Das Gerinnen von Zukunft in Geschichte

Die Ereignisse der letzten Tage – Wahlsieg von Trump, Ende der Ampelkoalition – geben zu Anlass zu Reflexionen, und zwar zu politischen und persönlichen Reflexionen. Ich beginne mit dem Politischen, das sich aber in seiner Tiefenstruktur als überraschend parallel zum Persönlichen, Biographischen erweist.

Wir wissen jetzt, dass Trump die Wahl gewonnen hat. Vor zwei Tagen wusste man es noch nicht. Ich habe noch am Vorabend der Wahl eine Analyse von einem politischen Analysten der New York Times gelesen, Nate Cohn, der – noch am Vorabend der Wahl! – vier Szenarien darstellt, die alle gleich möglich sind (von heute aus: waren) und von denen er sagt: Dasjenige Szenario, das dann eintritt, also eingetreten sein wird, wird uns dann hinterher als notwendig und im Licht des „Das hätte man immer schon vorhersehen können“ erscheinen. Das ist hier gefärbt durch die Perspektive des Analysten und Wahlforschers und insofern professionellen Zukunftsforschers, der die Frage verinnerlicht hat: „Hättet ihr das nicht wissen, vorhersehen, projizieren müssen, mit all euren Modellen?“ Ich weiß von den vier Szenarien nur noch drei, sie gingen ungefähr so.

Szenario 1:  Wenn Harris gewinnt, wird man sagen: War doch klar. Das war doch absehbar, alles ging doch langfristig in diese Richtung, mindestens seit ihrer Nominierung, aber auch schon davor, die letzten Wahlen in der Mitte der Legislaturperiode haben die Demokraten gewonnen, und langfristig werden die Wählergruppen größer, die Harris unterstützen – städtisch, bunt, divers –, und langfristig geht die Tendenz in die Richtung, dass es Sinn macht sich vorzustellen, dass die USA die erste Frau zur Präsidentin haben könnten. Oder auch, noch langfristiger: die USA waren jahrhundertelang ein insgesamt vernünftig regiertes politisches Territorium, verglichen mit manchen europäischen Staaten etwa, sie waren die erste Demokratie der Moderne und bei allen punktuellen Verschrobenheiten eine gute, moderne politische Ordnung, und insofern macht es doch Sinn, dass letztlich die Vernunft über den Irrsinn siegt, dass ein politischer Berserker wie Trump ein Ausrutscher bleibt und letztlich, wenn es drauf ankommt, sich die politische Vernunft und die politische wie menschliche Anständigkeit durchsetzt.  

Szenario 2: Wenn es knapp wird, so dass es nach der Wahl eine tagelange oder wochenlange Hängepartie gibt, man nicht weiß, wer gewonnen hat, Gerichte angerufen werden, Auszählungen angefochten werden, Anhängerschaften mobilisiert werden und es am Schluss, mit hoher Unsicherheits- und Zufallskomponente, um ein paar tausend Stimmen geht, mit gleich welchem Ausgang, wird man sagen: War doch klar. Genauso war es ja bei der letzten Wahl auch, Trump gegen Biden, warum hätte es jetzt anders sein sollen? Es hat doch irgendwie etwas Logisches, dass die meisten Leute dieses Mal so wählen, wie sie auch letztes Mal gewählt haben, so viel hat sich ja nicht verändert in den letzten vier Jahren, Trump kannte man auch vorher schon, die grundsätzlichen Linien und politischen Alternativen waren auch vorher schon dieselben, also was hätte dazu führen sollen, dass es diesmal grundlegend anders wird?

