Lernen für Fortgeschrittene

Was sind die tiefsten Muster, in denen wir die Welt und uns selbst erleben? Dazu heute nochmal ein Highlight von Gregory Bateson, den ich letzte Woche schon gefeiert habe, aber den zu feiern sich immer lohnt.

Bateson interessierte sich dafür, wie Lernen funktioniert, und in seiner Zeit war eine Lerntheorie ganz groß: der Behaviorismus. Der Behaviorismus gilt vielen als primitive, gewissermaßen menschenunwürdige Theorie, die tierisches wie menschliches Verhalten auf schlichte Ursache-Wirkung-Zusammenhänge oder Reiz-Reaktion-Zusammenhänge reduziert und damit ihre Objekte trivialisiert. Das mag so sein oder auch nicht, aber das, was Bateson daraus macht, ist auf jeden Fall intelligent und nicht-trivial.

Bateson interessierte sich außerdem für Ebenenunterscheidungen und das Zusammenwirken verschiedener logischer Ebenen (s. Beitrag von letzter Woche). Deshalb war seine Frage an den Behaviorismus: ob und wie Menschen und Tiere auf verschiedenen logischen Ebenen lernen können. Um das zu verstehen, müssen wir erst kurz ein paar behavioristische Experimente in Reinform betrachten.

In berühmtesten aller behavioristischen Experimente, dem von Pawlow, werden Hunde dazu gebracht zu lernen, dass das Erklingen einer bestimmten Glocke das Ankommen von Futter signalisiert. Wenn sie das begriffen haben, zeigen sie ein bestimmtes Verhalten – Annäherung an die Futterstelle, Absonderung von Speichel – auch schon, bevor das Futter da ist und wenn nur die Glocke erklingt.

In anderen Experimenten werden Tiere, etwa Ratten, dazu gebracht zu lernen, wo und wie sie sich Belohnungen abholen können. Wenn sie mit der Schnauze auf einen bestimmten Knopf drücken oder mit den Füßen auf eine bestimmte Stelle treten, öffnet sich eine Klappe, die Futter freigibt. Wenn die Ratte das durch zufälliges Herumschnuppern und Erforschen ihres Käfigs entdeckt hat, wird sie das entsprechende Verhalten immer wieder zeigen. Umgekehrt können Ratten auch lernen, bestimmte Stellen ihres Käfigs als „gefährlich“ zu meiden, wenn sie nämlich Stromstöße oder andere unangenehme Erfahrungen bereithalten.

Delfinen kann man durch geschicktes Verteilen von Belohnungen eine große Vielzahl von Verhaltensweisen beibringen: hochspringen, mit der Schwanzflosse schlagen, Drehungen vollführen, usw. Da man ihnen nicht direkt sagen kann, was man von ihnen will, macht man das so, dass man, wenn sie ein derartiges Verhalten spontan von sich aus zeigen, dieses Verhalten mit einem Pfiff markiert und dann einen Fisch zur Belohnung spendiert. Der Delfin lernt schnell, womit er sich Fische verdienen kann.

Hunde können beispielsweise auch lernen, verschiedene geometrische Formen – wie Dreieck, Viereck, Fünfeck, oder Kreis, Ellipse – zu unterscheiden, wenn man Futter in Näpfen versteckt, die mit einem bestimmten Symbol gekennzeichnet sind. Die Hunde lernen, dass es auf die aufgemalten Symbole ankommt, und können feine Unterschiede zwischen verschiedenen Formen sehen lernen.  

So weit, so gut. Bateson hat aber nun herausgearbeitet, dass die Tiere nicht nur auf dieser einfachen Ebene lernen – Knopfdrücken, Springen, Formensehen –, sondern dass sie auch auf höheren Ebenen lernen, die von den Tierforschern gar nicht unbedingt erkannt werden. Sie lernen nämlich dabei auch zu lernen, oder sie lernen, wie der Lernkontext funktioniert, in dem sie sich bewegen: wie viel oder wenig sie selbst zur Erhöhung ihrer Belohnungen beitragen können, oder wie simpel oder raffiniert die Wünsche ihrer Trainer sind.

