
Als Kommunikationsexperte weiß man viel über die Kunst des authentischen und angemessenen Sprechens. Als so jemand kann ich nicht umhin, beim Klimathema eine enorme Fehlpassung von Inhalt und Kommunikationsweise festzustellen, und zwar zuallererst an mir selbst. Es geht mir hier nicht um öffentliche Klebeaktionen und die Aufregung darüber, es geht mir darum, wie ich selbst mit Leuten in meinem unmittelbaren Umfeld über das Klimathema rede, wenn und soweit ich überhaupt darüber rede. Es gibt hier eine große, tiefe Sprachlosigkeit, die Sprachlosigkeit einer Spezies, die in eine präzedenzlose und unvorstellbare Katastrophe läuft.
Bei mir ist das so. Bei mir ist in den letzten ein bis zwei Jahren etwas gekippt – mit dem Fühlbarwerden der Erderhitzung, mit den näherkommenden Fluten und Waldbränden, mit der Art, wie das Tempo der Veränderungen derzeit alle Prognosen überholt. Wenn ich das sehe, habe ich eine namenlose Angst. Ich glaube inzwischen nicht mehr, wie ich als Ur-Optimist lange geglaubt habe, dass die Menschheit das schon irgendwie hinkriegen wird. Ich glaube jetzt, dass die Menschheit das wahrscheinlich nicht hinkriegen wird und dass sie sich wirklich – wirklich! – in einen End- und Apokalypsezustand hineinmanövriert, in dem es von Jahr zu Jahr, von Generation zu Generation nur noch schlimmer wird, in dem der Planet von Stürmen und Fluten und Dürren heimgesucht wird in einem nicht mehr aufzufangenden Maß, in dem die Wogen der Klimaeffekte und der dadurch ausgelösten Sekundäreffekte – Migration, Kriege, Bürgerkriege, Faschismen, unmittelbar werdende Überlebenskämpfe – über der Menschheit zusammenschlagen.
Ich denke das wirklich, soweit mein Angstschutzmechanismus mich lässt. Ich kann aber darüber nicht angemessen reden. Das Entsetzen, das darin liegt, ist zu tief und zu total, als dass ich es in eine reale Kommunikationssituation im Hier und Jetzt übersetzen könnte. Ich komme im Gespräch nicht weiter, als dass ich ein paar kurze und ziemlich oberflächliche Sätze sage wie: „Ich glaube nicht, dass das gut ausgeht“, oder „Was wird das für eine Welt sein, in der unsere Kinder leben werden?“, und mein Gesprächsparter stimmt dem zu, oder umgekehrt. Aber das Feeling ist nicht so, wie es sein müsste, es ist um Dimensionen harmloser, normaler, alltäglicher, unerschütterter, als es sein müsste, wenn wir dem formulierten Inhalt wirklich kommunikativen Ausdruck verleihen würden. Dann müssten wir heulen und jammern und zähneklappern – eine Spezies, die ihrer eigenen Endzeit entgegensieht. Wir tun das nicht ansatzweise. Wir tauschen ein paar ratlose Sätze aus, und dann wissen wir nicht, wie wir weitermachen sollen, und dann reden wir wieder über etwas anderes, über die Kinder und die Schule und den Job und den Urlaub.
Dabei müsste man eigentlich über nichts anderes mehr reden können, wenn es wirklich das ist, worüber wir reden: dass unsere Kinder, oder jedenfalls die Kinder unserer Kinder, in der Auslöschungsphase der Menschheit leben werden, oder in einer Phase, in der die bewohnbaren Zonen des Planeten zunehmend kleiner werden, die Bedingungen lebensfeindlicher, die Katastrophen häufiger, die Kämpfe um Lebensmöglichkeiten härter und die Überlebensprobleme unmittelbarer. Eigentlich müsste uns an diesem Punkt eine schreiende Fassungslosigkeit ergreifen, müsste die Menschheit ihr Entsetzen ins Universum hinaus oder sich gegenseitig ins Gesicht schreien. Aber sie tut es nicht, weil wir es kommunikativ nicht hinkriegen – weil die Katastrophe so groß ist, dass uns dafür der Maßstab, das Vorbild, das kommunikative Fassungsvermögen fehlt. Unsere psychische Statur und die Statur unserer Alltagskommunikation sind darauf nicht ausgelegt.