Szenario 3: Wenn Trump gewinnt, wird man sagen: War doch klar. Dieser Mann hat eine ungeheure, wenn auch uns Europäern unverständliche Wucht und Zugkraft, und vor allem: er ist bisher bei jeder Wahl im Vorfeld unterschätzt worden, keine Umfrage hat je richtig vorausgesehen, was er letztlich am Wahltag an Stimmen erzielen wird. Das waren die Erfahrungen der letzten beiden Präsidentschaftswahlen, die Umfrageforscher und Wahlforscher und politischen Analysten lagen mit ihren Vorhersagen immer um einige Prozentpunkte unter dem, was am Ende das Ergebnis war, und trotz allen Bemühungen und immer ausgefeilteren Methoden der Umfrageforscher gibt es dafür anscheinend kein Heilmittel; es scheint ein mit den Mitteln der Sozialforschung nicht lösbares Problem zu sein, dass Trump immer am Wahltag eine nennenswerte Zahl von Wählern zieht, die sich vorher der Erfassung durch Umfragen und Wahlforschung entzogen haben, wie auch immer sie das machen. Wenn man das aus den letzten zwei Runden schon gewusst hat, warum hätte es diesmal anders sein sollen?

Soweit Nate Cohn. (Wer das nachlesen will und keinen Zugang zur New York Times hat: Es lohnt sich, sich einen zu holen, das ist das billigste Zeitungsabo, das man als Europäer haben kann, es kostet in der internationalen Ausgabe 1$ die Woche.)

Das Prinzip dahinter ist, das sehr viel allgemeiner ist als Trump-Harris: Man findet hinterher immer eine Linie, einen Grund, warum es genauso laufen musste, wie es gelaufen ist – wenn es denn gelaufen ist und man weiß, wie es gelaufen ist. Wäre es anders gelaufen, hätte man ebensogute Linien gefunden, die gezeigt hätten, dass es anders laufen musste. Kontingenz verkehrt sich in Notwendigkeit, in dem Moment, wo aus Zukunft Vergangenheit wird, oder wo aus einem offenem Möglichkeitsraum Geschichte wird. Das gilt auch für persönliche Biographien, aber dazu komme ich gleich.

Erst noch kurz ein Satz zu Trump und einer zur Ampel. Zu Trump: Das Zuschlagen dieses Gesetzes war schon am Tag nach der Wahl zu sehen, etwa in einem Kommentar einer deutschen Zeitung, der lautete: Jetzt hat Harris sich als das erwiesen, was sie immer schon gewesen ist, was sie schon als Vizepräsidentin gewesen ist, nämlich ein Ausfall, ein „failure“. Hätte sie gewonnen, hätte dieselbe Zeitung wahrscheinlich geschrieben: Jetzt hat sich gezeigt, dass Harris’s Lachen begründet war, dass sie tatsächlich was zu lachen hat und auf der richtigen Seite der Geschichte steht.

Und mit der Ampel ist es natürlich das gleiche. Jetzt, wo sie zerbrochen ist, ist es leicht zu sagen: War doch klar, früher oder später musste sie zerbrechen, die Bruchlinien waren ja offenkundig, und die fehlende Kompromissbereitschaft oder -fähigkeit auf beiden Seiten war offenkundig, wie hätte das weitergehen sollen, wie hätte es eine Lösung geben sollen für so unvereinbare Positionen und politische Grundhaltungen? Wäre sie nicht zerbrochen und hätte bis zur nächsten regulären Bundestagswahl gehalten, würde man sagen: War doch klar, das hätte man sich doch denken können, dass Scholz das durchzieht, dass er das irgendwie hinkriegt, unbeirrbar und unirritierbar, wie er ist, und dass, wenn sich schon mal eine Regierung links der Mitte gefunden hat, eine Regierung ohne CDU, die sich das nicht aus der Hand nehmen lässt und das nicht scheitern lässt, um wieder an die CDU zu übergeben.