Die Pawlow‘schen Hunde beispielsweise lebten in einem Kontext, in dem ihr eigenes Verhalten keinen Unterschied für die Frage machte, wieviel Belohnung (Futter) sie erhielten. Sie gewöhnten sich nur an bestimmte Abfolgen von äußeren Geschehnissen – erst Glocke, dann Futter – , die sie selbst nicht beeinflussen konnten. Dagegen lernten die Hunde mit den mit Symbolen markierten Futternäpfen, dass sie selbst etwas tun mussten und konnten, um ihre Belohnungsmenge zu steigern: Sie mussten genau hinschauen und sich Formen einprägen. Ihr Lernkontext war gewissermaßen „aktivistischer“ strukturiert, er belohnte eigene Anstrengung und Lernwilligkeit. Entsprechend reagierten die Hunde sehr verstört, wenn ihr Lernkontext diese Eigenschaft plötzlich ablegte – wenn nämlich (Oh Fiesheit menschlicher Forscher!) die Formen „Kreis“ und „Ellipse“ so weit aneinander angenähert wurden, also der Kreis immer elliptischer und die Ellipse immer kreisförmiger gemacht wurde, dass sie nicht mehr zu unterscheiden waren.

Die Delfine wiederum waren in der Lage zu lernen, dass sie immer wieder etwas Neues lernen und dafür alte Lerninhalte vergessen sollten. Bateson beobachtete einen Delfintrainer, der seinem Publikum etwas Anspruchsvolles vorführen wollte, nämlich wie er es machte, dem Delfin einen neuen Trick beizubringen. Das tat er eben durch Pfeifen und Fisch-Ausgeben bei irgendeiner markanten Körperbewegung des Delfins; nach 1-3 Malen wusste der Delfin, um welchen Move es ging, und zeigte diesen dann bereitwillig. Nun wollte der Trainer ihm aber bei der nächsten Vorführung für das nächste Publikum wieder einen neuen Move beibringen, was den Delfin zunächst irritierte und erboste, da er mit einer Belohnung für den Move aus der letzten Runde rechnete. Nach einigen Runden hatte der Delfin jedoch begriffen, was der Trainer von ihm wollte – er wollte, dass er immer wieder etwas Neues lernte –, und er bot daraufhin eine ganze Reihe von neuartigen, ungewöhnlichen Körperbewegungen an.

Das ist Lernen zweiter Ordnung, sagt Bateson, Lernen auf höheren Ebenen. Hier geht es nicht mehr um die konkreten Inhalte des Lernens, sondern um die Art und Weise, wie man etwas lernt oder wie der Kontext des Lernens organisiert ist. Die Lerneffekte auf dieser Ebene hat den Tieren niemand gezielt beigebracht, vielmehr hatten sie das ihrer Umwelt ganz selbsttätig und oft von den Forschern unerwartet abgeguckt.

Was hat das nun mit uns zu tun? Bateson meint, dass auch und gerade Menschen auf mehreren Ebenen zugleich lernen, und dass die höheren Ebenen in gewisser Weise die wichtigen oder jedenfalls prägenderen, „tieferen“ und schwerer zu ändernden sind. Es gibt z.B. Menschen, die gelernt haben, sich den Bedingungen ihres Kontextes abzufinden und anzufreunden, weil sie ohnehin unänderbar sind, und es gibt andere Menschen, die gelernt haben, auf die Bedingungen Einfluss zu nehmen oder sich Nischen zu suchen, in denen die Bedingungen für sie besser – belohnungsreicher – sind.

So leben manche Menschen ein eher routineförmiger und routinefähiges Leben: Sie nehmen die Dinge, wie sie sind, und die Feste, wie sie fallen, und es liegt ihnen fern, sich aus eigenem Antrieb immerzu neue Dinge, Vergnügungen, Betätigungen zu suchen. Es treibt sie etwa wenig dazu, an einem sonnigen Sonntag die Sachen zu packen und an einen See oder auf einen Berg oder in ein Open Air Konzert zu fahren. Erst recht kämen sie nie auf die Idee, sich immerzu neue Ziele, neue Routen, neue Kontakte in der Welt zu suchen. Wenn sie einmal gelernt haben, dass es am x-See schön ist (= dass es dort Belohnungen gibt), sind sie vielleicht bereit, wieder dorthin zu fahren, aber sie haben keinen Antrieb, deshalb auch den y-See und den z-See zu erkunden und auf die dort wartenden Belohnungen zu überprüfen.

