Die unsichtbarste aller Diskriminierungen

Diskriminierung ist keine schöne Sache, und wir – als gutbürgerliche Gutmenschen – sind schnell dabei uns aufzuregen, wenn irgendwo diskriminiert wird. Nur 15 Prozent Frauen in den Vorständen von DAX-Konzernen? Geht gar nicht, her mit der Frauenquote und weg mit den Alte-Männer-Netzwerken! Menschen mit dunklem Teint werden auf der Straße öfter von der Polizei kontrolliert als Menschen mit biodeutschem Aussehen? Ein Unding, wir brauchen Regularien für die Polizeiarbeit, die das ausschließen. Menschen mit Übergewicht oder irgendwelchen sonstigen körperlichen Mäkeln sind auf sozialen Medien Pöbeleien ausgesetzt, wenn sie auf prominente Posten und in den Radar der Öffentlichkeit kommen? Solidarität ist angesagt, und ein Gleichklang der Empörung gegen die, die so was tun.

Ich will da nicht dagegen sein. Ich will nur eine Wahrnehmungsverzerrung gerade rücken, die da allgemein herrscht und die besagt, dass Diskriminierung nur oder hauptsächlich im öffentlichen Bereich stattfindet, also im Bereich von Berufsrollen und medialen Kommentarspalten, und dass wir – gutbürgerliche Gutmenschen – damit nichts zu tun haben. Wenn man genau hinschaut, und sich soziologisch informieren lässt, wo man hinschauen muss, dann ist es aber so, dass wir alle selber auch ganz schön massiv diskriminieren, nämlich im privaten Bereich, konkret bei der Partnerwahl und vielleicht auch breiter der Freundeswahl. Wenn es darum geht, wen wir attraktiv finden, wessen Telefonnummer wir haben wollen, mit wem wir mal einen Kaffee trinken oder ins Bett gehen oder eine Familie gründen wollen, dann sind wir alle so krass diskriminierend, dass die DAX-Konzerne Waisenknaben dagegen sind.

Man frage sich mal Folgendes. Welcher Mensch mit einem gesunden, durchschnittlich großen, stimmig proportionierten, im Großen und Ganzen einschränkungsfreien Körper hat schon mal in Betracht gezogen, einen Menschen im Rollstuhl, oder einen kleinwüchsigen Menschen, oder einen Menschen mit außerhalb der Norm liegenden Gesichtsproportionen, oder auch nur einen stark übergewichtigen Menschen als Partner zu wählen?  Oder auch nur in seinen täglich mitlaufenden Partnersuchradar zuzulassen?  

Hmm. Die Zahl der Positivantworten auf diese Frage dürfte sich an einer Hand abzählen lassen.

Es ist nämlich so. Diejenigen unter uns, die mit einem gesunden, durchschnittlich großen, stimmig proportionierten usw. Körper gesegnet sind, nehmen für sich selbstverständlich das Privileg in Anspruch, nur solche Menschen als Partner in Betracht zu ziehen, für die dasselbe gilt. Menschen mit irgendwelchen sichtbaren Abweichungen von der Norm nehmen wir gar nicht richtig wahr, die werden von unserer Partnersuchbrille automatisch und innerhalb von Zehntelsekunden weggefiltert. Wir nehmen sie vielleicht allgemein als Mitmenschen wahr – als Kollegen, Kommilitonen, Nachbarn usw. –, aber nicht als potentielle Partner oder potentielle Dates. Sie fallen in ein Vakuum von …  vielleicht nicht Aliens, aber jedenfalls nicht voll satisfaktionsfähigen, nicht für uns zutiefst-privat-persönlich interessanten Menschen.

Das ist, vom Effekt her gesehen, eine starke – man könnte sagen: brutale – Form von Diskriminierung. Und es ist eine Form, gegen die es keinerlei Handhabe gibt, gegen die man nirgendwo Beschwerde einlegen oder Gleichstellungsmaßnahmen einfordern kann. Es gibt keine öffentliche Instanz, die mir auferlegen könnte, in meinem Partnersuchverhalten nicht-diskriminierend zu sein, etwa unter zwanzig Menschen auch einen mit Körpermerkmalen außerhalb des Durchschnitts in Betracht zu ziehen und ihm eine Chance zu geben, seine inneren Werte zu erweisen. Denn das ist der Bereich privater Entscheidungen, vor öffentlichem Zugriff geschützt und im Hoheitsbereich meiner spontanen,  emotionalen, ganz individuellen Empfindungen. Es gibt hier keine Rechtfertigungspflicht und deshalb auch keine Zugriffsmöglichkeit für ein wie immer humanistisch begründetes Anti-Diskriminierungsinteresse.

