu steigen, obwohl der Partner auf diesem Ross schon fest im Sattel sitzt.

Warum widerspricht dieses Modell trotzdem nicht dem Vertragsmodell? Im Schlüssel-und-Schloss-Modell kriegen wir zwar das, was wir uns erhofft haben, aber auch hier kriegen wir nicht das Glück oder die Erfüllung, die für uns damit verbunden war. Der Partner enttäuscht mich auch hier, nur dadurch, dass er mir eine Überdosis von dem gibt, was ich wollte, statt eine Mangelpackung. Das läuft in der Praxis ungefähr auf dasselbe hinaus – gemäß dem alten Grundsatz der Psychologie, dass Gegenteile zusammengehören und fast schon dasselbe sind.

Oder man muss eben im Einzelfall hinschauen, in welchen Hinsichten was der Fall ist: zu viel oder zu wenig. Meistens ist eine real existierende Paarbeziehung eine Mischung aus beiden Dynamiken. Die Dynamiken sind komplex, vor allem, wenn man bedenkt, dass jede reale Paarbeziehung mehrere Dimensionen von Beziehungsgeschehen enthält, nicht nur eine, wie die genannten stilisierten Beispiele. Im Inneren unserer Beziehungen läuft ein Feuerwerk an Systemdynamik ab – auch wenn es nach außen hin nach einem ganz normalen Blasserwerden und Abflachen der Liebe aussieht.

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