Und es gibt umgekehrt Menschen, die unentwegt Neues erkunden und probieren und die Welt gewissermaßen als einen Pool von Chancen sehen, Belohnungen abzugreifen. Jede lohnende Erfahrung ist ihnen eine Aufforderung, weitere, neue, möglicherweise lohnende Erfahrungen zu entdecken.

Bateson würde sagen: Ein Mensch des ersteren Typs ist vermutlich in einem Kontext aufgewachsen, in dem es nicht möglich war, die Menge der eigenen Belohnungen durch eigenes Verhalten zu steigern, speziell durch eigenes Erkundungs- und Lernverhalten. (Also technisch gesagt: in einem eher Pawlow’schen Kontext.) Er hat also nicht etwa einen angeborenen oder sonstwie aus den Tiefen seiner Psyche gespeisten Charakterzug namens „fatalistisch“ – vielmehr hat er mit einem bestimmtem Lern- und Belohnungsumfeld zu rechnen gelernt und sich darauf eingestellt. Umgekehrt ist ein Mensch des zweiten Typs vermutlich in einem Kontext aufgewachsen, in dem auf eigenes Verhalten Belohnungsausschüttung folgen konnte. (Also eher in einem Kontext instrumenteller oder operanter Konditionierung, mit den technischen Begriffen.) Er hat gelernt, dass die Belohnungsdichte seines Lebens von seiner eigenen Initiative abhängt. Die Welt ist ihm ein Reservoir von Klappen, hinter denen Belohnungen warten könnten.

Übrigens muss nicht unbedingt das erste Muster das schlechtere und das zweite Muster das bessere sein, wie man es als westlicher Mensch im 21. Jahrhundert vermutlich liest. Wir lesen das so, weil unsere Kultur das Muster des aktiven, um nicht zu sagen: aktionistischen Individuums präferiert, das permanent auf Achse ist, seines Glückes Schmied ist und ein Startup nach dem anderen gründet. Es gibt aber auch Kulturen, in denen das andersherum ist, in denen vom Einzelnen eher die Einfügung in einen von alters her weise geordneten Kontext erwartet wird und eher Anpassungsbereitschaft als individuelles Glücksstreben prämiiert wird.  Es ist denn auch gar nicht unbedingt gesagt, dass man mit dem aktionistischen Muster unter dem Strich glücklicher wird, selbst wenn man damit an einem durchschnittlichen Sonntag mehr Befriedigung einholt. Die Fähigkeit, Dinge so hinzunehmen, wie sie eben sind, kann durchaus zum Glückslevel im Leben beitragen, während das Streben nach immer mehr Betätigung und Belohnung auch ins Hamsterrad und in den Burnout führen kann. „Fatalismus“ und „Aktionismus“ sind in diesem Sinn nicht wertmäßig unterschiedene Kategorien, sondern nur Beschreibungen von Lernmustern zweiter Ordnung: was Menschen lernen können, dass oder wie der Kontext ihres eigenen Lernes, Erkundens, Weltaneignens geordnet ist.

Und wenn man solche Muster für die Welt im Allgemeinen lernen kann, dann kann man sie auch für die Interaktion mit konkreten Anderen lernen. Hier geht es dann um die Interpunktion von Handlungsfolgen, technisch gesagt, also um die Frage, was in einer Kette von miteinander verknüpften Handlungen Stimulus/Reiz und was Reaktion ist, was Initiative und was Antwort. Gehe ich eher in die Position desjenigen, der Impulse setzt, Vorschläge macht, Angebote macht und dann die Reaktion des Anderen erlebt? (etwa als zufriedenstellend oder nicht-zufriedenstellend, passend oder nicht-passend.) Oder gehe ich eher in die Position desjenigen, der vor Angebote oder Situationen gestellt wird und sich dann dazu verhalten muss? (etwa mitgehend oder nicht-mitgehend, zustimmend oder nicht-zustimmend.)

