Durch dick und dünn, wie Hund und Katz – Wie Geschwister miteinander auskommen

Wenn in Familien das zweite – oder dritte usw. – Kind geboren wird, stellt sich die Frage: Wie kommen die Geschwister miteinander aus? Es gibt da viele Möglichkeiten, und fast alle haben etwas für sich. Es gibt alles von „Sie sind ein Herz und eine Seele“ bis „Sie sind wie Hund und Katz“, und tatsächlich haben sie alle ihre Vorzüge, auch wenn nicht alle gleich anstrengend sind für die Eltern.  

Es ist rührend und herzerwärmend, wenn Geschwister sich umeinander kümmern, die kleinen die noch kleineren herzen, umarmen, auf den Arm oder an die Hand nehmen. Oder wenn, in etwas höherem Alter, ein jüngeres Geschwisterkind in einem älteren, schon im Jugendalter befindlichen sein schlechthinniges Idol findet, das einerseits alles kann, was die Erwachsenen können – DVD-Player bedienen, U-Bahn fahren, Pizza besorgen –, aber andererseits nicht so nervige Anforderungen stellt wie die Erwachsenen.

Aber auch wenn Geschwister sind wie Hund und Katz, sich endlos zoffen, nie einer Meinung sind und auch die kleinsten Anlässe nutzen, um am Tun des Anderen Anstoß zu nehmen, haben sie etwas voneinander. Man kann an Geschwistern vielerlei lernen: Nähe, Zusammengehörigkeit, Solidarität, aber ebenso gut auch Abgrenzung, Konfliktfähigkeit, Einstehen für eigene Interessen. Damit ist auch etwas fürs Leben gelernt, und das sind auch wertvolle Fähigkeiten. Man muss ja, um sich antagonistisch aufzustellen, ebenso viel Sinn für Beziehungsgeschehen haben, wie um harmonisch an einem Strang zu ziehen. Meine Kinder haben einmal, als sie um das Erstnutzungsrecht an irgendeinem Spielzeug stritten und der Opa den Streit durch Münzewerfen lösen wollte, folgende grandiose Sinnkonstruktion hingekriegt: Opa: „Nimmst du Kopf oder Zahl?“ – Kind 1: „Zahl.“ – „Kind 2: „Aber ich wollte Zahl haben!!“

Es gibt Familien, da gilt „Wenn eine Bruder zum Frühstück Corn Flakes isst, dann isst der andere garantiert keine Corn Flakes, irgendwas anderes, aber das nicht“. Grundsätzlich folgen Geschwisterbeziehungen oft dem Prinzip der Nischenbesetzung, d.h. die nachkommenden Geschwister besetzen diejenigen Positionen in der Familie, die noch frei sind – also Positionen wie „der/die Intelligente“, der/die Rabauke/in“, „der/die Sensible“ , „der Sonnenschein der Familie“, usw. Das zeigt, wie wichtig Abgrenzung ist, und Abgrenzung kann eben auf eher subtile, unmerkliche Weisen gesehehen, durch Charakterprägung, oder in eher offenen, direkten, brutal auf den Tisch geknallten Weisen, und die letzteren sind auf die Dauer vielleicht sogar harmloser – zwar anstrengender für die Eltern, aber weniger tiefgreifend für die Kinder.  

Und gerade wenn Geschwister heftig miteinander streiten oder auch körperlich aufeinander losgehen, haben sie oft eine gute, tragende Beziehung zueinander. Man streitet ja nur mit jemandem, dem man nah ist, mit dem es sich gewissermaßen lohnt zu streiten. „Ich z.B. würde niemanden hauen, der mir nicht nahesteht“, formuliert unübertrefflich Arnold Retzer. Kinder können darin Ambivalenzkompetenz lernen, nämlich die Gleichzeitigkeit von Bindung und Konflikt, Bindung und Auseinandersetzung, und das ist eine Kompetenz fürs Leben. Und es ist deshalb auch nicht selten, dass Geschwister, die als Kinder viel gestritten haben, sich im Erwachsenen- oder auch schon Jugendalter gut miteinander verstehen. Grundsätzlich geht es bei Geschwistern nicht nur um Friede, Freude, Eierkuchen, sondern um die Erweiterung der sozialen Komplexität: mehr Personen, mehr Beziehungen, mehr Optionen, ein Wechsel von Kontakten und Koalitionen, also die Erfahrung des „Mal geht’s mir mit dem gut, mal mit dem“. Das ist per se schon ein Gewinn, egal wie sich das konkret gestaltet, mit welchen Irrungen und Wirrungen, Stürmen und Blessuren auch immer.