Für die Menschen, die dadurch wegdiskriminiert werden, kann das sehr schmerzhaft sein. Es führt dazu, dass man, wenn man einen irgendwie bemakelten Körper hat, sich nicht nur schwerer tut, einen Job zu finden und Facebook-Freunde zu sammeln, sondern auch, einen Partner zu finden und eine Familie zu gründen. Natürlich kann man bei entsprechender Anpassung der Suchkriterien trotzdem irgendwann einen Partner finden, man kann trotzdem eine glückliche Beziehung führen und eine glückliche Familie haben; Familienglück hängt davon nicht ab. Aber man hat eine sehr viel geringere Auswahl als der „Normalo“, und es tut ganz sicher weh, von den überall mitlaufenden Partner- und Kontaktbörsen des täglichen Lebens ausgeschlossen zu sein, in ihnen automatisch weggefiltert zu werden.

Nun lässt sich das vermutlich nicht ändern. Dieser Text hier dient nicht dem Zweck, zu einer Änderung aufzurufen, das dürfte aussichtslos sein. Der Text dient nur der Reflexion. Er drückt ein Unwohlsein aus angesichts der Ungleichverteilung des Grummelns über die Diskrimierung in der Welt – eines Grummelns, das im Bereich der Berufsrollen so laut und inbrünstig ausfällt und im Bereich des Privaten so inexistent ist und von den Isolierwällen der Privatheit geschluckt wird.  

Der Umstand, dass unsere Attraktivitätswahrnehmungen so leicht eingestielt und eingenordet werden können, hat vermutlich gewisse Hintergründe in allgemein-menschlichen, evolutionär geprägten Wahrnehmungsgewohnheiten. Kleine Abweichungen vom Durchschnitt eines Figurschemas können wir tolerieren und als individuelle Besonderheit verbuchen – z.B. eine überdurchschnittlich große Nase, eine besonders helle Haut, einen etwas gepolsterten Hintern oder eine Körpergröße von 1,50m. Wenn die Abweichung aber bestimmte Grenzen überschreitet – ein rundrum reichgepolsterter Körper, eine Körpergröße von 1,30 m, ein an mehreren Stellen ungewöhnlich proportioniertes Gesicht –, dann nehmen wir den Menschen vorrangig oder ausschließlich unter diesem Merkmal wahr, nicht mehr als „normalen Menschen“. Dieses eine Merkmal übernimmt alles, es übernimmt die Kategorisierung, dominiert die Wahrnehmung und lässt die sonstigen menschlichen Übereinstimmungen in den Hintergrund treten. Wie schmerzhaft das für die so Kategorisierten ist, kann man vermutlich nicht ermessen, wenn man es nicht erlebt hat.

Vermutlich lässt sich das nicht ändern – unter modernen Bedingungen –, aber es wäre schön, wenn man das wenigstens reflektieren könnte. Und es ist im Übrigen nicht alternativlos, dass der unmittelbare optische Eindruck so stark das Partnerwahlverhalten und die Partnerwahlchancen bestimmt. In früheren, angeblich so rückständigen Gesellschaften war das nicht in gleicher Härte der Fall. Dort war Partnerwahl eine stärker rational-pragmatische Angelegenheit, meist von Eltern oder Verwandten vorgesteuert, und das half gegen den Stellenwert unmittelbarer Attraktivitätseindrücke. Die wohlerzogene Tochter aus gutem Hause konnte auch dann als Heiratspartnerin attraktiv sein, wenn sie, sagen wir, eine Hasenscharte oder ein gelähmtes Bein hatte. Der Bauerssohn oder Bäckersohn konnte auch dann auf dem Heiratsmarkt mitmischen, wenn er aus irgendwelchen Gründen nur 1,30m groß war oder gehörlos zur Welt gekommen war. Dergleichen wurde sicher als Nachteil in die heiratstechnischen Erwägungen eingepreist, aber als ein Faktor neben vielen anderen, und es war kein Knockout-Kriterium. Bei uns würden diese Menschen heute krachend durch alle Vorauswahlraster fallen.

In der heutigen Gesellschaft bilden sich Paare mit hoher Zuverlässigkeit auf gleichem Niveau von körperlicher Attraktivität. Das ist soziologisch vielfach erwiesen. Das hängt damit zusammen, dass Partnerschaft bei uns eine rein private Angelegenheit zwischen ausschließlich zwei Individuen ist, die nur diese beiden etwas angeht und nur durch deren Gefühle und spontane Anziehungskräfte gesteuert ist. Das ist an sich ja schön, aber es hat eben auch den sehr unschönen Aspekt der Aussortierung von Menschen, die den spontanen zwischenmenschlichen Attraktionsschemata zuwiderlaufen. Wir sollten wenigstens wissen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die in Sachen Humanismus, Chancengleichheit, Anti-Diskriminierung sehr uneinheitlich aufgestellt ist und dass wir – als Einzelne – an den unschönen Seiten dieser Sache einen ebenso großen Anteil haben wie die öffentlichen, mächtigen, anprangerungsfähigen Stellen.

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