Ich habe mal gelesen – und jetzt kommt der Übergang zum Persönlichen –, in einem Buch über Entscheidungsfindung, wie die Offenheit und Ambivalenz, die man vorher hat, bevor eine entscheidende Entscheidung getroffen ist, sich hinterher in Gewissheit und Entschlossenheit verkehrt, wenn die Entscheidung getroffen und irreversibel ist. Das Beispiel ging so: Ein Kollege des Buchautors, ein Wissenschaftler an einer Uni, hat monatelang oder ein Jahr lang überlegt, ob er ein Jobangebot einer anderen Uni annehmen soll, in einer anderen Stadt und einem anderen Landesteil der USA. Er war total ambivalent, beide Optionen hatten große Vor- und Nachteile, die sich aber nicht zu einem eindeutigen Bild summierten. Dann hat er, irgendwann und irgendwie, sich dafür entschieden, das Angebot der anderen Uni anzunehmen. Und schon am Tag danach war er vollkommen überzeugt von seiner Entscheidung, er war sich sicher, dass das eine ganz wunderbare und chancenreiche Sache war, und konnte gar nicht mehr verstehen, wie er je hatte zögern können.

So kippt Unsicherheit in Sicherheit, so kippt Ambivalenz in Überzeugtheit – durch selektive Wahrnehmung, also wahrnehmungsmäßige Verstärkung dessen, was auf der Seite steht, auf die wir eben gegangen sind, in die das Pendel eben ausgeschlagen hat, und Ausblenden dessen, was auf der anderen Seite stehen würde, wenn wir hinschauen würden.

Und so das generell im Leben, ich nehme an: in jedermanns und jederfraus Leben. Hinterher sieht alles viel logischer, zwingender, geradliniger aus, als es vorher gewesen ist, als die Vergangenheit noch Zukunft war und die Eindeutigkeit noch Kontingenz war. Hinterher sagt man: War doch logisch. Ist doch eine logische Fortsetzung dessen, was vorher war. Aber es hätte auch zwei, oder drei, oder viele andere logische Fortsetzungen gegeben. Das Leben, eine Biographie, ist so komplex, dass zu sehr verschiedenen Ergebnissen gerade Linien führen. Das ist ein Grundgesetz des Umgangs mit Komplexität, das uns das Leben erleichtert, oder manchmal erschwert?, oder jedenfalls erklärt.

Es ist im persönlichen Leben wie mit Harris und Trump, mit der Gleichmöglichkeit von guten und schlechten, erhofften und enttäuschenden Ergebnissen, die nur vorher eine Gleichmöglichkeit oder Gleichwahrscheinlichkeit ist und hinterher Zwangsläufigkeit und Folgerichtigkeit. Vorher sieht man eine Menge Perspektiven, die man etwa beruflich verfolgen könnte, Wege, die sich auftun, Nischen, in die man vorstoßen könnte, Interessen, die einen wo hinführen, Risiken, die zu nehmen sich lohnen könnte. Oder menschlich-persönlich: Vorher sieht man eine Menge Möglichkeiten, wie man sich weiterentwickeln könnte, abbiegen könnte von Gewohntem, sich Neues erschließen könnte, den Horizont des eigenen Tuns und Fühlens und In-der-Welt-Seins erweitern könnte. Wenn etwas draus wird, sagt man: Klar, das waren Möglichkeiten, die in mir steckten und entwickelt werden wollten. Wenn nichts draus wird, sagt man: Klar, letztlich bleibt man halt doch der, der man ist, und tut das, was man tut und was man kann und womit man Geld verdienen kann, und die Ideen, was alles anders werden könnte, waren Spinnereien, aus dem Moment geboren, Luftgeburten, die natürlich nicht das ändern, was man ist und was einen an das Gewicht und die Gravitationskraft der eigenen Biographie, des eigenen biographischen Gewordenseins bindet.

Faktisch ist es wahrscheinlich oft Zufall, was eintritt, oder jedenfalls von sehr kleinen Faktoren abhängig, die keineswegs so groß und gewichtig und folgerichtig sind, wie das Ergebnis hinterher erlebt wird.