Apropos wechselnde Koalitionen. Es bietet sich hier eine Möglichkeit für die Eltern, entspannte Geschwisterverhältnisse etwas zu entspannen. Es macht Sinn, jedem Kind ab und zu kleine Privilegien und Sonderrechte gewähren, einen besonderen Ausflug oder dergleichen mit nur diesem Kind zu unternehmen, mit einem Elternteil, das dann speziell nur für dieses Kind da ist. Ich erinnere mich, dass ich als Kind – aufgewachsen mit zwei Schwestern – auf Urlaubsreisen, wenn wir nachts auf der Autobahn unterwegs waren, manchmal allein mit meinem Vater zur Autobahnraststätte gehen durfte, wenn ich die einzige war, die wach war. Das war eine große Freude und ein intensives Erlebenis für mich, die nächtlich-aufregende Autobahnkulisse zusammen mit dem Gefühl „Nur ich bin dabei“. Man darf diese Erfahrung ruhig auch ein bisschen größer gestalten: nicht nur ein Kaffee an der Raststätte, sondern ein Tag im Legoland, ein Tag beim Klettern, oder eine Nacht im Zelt nur mit dem einen Kind, das darauf gerade besonders steht.

Eltern können beeinflussen, wie die Beziehungen zwischen ihren Kindern sich gestalten, aber nur begrenzt, und wie immer: nicht linear und nicht vorhersehbar. Sie können natürlich versuchen, auf liebevolle, innige Geschwisterbeziehungen hinzuwirken, und manchmal geht das auf und manchmal nicht. Ein Beispiel, wo es aufgegangen ist, berichtet die Komikerin Carolin Kebekus, die über sich und ihren vier Jahre jüngeren Bruder sagt: „Ich glaube, meine Eltern haben mir das einfach gut verkauft. Als der geboren wurde, dachte ich: Der ist für mich. Die halten nicht gesagt: Mama und Papa kriegen noch ein Kind, sondern: Ich bekomm noch ein Geschwisterchen. Ich war davon überzeugt: Meine Eltern haben den für mich gemacht.“ – Gut, so kann man das machen, und es kann aufgehen. In diesem Fall ist es aufgegangen, so weit, dass Schwester und Bruder noch im Alter von 40 ihr Berufsleben gemeinsam gestalten, gemeinsam Podcasts und Fernsehshow bestreiten.

So muss es aber nicht sein, und eine so geschäftstüchtige „Verkaufshaltung“ dem Kind gegenüber kann manchmal auch nach hinten losgehen. Wenn man beim Kind die Erwartung weckt, dass das Geschwisterchen ein wunderbares Spielzeug, eine ungetrübte Freude und ein reines Vergnügen sein wird, wird es möglicherweise später ziemlich enttäuscht sein angesichts erst der grenzenlosen Langweiligkeit eines Babys und später der unschuldigen Zerstörungswut eines Kleinkindes. Es kann durchaus auch der Geschwisterbeziehung förderlich sein, da mehr auf Abgrenzung und Schutz und friedliche Koexistenz zu setzen, auf eine Haltung des „Ja, dieses Wesen ist auch nervig, aber es ist halt auch da, es gehört auch zu uns“. Dann kann sich alles Freundliche, Positive, Zugewandte immer noch entwickeln, aber mit weniger Erwartungsdruck. Und: Wenn man beim Kind den Eindruck erweckt, dass es eine allzu große Macht und Zentralstellung in der Welt hat, kann das grundsätzlich auch nach hinten losgehen. Denn es wird sich dann auch an weniger erfreulichen Punkten für verantwortlich halten, für den Stern, um den alles kreist, – wozu Kinder sowieso neigen, etwa Trennungskinder dazu, sich für die Trennung der Eltern für verantwortlich zu halten –, und das muss man nicht durch unrealistische Darstellung von Beziehungsverhältnissen noch verstärken.