Adorno hat vor siebzig Jahren etwas Ähnliches mit Bezug auf den Holocaust gesagt, ein anderes Ereignis von überdimensionierter Schrecklichkeit. Adorno sagt, dass unsere psychische Erschütterbarkeit sich umgekehrt proportional zum Anlass der Erschütterung verhält. Bei kleinen Missgriffen, Fehltritten, Unbotmäßigkeiten im sozialen Leben schlägt unser inneres Alarmsystem stark an, wir reagieren mit heftiger Empörung oder Beschämung. Dagegen wissen wir bei so großen und monströsen Geschehnissen wie der industriellen Tötung von Millionen unschuldiger Menschen nicht mehr, wie und ob wir überhaupt emotional reagieren sollen. Hier Adorno im O-Ton:
„Der psychische Organismus gleich dem Leib ist auf Erlebnisse einer Größenordnung eingestimmt, die ihm selber irgend entspricht. Steigert der Gegenstand der Erfahrung sich über die Proportion zum Individuum hinaus, so erfährt es ihn eigentlich gar nicht mehr, sondern registriert ihn … als ein ihm Äußerliches, Inkommensurables, zu dem es so kalt sich verhält, wie der katastrophale Schock zu ihm. … Der Gedanke an einzelne Taktlosigkeiten jedoch, Mikroorganismen des Unrechts, die vielleicht kein anderer bemerkte: daß man auf einer Gesellschaft zu früh an einen Tisch sich setzte … – solche Lappalien mögen den Delinquenten mit unbezwinglicher Reue und leidenschaftlich schlechtem Gewissen erfüllen, zuweilen mit so brennender Scham, daß er sie keinem Menschen und am liebsten nicht einmal sich selbst eingestünde.“ (Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Nr. 116)
Was die Klimakrise angeht, scheitern wir an demselben Problem. Es gibt schlicht keine Erfahrung mit Problemen dieser Dimension, es gibt keine kommunikativen Routinen, mit denen wir an die Sache herangehen könnten. Eine Selbstzerstörung in diesem Umfang, und mit dieser Absehbarkeit und doch Ausweglosigkeit, hat es in der Geschichte noch nicht gegeben. Wie würden die Frösche im Topf über ihr eigenes Gekochtwerden reden? Wir wissen es nicht.
Ich frage mich, was passieren würde, wenn wir lernen würden, über das Thema angemessen zu reden. Es ist sicher typisch Therapeut, oder typisch Sozialpädagoge, dass ich mich auch am Klimaproblem als erstes frage, wie wir darüber reden, nach dem inzwischen sprichwortfähigen Motto: „Gut dass wir darüber geredet haben!“ Aber ich glaube wirklich, dass da im Moment eine Schwelle liegt, über die wir nicht drüberkommen, und die aber einen Unterschied machen würde, wenn wir drüberkommen würden.
Wie würden wir unsere Angst und unser Entsetzen formulieren – das Erwachen der Spezies in eine schreckenserfüllte Realität und schreckenserfüllte Zukunft? Wie sollen wir miteinander reden? Wie sollen wir mit unseren Kindern reden? Soll ich meiner Tochter sagen, dass sie ein Studienfach wählen soll, mit dem sie in dreißig Jahren auch dann noch Geld verdienen und ihre Kinder ernähren kann, wenn der Dauerkrisenzustand sich eingestellt hat, wenn der Wohlstands -und Wohlfahrtsstaat kollabiert ist, Solidargemeinschaften zerbröseln und Europa unter anbrandenden Migrationswellen und aufkommenden Faschismen ächzt? Bisher sage ich ihr, dass sie ein Studienfach nach Lust und Laune und Neigung wählen soll und dass man, wenn man es ernst meint, auch mit Philosophie oder Ägyptologie irgendwie einen Job und ein Auskommen findet. Aber damit extrapoliere ich meine Erfahrungen mit meinem Leben in eine Zukunft, von der ich nicht weiß, ob sie dann noch gelten werden. Wie soll man als Eltern, und als Spezies, mit einer solchen Zukunftsaussicht umgehen? Wie soll man sich darüber verständigen, dass die eigenen Kinder oder jedenfalls Kindeskinder vielleicht wirklich unter Bedingungen leben werden, wo es nicht darum geht, einen guten Job und eine schöne Wohnung und einen schönen Urlaubsort zu finden, sondern darum, unter zunehmend ungemütlichen politisch- wirtschaftlich-humanitären Bedingungen irgendwie Oberwasser zu behalten, sich und die Seinen durchzubringen und notfalls einen Ofen bauen zu können, mit dem man im Winter heizen kann, wenn die Stadtwerke keine Energie mehr liefern? Wie soll man das kommunikativ aushalten?
Ich weiß nicht wie, aber ich habe das Gefühl, es wäre nötig. Wie immer wir das tun würden, es wäre angemessener als das, was wir jetzt tun. Das Problem wäre dann realer. Es wäre angedockter. Es wäre kommunikative Realität. Niklas Luhmann sagt, es gibt ökologische Probleme nicht, solange sie in der gesellschaftlichen Kommunikation nicht auftauchen. In diesem Sinn ist die Erhitzung der Erde bisher nur teilweise kommunikative Realität. Sie wird ja kommunikativ bearbeitet in unzähligen wissenschaftlichen Studien, öffentlichen Debatten, politischen Maßnahmenkatalogen, usw. Aber im Alltag, in unserer real existierenden zwischenmenschlichen Kommunikation, wird sie noch nicht angemessen in gefühltes und ausgedrücktes Grauen übersetzt. Sie wird statt dessen in unsere gefühlte kommunikative Normalität eingepasst, und das ist einerseits irgendwie alternativlos und andererseits doch auch total unangemessen, und das wenigstens können wir noch erkennen, mit den Mitteln, die die Menschheit uns mitgegeben hat.
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Danke, dass Du dem Sprachlosen in Dir Worte gibst, liebe Barbara, und uns sogar eine mögliche Erklärung mitgibst, warum wir das genau so machen. Ich habe mich da schon über mich selbst gewundert…
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Danke, dass Du dem Sprachlosen in Dir Worte gibst, liebe Barbara, und uns sogar eine mögliche Erklärung mitgibst, warum wir das genau so machen. Ich habe mich da schon über mich selbst gewundert…
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Es ist die Hilflosigkeit angesichts der absoluten Übermacht der Natur, welche uns am Ende dazu bewegt, die Situation zu ignorieren und letztlich zu dissoziieren.
Die meisten haben keine Worte, keine Konzepte, wie sie mit Katastrophen solchen Ausmaßes umgehen sollen. Das Ergebnis ist erstarren wie das Kaninchen vor der Schlange.
Aber das Leben geht weiter. Und dann wird die Frage, ob Spagetti oder Spierelli wichtiger – diese Frage kann man beantworten, dieses Problem lösen. Also kehren wir zurück in unser „normales“ Leben, und streiten uns wieder über die nicht richtig ausgedrückte Zahnpastatube.
Sind wir dann aber direkt und persönlich mit der Katastrophe konfrontiert, können wir am Ende sowieso nur einen Schritt nach dem anderen machen. Und den werden wir machen – zwar mehr schlafwandlerisch als bewusst und besonnen, aber wir werden weitergehen. Was bleibt uns anderes übrig.
Diejenigen, welche die Dimensionen erkennen, von den Du sprichst, werden schweigen. Nicht, weil sie nichts zu sagen hätten, sondern weil die Rufer in der Wüste selten beliebt sind. Wer trotzdem redet, wird schnell lernen – freiwillig oder unfreiwillig.
Ist alles nicht „nett“. Aber das einzige, was wir ändern können, ist unser eigenes Bewusstsein, wie wir mit der Situation umgehen. Und wie können versuchen, alle, die uns lieb sind, auf diese Reise des Bewusstseins mitzunehmen. In diesem Sinne ist der Vorschlag an Deine Tochter, sie sollte studieren, was sie interessiert, genau richtig. Was später tatsächlich gebraucht wird, weiß heute noch niemand. Das werden wie alle lernen, wenn es soweit ist.
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naja, die Rufer in der Wüste müssen sich über ihre Beliebtheit am wenigsten Sorgen machen, weil da ja wüstengemäß kein anderer ist. Es ging wohl eher um die Propheten im eigenen Land …
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Die Propheten im eigenen Land erteilt am Ende ein ähnliches Schicksal. Sie werden zwar eher gehört, aber wirklich zuhören tut am Ende doch wieder keiner… 😉
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Danke!
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Danke!
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