An diesem Punkt des Reflektierens stellt sich die Frage, wie man damit umgeht, im weiteren Leben. Wenn man dieses Gesetz des retrospektiven Auf-Linie-Bringens der Wahrnehmung erkannt hat – und ich bin ziemlich sicher, dass es ein Gesetz ist, keine mal so hingeschriebene Vermutung oder spontane These –, was macht man dann damit?

Es gibt ja dafür zwei Möglichkeiten: Man kann das Gesetz, weil man es erkannt hat, eben damit unwirksam machen, unwirksam werden lassen, diese Wahrnehmungsverzerrung nicht mehr mitmachen, das eigene Erleben umstellen auf die kontingenzreichere, unsicherheitsreichere Sicht. Oder man kann sich trotzdem diesem Gesetz noch anvertrauen, es getrost weiterwirken lassen, zum psychischen Energiesparen gewissermaßen.

Denn Notwendigkeit tröstet uns ja auch. Der Eindruck „Das ist so, weil es so sein muss(te) und nicht anders sein konnte“ ist irgendwie beruhigend, sinnspendend, sicherheitsspendend, einnordend und einhegend. Im Vergleich dazu ist der Eindruck „Das ist so, obwohl es anders hätte sein können, und anders vielleicht besser gewesen wäre, aber nicht so gekommen ist“ tendenziell viel schmerzhafter, beunruhigender, gefährlicher, leidnäher. Es ist überhaupt nichts Verkehrtes daran, diese Wahrnehmungserleichterung anzunehmen und mitzunehmen, die die Natur uns gibt, oder die die spontanen Gesetze der Wahrnehmungsorganisation uns geben.

Es ist eine hohe Kunst und Herausforderung, für die Vergangenheit, das eigene Leben, das eigene Gewordensein, die volle Kontingenz dessen anzuerkennen, was ist – sich das retrospektiv offenzuhalten, dass es auch ganz andere Wege gegeben hätte, die das eigene Leben hätte nehmen können, und darunter nicht zu stark innerlich zu erzittern oder die Identifikation mit dem, was ist, zu verlieren. Das ist die hohe Kunst des Selbstumgangs, fast schon Buddhismus?, jedenfalls ein Aushalten eines Schwebezustands, ein retrospektives Aushalten in diesem Fall. Ich weiß nicht, ob man das lernen muss, oder lernen sollte, oder ob es ebenso gut ist, das nicht zu tun und seine Lebensenergie andersworein zu investieren.

Es hat beides seine Vor- und Nachteile. Wir haben beide Möglichkeiten, und ich bin sicher, dass die Möglichkeit, die man ergreift, dann hinterher für einen als die richtige aussieht.

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4 Kommentare zu „Das Gerinnen von Zukunft in Geschichte

  1. Liebe Barbara, danke für diesen Beitrag! Die erste Variante ist zunächst jedenfalls die bequemere („psychische s Energiesparen“, herrlich!). Die Frage ist, worin zugleich – als Kehrseite der Medaille – auf lange Sicht die Unbequemlichkeit liegen könnte? Liebe Grüße, Tom

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  2. Liebe Frau Kuchler, für mich ist Ihr Text allumfassend und gleichzeitig fühle ich mich in der Tiefe der Seele angesprochen. Alleine das Lesen hat mich tief beruhigt und ich fühle mich erinnert, dass diese Art der Betrachtung die eigene Kapazität für Gütigkeit und Frusttoleranz erhöht.

    Danke von Herzen!

    Liebe Grüße,

    Petra Ritter

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  3. Danke schön Barbara für diesen Text. Sehr spannend und berührend. Aus deinem Text zur Selbstwirksamkeit habe ich neulich ein Teamevent gebastelt. War sehr überraschend wie unterschiedlich auf das Wort reagiert wurde, welches mir so wichtig ist („heute zum ersten Mal gehört“).

    herzliche Grüße von Jan

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