Verschiedene Menschen neigen hier zu verschiedenen Positionierungen, oder auch dazu, das in komplexen, vielschichtigen, interpretierbaren Handlungsketten so oder so zu erleben, das eine oder das andere Moment hervorzuheben: die eigene Aktivität und Initiative, oder die eigene Reaktivität und Abhängigkeit. Manchmal ist das nämlich durchaus auch eine Sache der Interpretation. Man denke an die Ratte im Cartoon, die über den behavioristischen Laborwissenschaftler außerhalb ihres Käfigs sagt: „Den hab ich mir gut dressiert! Immer, wenn ich auf den Knopf drücke, gibt er mir was zu fressen.“

Und auch hier würde Bateson sagen, dass, wenn Menschen hier bestimmte Positionen bevorzugen, das nicht an einem angeborenen Charakterzug wie „dominant“ oder „passiv“, „führend“ oder „folgend“ liegt, sondern an der Natur des Lernkontextes, in dem sie leben gelernt haben. In einem Kontext mit Pawlow-Struktur macht es Sinn, sich als reagierend zu begreifen. In einem Kontext, der eigene Vorstöße des Insassen belohnt, macht es Sinn, sich als initiativ zu begreifen.

Schließlich kann es solche Muster auch für spezifischere Situationen und Rollen geben. Statt um „Ich und den Anderen“ allgemein kann es etwa auch um die spezifische Konstellation „Eltern und Kind“ gehen. Es gibt Eltern, die im Umgang mit dem Kind grundsätzlich eine anpassungsbereite und mitschwingende Haltung haben, nach dem Motto „Schaun wir mal, wie das Kind drauf ist, ich geh dann mit“. Das heißt: Wenn das Kind Action will, wird Action gemacht, wenn das Kind passiv sein will, wird vorgelesen, etc. (Und man beachte die hübsche reflexive Schleife, dass das „Passivseinwollen“ hier in der Position des Initiativegebenden, Taktangebenden vorkommt.) Und es gibt Eltern, die ihre Aufgabe in der Mutter-Kind- oder Vater-Kind-Dyade grundsätzlich darin sehen, anzuregen, zu stimulieren, Stimmung zu machen, dem Kind etwas zu bieten und anzubieten. Selbst wenn das Kind schon munter und aufgedreht ist, würden sie noch einen drauflegen, da die Konstellation, dass das Kind anregt und der Elter mitgeht, in ihrem Weltmuster schlicht nicht vorgesehen ist.

Das alles sind Fragen, die sich auf der Ebene von Lernen des Lernens oder Lernen zweiter Ordnung abspielen. Man sieht, wie weit das geht und wie tief in unsere psychischen Dispositionen man kommt, wenn man so fragt.

Bateson wäre aber nicht Bateson, wenn er sich mit zwei Ebenen begnügen würde. Er fragt dann, ob es möglich ist, auch auf dritten oder noch höheren Ebenen zu lernen. Das würde heißen: umzulernen, welche Art von Lernkontext man erwartet, oder etwas daran zu ändern, in welcher Art von Lernkontext oder Verhaltenskontext man sich vorzugsweise bewegt. Bateson hält das für möglich, aber schwierig und anspruchsvoll. Im Kontext von Therapie kann dergleichen vorkommen, aber im normalen Leben normalerweise nicht. Muster dieser Tiefenstufe werden nicht mehr spontan umgelernt, sie müssen gezielt aufgelockert und behutsam variiert werden, damit Alternativen sichtbar werden.

Was lernen wir daraus? Mindestens dies: Bei Bateson sind noch die trivialsten Theorien nicht-trivial, und bei Bateson findet man immer ein Feuerwerk an intelligenten und anregenden Gedanken.

 Mein Problem ist: Ich bin mit Bateson durch. Was kann ich als nächstes lesen? Wer hat Lesetipps für kluge, anregende Bücher aus dem sozial- und geisteswissenschaftlichen Universum? Lesetipps gerne an mich!

Der Blog kann auf der Startseite unten abonniert werden. Abonnenten werden per Mail benachrichtigt, wenn ein neuer Beitrag erscheint.

Ein Kommentar zu “Lernen für Fortgeschrittene

Schreibe eine Antwort zu Ankordanz Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: