Perspektivwechsel

Weltkarte im Atlas der Fische

Alles ist eine Frage der Perspektive, und wer bereit ist, ab und zu mal radikal die Perspektive zu wechseln, kann so manche überraschende Einsicht erleben. Systemiker empfehlen die Übung des Perspektivwechsels, um die eigene Sichtweise auf Dinge, Situationen, Problematiken aufzubrechen und die Vielfalt des möglichen Welterlebens an sich heranzulassen. Es soll einen systemischen Coach in München geben, der jedes Jahr an Weihnachten durch den Weihnachtsbaum-Verpackungs-Tunnel kriecht, um zu spüren, wie sich der Weihnachtsbaum beim Verpacktwerden fühlt. Das ist vielleicht übertrieben, aber andererseits – wer weiß, was er dabei für Erkenntnisse hat.

„Einfach mal“ die Perspektive zu wechseln, ist aber natürlich leichter gesagt als getan. Ich habe deshalb eine Sammlung von gelungenen, witzigen, überraschenden Akten des Perspektivwechsels angelegt und stelle sie hier als unsystematische Liste vor. Sie haben keinen anderen Punkt als den, dass es erhellend und unterhaltsam sein kann, die Dinge mal von einem anderen Angelpunkt aus zu betrachten. Ich wünsche gute Unterhaltung. Denn nur das erste Beispiel ist so deprimierend angelegt wie dies:

Für bessere Stimmung habe ich einen Youtube-Tipp: ein wunderbares Video namens „Africa for Norway“. Es liefert eine Satire auf die üblichen Spendenaufrufe, mit denen Hilfsorganisationen Menschen in reichen Teilen der Welt dazu bewegen wollen, für Menschen in ärmeren Teilen der Welt zu spenden. Das Video nimmt den typischen Plot solcher Aufrufe auf die Schippe – leere Teller, notleidende Menschen, große Kinderaugen –, der in recht spätkolonialer Weise Afrikaner als schwach und hilfsbedürftig, Europäer als gut und mächtig zeichnet, und dreht ihn in kreativer und humorvoller Weise um. Es zeigt die Mühen von empathischen und energiegeladenen Afrikanern, die frierenden norwegischen Kindern Heizstrahler schicken, um ihnen ein bisschen von ihrer Wärme abzugeben. Das Ganze ist wunderbar humorvoll und jammer-frei gemacht und zeigt: Man muss die Dinge nur radikal genug umdrehen, dann entwickeln sie Witz und Provokationskraft.

Andere Frage, an die velo-mobilen Eltern der heutigen Zeit. Wer von uns hat sich mal gefragt, wie die Welt aus einem Fahrradanhänger heraus aussieht? Ich nicht, aber ich habe eines Tages die Antwort in der Fotogalerie meines Handys gefunden.

Das passt zu dem Ratschlag von Salvador Minuchin, einem der Pioniere der Familientherapie, der gesagt hat, man müsse Familien mit den Augen eines Kindes zu betrachten. Etwa: Wie sieht die Wohnung aus einem Meter Höhe aus? (Ganz anderes Raumgefühl!) Oder auch: Wie fühlt es sich an, wenn jemand zu einem sagt: „Entschuldige dich bei deiner Schwester!“ oder „Zeig der Oma, wie gut du Klavierspielen kannst!“? Familientherapeuten haben dazu interessante Spiele ersonnen, zum Beispiel das Spiel „Sklavenmarkt“, bei dem Kinder und Eltern abwechselnd „Herr“ und „Sklave“ sind und der „Sklave“ jeweils für fünf Minuten alles tun muss, was dem „Herrn“ so an Befehlen einfällt. Angeblich lernt man daraus einiges über die Kindperspektive auf die Familie.

Es ist auch eine interessante Frage, was Kinder sich so unter den Berufen ihrer Eltern vorstellen. Wenn man Kinder im Kindergarten- oder Grundschulalter bittet zu beschreiben, welcher Arbeit ihre Eltern so nachgehen, soll es öfter unterhaltsame Überraschungen und erfrischende Missverständnisse geben. Die Überraschung kann manchmal auch umgekehrt funktionieren, als elterliche „Aufklärung“ der Kinder über den ausgeübten Beruf. Mein Sohn ist mal aus allen Wolken gefallen, als ich ihm gesagt habe, dass es sich um Forschung handelt bei dem, was ich da mache. „Forschung“ war für ihn etwas, wo Leute im Amazonasurwald Giftfrösche fangen oder mit Tauchkapseln an die tiefste Stelle des Meeres tauchen oder jedenfalls aufregende und gefährliche Dinge tun. Zu mir, gesegnet mit einer Mitarbeiter- oder Forschungsstelle an einer deutschen Universität, fiel ihm dagegen nur ein: „Aber du sitzt doch immer nur den ganzen Tag am Computer!“

Auch im Arbeitsleben schadet ein gelegentlicher Perspektivwechsel nicht. Hierzu wieder ein Filmtipp: „Work hard – Play hard“ von Carmen Losmann. Dieser Dokumentarfilm führt wunderbar vor, wie sich die Neuerungen und New-Work-Phantasien von Managern und Organisationsberatern aus der Sicht von Mitarbeitern anfühlen, und liefert dazu die unübertreffliche Entzauberung.

Abschließend noch ein interessanter Befund aus der Kognitionspsychologie oder der vergleichenden Kulturforschung. Es gibt ein Experiment zur Raumorientierung, bei dem eine Versuchsperson an einen Tisch geführt wird, auf dem ein Pfeil abgebildet ist, der in eine Richtung weist – nach links oder rechts, Norden oder Süden. Dann wird die Versuchsperson um 180° herumgedreht und steht vor einem zweiten Tisch, auf dem wiederum ein Pfeil abgebildet ist. Die Frage lautet: Zeigt der zweite Pfeil in dieselbe Richtung wie der erste oder in eine andere Richtung?

Wenn die Pfeile so angeordnet sind wie in dem Bild, dann sagen Menschen aus dem westlichen Kulturkreis: „Der zweite Pfeil zeigt in die andere Richtung“. Sie sind mit einem subjektiv ausgerichteten Richtungssinn aufgewachsen, und von der subjektiven Perspektive der Versuchsperson aus zeigt der erste Pfeil nach rechts, der zweite nach links. Menschen aus manchen anderen Kulturen, etwa manchen indigenen Kulturen, sagen dagegen: „Der zweite Pfeil zeigt in dieselbe Richtung“. Sie haben gelernt, sich in einem objektiven, äußeren Raum von Richtungen zu orientieren, und so gesehen zeigt der zweite Pfeil in dieselbe Richtung wie der erste, nämlich nach Norden.

Es ist also so, dass die einfache Frage, ob die beiden Pfeile in dieselbe Richtung zeigen, nicht eindeutig beantwortet werden kann, sondern dass die Antwort von der gewählten Perspektive oder vom gelernten Richtungssinn abhängt. Entsprechend heißt es auch, dass Menschen aus Kulturen des zweiten Typs, wenn sie ein größeres Gebäude betreten und darin durch Benutzung von Treppen, Aufzügen, Fluren usw. mehrfach die Richtung wechseln, beim Ankommen in einem Raum sich erst mal über die objektiven Raumrichtungen orientieren wollen. Sie schauen aus dem Fenster, um festzustellen: Wo ist der Fluss? Wo ist die Sonne? Wo ist Süden? Wenn sie das nicht wissen, fühlen sie sich unorientiert. Das ist ein Bedürfnis, die uns westlichen Menschen vermutlich eher fernliegt. Wir wollen dagegen eher wissen: Wo sitzt der Referent? Wo ist vorne, wo ist hinten? und ähnliche Dinge zur subjektiven Positionierung im Raum.

Damit ist meine Liste mit Highlights zum Perspektivwechsel erschöpft. Zum Abschluss noch ein Gedanke zum Henne-Ei-Problem, das die Sache in einem Satz auf den Punkt bringt: „The hen is an egg’s way of making another egg.“ (Bateson, Mind and Nature, S. 218)

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3 Kommentare zu „Perspektivwechsel

      1. Die Perspektive dort unten drin sitzend würde mich verunsichern, weil die anderen Verkehrsteilnehmer alle weiter oben agieren und steuern, ich bin auf Höhe ihrer Räder hilflos ausgeliefert.

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