Generell ist eine Elternhaltung umso besser, je authentischer und je weniger auf Effekt berechnet sie ist. Wenn die Eltern zutiefst empfinden, dass ein Geschwisterchen eine Bereicherung für ein Kinderleben ist, wird sich das ohnehin auf die Kinder übertragen. Ansonsten macht eine gedämpft-positive, vorsichtig-abwartende oder Raum gebende Haltung genauso viel Sinn wie eine euphorische Verkaufshaltung.

Prägungen aus Geschwisterkonstellationen halten oft ein Leben lang, und zwar nicht nur den Geschwistern selbst gegenüber, sondern auch anderen Menschen gegenüber. Das zeigt sich speziell im Kontakt zu „peers“, also Gleichgestellten: Während Autoritätspersonen (Vorgesetzte, Lehrer usw.) gern in Analogie zu den Eltern erlebt werden, werden Kommilitonen, Kollegen, Co-Gruppenteilnehmer in Analogie zu Geschwistern erlebt. Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer berichtet, dass er einmal eine Diskussion in einer Selbsterfahrungsgruppe erlebt hat, wo es darum ging, ob die Gruppe neue Teilnehmer aufnehmen sollte oder nicht, und die einen entschieden die Position vertraten „Nein, das stört das gewachsene Miteinander“, und die anderen ebenso entschieden die Position „Ja, das bringt frischen Wind und neue Dynamik“. Es stellte sich heraus, dass die Mitglieder der Nein-Fraktion allesamt Erstgeborene und ältere Geschwister waren, die als Kind die Erfahrung des Verdrängt- und Gestörtwerdens durch Neuankömmlinge gemacht hatten, während die Mitglieder der Ja-Fraktion jüngere oder mittlere Geschwister waren, die den Prozess des Dazukommens-und-Hineinwachsens selbst einmal aus der Perspektive des Eindringlings erlebt hatten.

Das heißt nicht, dass es für diese Erstgeborenen unter dem Strich ein Schaden war, Geschwister zu haben, sondern nur, dass diese Gruppendiskussion in ihnen die Erinnerung an den Moment der (Ver)Störung des Familiensystems durch das Hinzukommen neuer Mitglieder wachgerufen hat, dass diese Erfahrung in ihnen noch aktiv war. Unter dem Strich ist Schmidbauers Fazit bei allen Turbulenzen ein positives: „Geschwister sind schrecklich. Aber keine zu haben, ist schlimmer.“

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2 Kommentare zu „Durch dick und dünn, wie Hund und Katz – Wie Geschwister miteinander auskommen

  1. Schön, hier nach einer langen Funkstille wieder einen so hochinteressanten Beitrag zu lesen, Barbara! Und dann gleich zu einem Thema, das unsere Familiensituation trifft. Hund und Katz, zwei Mädchen in unterschiedlichen Phasen der Pubertät. Es ist tröstlich, andere Aspekte und Sichtweisen auf die Konflikte zu eröffnen, denn im Alltag sind wir als Eltern (mein Mann Einzelkind, ich extreme Nachzüglerin, also auch wie ein Einzelkind aufgewachsen) am Rand unserer Kräfte und können mit dem heftigen und dauernden Gestreite nur schwer umgehen. Das abschließende Zitat möchte ich den beiden ausdrucken.
    Danke für die Anregungen und herzliche Grüße aus Italien!

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  2. Das freut mich , und ich wünsche euch gutes Überstehen der turbulenten Phasen!
    Es gibt wirklich nur ganz ganz wenige Fälle, wo Geschwister unter dem Strich und auf die Dauer ein Schaden füreinander waren, und das sind die Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Ihr habt also gute Chancen.

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