Geben und Nehmen

Geben und Nehmen gehört zu den schwierigsten Dingen im Leben. (Wie übrigens auch Reden und Hören.) Es klingt ganz leicht und selbstverständlich, und es bietet doch Stoff für große Verwicklungen und Verwirrungen. Menschen haben sehr unterschiedliche Begabungsschwerpunkte beim Geben und Nehmen.

Manche Menschen sind gut im Geben. Sie sind großzügig, lassen andere teilhaben an den Gaben und Segnungen, die sie haben, materiellen und immateriellen, sie sind eine sprudelnde Quelle für Versorgung, Speis und Trank, Gastfreundlichkeit, Warmherzigkeit, Hilfsbereitschaft, oder auch für Ideen, Witz, kreative Einfühlung in die Situation anderer.

Das ist eine enorme Fähigkeit, man könnte auch sagen: eine enorme Gabe. (Von wem gegeben?) Es sorgt für Wärme und Anschlussfähigkeit im zwischenmenschlichen Leben, und es kann auch denjenigen selbst erfüllen, der gibt. Das Paradox, dass man durch Geben erfüllt werden kann, steht schon in der Bibel. (Oder vielleicht auch nicht; ich weiß es nicht; aber es könnte jedenfalls da stehen.) So sagt jemand, der im sozialpädagogischen Bereich arbeitet: „Lebenssinn ist für mich: was für Andere tun.“ Hier zeigt sich wunderbar die Natur des Menschen als sozialen Tiers. Wunderbar ist es jedenfalls so lange, wie es nicht so weit geht, dass man immer anderen gibt und sich selbst dabei vergisst—solange die Gabe des Gebens ausbalanciert ist mit der Fähigkeit, sich manchmal auch etwas zu nehmen oder sich selbst etwas zu geben.

Manche Menschen sind gut im Nehmen. Nehmen ist nicht per se etwas Egoistisches oder Ausbeuterisches, es kann auch ein Annehmen sein. Manche Menschen können gut Impulse aufnehmen, können sich gut andocken an Kontexte, können sich auf vieles einlassen, sich mit vielem abfinden, mit vielem einverstanden sein. So sagt ein Mann zu seiner Frau, die sich immer wieder auch an widrigere Umstände anpassen kann: „Du wärst auch noch im KZ ein glücklicher Mensch.“ Diese Fähigkeit zu nehmen kann eine große Ressource für Glück im Leben sein – Glücklichsein hat viel damit zu tun, sich an dem erfreuen zu können, was das Leben einem zuteilt, statt sich Dinge zu wünschen, die man sonst noch haben könnte. Das jedenfalls solange, wie es nicht zu dem Gefühl führt, dass man zu wenig Gravitationszentrum des eigenen Lebens ist, zu ausgeliefert ist den Zufällen dessen, was da kommt.

Manchmal können Menschen nicht nicht geben. Im Geben liegt auch ein Stück Sicherheit, eine eigene Rolle. Wer anderen gibt, der hat; wer andere berät, der weiß; wer andere unterstützt, der ist selbst jedenfalls nicht schwach und unterstützungsbedürftig. Es kann deshalb einen Sog geben, die Rolle des Gebenden einzunehmen auch dann, wenn der Situation nach auch andere Rollenschematisierungen möglich wären, und es kann die Gefahr geben, dass das Gegenüber sich komplementärerweise in die Position desjenigen gebracht sieht, der schwach, bedürftig, unwissend ist. Manchmal gibt man paradoxerweise dem Anderen dadurch am meisten, dass man ihm gerade keinen Rat und keine Hilfe zu geben weiß, weil ihn das nötigt – oder ihm jedenfalls die Chance gibt –, selbst Wissen, Weisheit, Stärke zu entwickeln.

Manchmal können Menschen nicht nicht nehmen. Im Nehmen liegt ist eine Behebung des Mangels. Wer an Mangelwirtschaft gewöhnt ist – und ich meine hier vor allem zwischenmenschliche Mangelwirtschaft –, der kann geneigt sein, alles zu nehmen, was ihm jemand anbietet, und hat vielleicht nicht das Gefühl, wählen zu können, eine eigene Wahl zu haben in der Frage, was er nimmt und was nicht. Es gibt Menschen, die mit 50 Jahren und in ihrer dritten Partnerschaft sagen: „Ich habe mir meine Männer/Frauen nie ausgesucht, ich habe die genommen, die gekommen sind und signalisiert haben, dass sie mich wollen.“ Und auch innerhalb einer bestehenden Beziehung kann es sein, dass jemand grundsätzlich alles nimmt, was der Partner / die Partnerin ihm rüberreicht an Bemerkungen, Situationsdefinitionen, Positionsanmutungen, dass er auf alles anspringt, was der/die PartnerIn sagt oder tut. Aber manchmal ist es das Einfachste, etwas einfach nicht zu nehmen, es einfach liegenzulassen und was anderes zu machen.

Das war jetzt nur ein kleiner Ausschnitt aus der Vielfalt der Möglichkeiten, die sich ergeben, (geben!), wenn wir annehmen, (nehmen!), dass Menschen sich in ihren Gebe- und Nehmfähigkeiten unterscheiden. Die Sache ist komplex, weil sie uns sofort in die ganze Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen wirft, in der jeder Mensch seine eigene Balance und seine eigene Mischung finden muss.  

Wie stehen Geben und Nehmen zueinander? Man könnte denken: Geben ist primärer als Nehmen. Rein sprachlich ist die Reihung „Geben und Nehmen“ stimmiger als die Reihung „Nehmen und Geben“. Auch wenn man sich die Sache bildlich vorstellt, hat man den Eindruck, dass zuerst jemand etwas geben muss, bevor jemand etwas nehmen kann. Aber biographisch ist es andersrum. Wenn wir geboren werden, können wir zunächst erst mal ganz lange nur nehmen und nichts geben. Oder wenn wir in dieser Phase etwas geben – nämlich unseren Eltern, die sich an ihrem Kind erfreuen –, dann dadurch, dass wir ganz wir selbst sind, uns ganz hingeben: uns, unseren Bedürfnissen, dem zwischenmenschlichen Kontakt. Hier gilt der Satz von Niklas Luhmann: „Soweit es [in der Liebe] überhaupt um ‚Geben‘ geht, besagt Liebe: dem Anderen zu ermöglichen, etwas zu geben dadurch, daß er so ist, wie er ist.“ Das wäre dann auch das Ideal für das spätere Leben.

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