Kinder, Eltern, Großeltern – Über das Miteinander von drei Generationen

Was ist die Rolle der Großeltern in der Familie? Heute? Früher herrschte ja angeblich ein enges und inniges Zusammenleben der Generationen, wie manchmal nostalgisch-sehnsüchtig gesagt wird, „Früher war die Familie Großfamilie, da lebten drei Generationen unter einem Dach“. Das ist aber vielleicht eher ein Mythos und eine rückblickende Idealisierung. Erstens gab es, angesichts einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 40-50 Jahren, in vielen Fällen vielleicht auch keine Großeltern in der Familie. Zweitens gab es, wenn welche da waren, auch heftigste Konflikt- und Problemquellen, etwa wenn auf Bauernhöfen die nachkommende Generation nur dann den Hof übernehmen und voll im Erwachsenenleben ankommen konnte, wenn die Alten sich aufs Altenteil zurückzogen, was sicher nicht in allen Fällen im Guten und zur allseitigen Zufriedenheit ausgegangen ist.

Heute herrscht, was die Rolle der Großeltern angeht, ein gemischtes Bild. Einerseits ist es für alle in der Familie oft ein Riesengewinn, wenn Großeltern da sind, die Emotionales wie Praktisches zum Familienleben beisteuern, Andockpunkte für Kommunikation und Abdeckung von Betreuungslücken. Es gibt Familien, wo die Großeltern zwei Häuser weit weg wohnen und unverzichtbare Babysitter, Nachmittagsbetreuer, Vorleser, Zuhörer und Anregungsgeber sind. Das ist oft für alle Seiten toll, während es umgekehrt oft tragisch und bitter ist, wenn Großeltern und Enkel in verschiedenen Ländern oder gar Kontinenten wohnen und sich nur über Zoom sehen – eine häufige Nebenfolge von Migration, neben allen anderen problematischen Folgen.

Andererseits bietet ein solches Zusammenspiel der Generationen auch viel Raum für Verwicklungen. Es braucht dafür eine feine Mischung aus Nähe und Distanz, die nicht immer leicht zu finden ist. Die Rolle der Großeltern ist psychosozial gesehen eine zurückgestufte, nachrangige Rolle, denn das Herz der modernen Familie ist die Kernfamilienkonstellation, Vater-Mutter-Kind(er). Letzteres gerne mit vielen neumodisch-bunten Abwandlungen, wie Mutter-Mutter-Kind, Vater-Vater-Kind, Ein-Eltern-Familien, Patchwork-Familien usw., aber in aller Regel nicht in der Form von Oma-Opa-Vater-Mutter-Kind.

Das ist für Großeltern manchmal nicht leicht zu akzeptieren: dass sie, wenn sie doch im Alltag so gebraucht werden, sich sozial-emotional so wenig einmischen dürfen. Sie dürfen zum Beispiel nicht die „besseren Eltern“ sein wollen – gerne mal die großzügigeren Eltern in dem Sinn, dass sie den Kindern ein Eis kaufen, wo die Eltern auf einem Vollkornsnack bestehen würden, aber nicht die emotional Tonangebenden, die wissen, was richtig und wichtig für Kinder ist, denn das ist nun mal leider Sache der Eltern. Großeltern dürfen auch nicht, egal wie sehr sie für praktische Dienstleistungen beansprucht werden, den Schrank im Kinderzimmer umräumen oder den Garderobenschrank umbauen, außer sie werden dazu ausdrücklich beauftragt, denn es handelt sich leider um die Wohnung anderer Menschen, wo sie wirken.  

Das ist eine durchaus anforderungsreiche, zumutungsreiche Mischung. Sogar professionelle Familienberater sind manchmal in Gefahr, hier übergriffig werden zu wollen. Ich habe unlängst gehört, wie bei einer Tagung von Familientherapeuten jemand die Frage gestellt hat: „Ich seh das jetzt bei meinen Kindern und Schwiegerkindern, dass da dieselben Probleme wieder anfangen, [wie die, die wir aus unserem Leben kennen,] gibt es nicht eine Möglichkeit, denen das zu ersparen?“ Die Antwort ist: Nein, jede Familie muss ihre Erfahrungen selber machen, die Weisheit der Großeltern kann nicht importiert werden, so sehr wir das auch möchten.

Es gibt eine interessante Asymmetrie im familiären Zugehörigkeitsgefühl oder in der subjektiven Definition von „Familie“. Fragt man Menschen im fortgeschrittenen Alter, wer zu ihrer Familie gehört, so nennen sie typisch ihre Kinder und vielleicht auch Enkel. Fragt man dagegen die Menschen eine Generation drunter, so nennen sie meist nicht ihre Eltern, sondern nur ihre Partner und Kinder. Das ist einerseits logisch – die Jüngeren haben zwei Richtungen, in die sie sich orientieren können, und die von ihnen selbst gegründete Familie ist dann die wichtigere, bedeutsamere, alltagsrelevantere und emotional relevantere. Die Älteren haben nur noch eine Richtung, und sie bleiben bei dieser Identifikation mit den eigenen Kindern bzw. Nachkommen, auch wenn sie älter werden und die Kinder älter werden und sich selbst in ihrer Identifikation von der Herkunftsfamilie ablösen. In gewisser Weise ist es auch gar keine Asymmetrie, denn es wird ja von Älteren wie von Jüngeren dasselbe Prinzip der Bestimmung von „Familie“ angewandt – nämlich: die Kinder, die Nachkommen –, nur dass das nicht zu übereinstimmenden Definitionen von Familiengrenzen führt.

Diese verschobene Familiendefinition kann im Alltag problematisch sein, weil sie eben von den Älteren verlangt, ein starkes inneres Zugehörigkeitsgefühl mit einem Respekt vor den Grenzen und der Selbstorganisation des Familiensystems zu verbinden. Die Kernfamilie aus Eltern und Kind(ern) ist ein eigenes System mit eigenen Grenzen, das sich für sich selbst organisiert und schließt. Die Großeltern sind nicht im engeren Sinn Teil dieses Familiensystems. Dass sie das nicht sind, dafür gibt es das folgende interessante Argument von dem Familiensoziologen Hartmann Tyrell.

Großeltern mögen sich zwar oft in der Familie aufhalten und viele praktische Aufgaben übernehmen, und sie mögen auch finanziell der Familie verbunden sein, indem sie entweder Geld zuschießen (wenn der größere Geldüberschuss in der älteren Generation vorhanden ist) oder auch geldmäßige Anerkennung für ihre Unterstützung erhalten (wenn das Geldgefälle andersrum verteilt ist). Aber sie sind dadurch noch keine Familienmitglieder, sondern eher Dauergäste, technisch gesagt: strukturell gekoppelte Umweltfaktoren, sie sind kein Teil des Familiensystems. Das erkennt man daran, dass, wenn sie anwesend sind, etwas anders ist im System: man sich zusammenreißt, man die Wohnung aufräumt, man sich mehr Mühe gibt mit dem Essen, man nicht im selben Sinn „unter sich“ ist, wie wenn nur die Mitglieder der Kernfamilie anwesend sind. Geldtransfers wiederum werden gern in Geschenken versteckt: Großeltern schenken den Kindern ein teures Fahrrad oder einen edlen Computer, aber sie zahlen nicht einfach so einen Beitrag zum Familienbudget. Oder umgekehrt: Gutverdienende Eltern geben den Großeltern eine Jahreskarte für den öffentlichen Nahverkehr aus („So kannst du jederzeit zum Babysitten kommen und hast keine Kosten“), aber sie übernehmen nicht einfach einen Teil ihrer Haushaltskosten. Es ist eine Systemgrenze, die da gekreuzt werden muss, und das erfordert feinfühlige Lösungen, die die Eigenständigkeit beider Seiten respektieren und Empfindlichkeiten nicht verletzen.

Die Alten sind unter Naturbedingungen dazu ausersehen, die Weisen zu sein. Das einfach deswegen, weil sie so lange überlebt haben und folglich wissen, wie das Leben geht. Das mag sich in Indianerstämmen oder anderen archaisch lebenden Gesellschaften auch so leben lassen, mag sich in soziale Strukturen, Achtung vor den Alten und Empfänglichkeit für ihre Weisheit übersetzen lassen. Mit der Struktur der heutigen Familie ist das aber, vielleicht tragischerweise, nicht mehr kompatibel. In der heutigen Gesellschaft passiert Wandel zu schnell, und Weisheiten verfallen zu schnell, und Familien sind zu sehr als emotional verdichtete Kernfamilien statt als lange Abstammungsketten organisiert, als dass man für die Weisheit der Alten eine ernsthafte Verwendung hätte. Das mag bitter sein, ist aber eine strukturelle Realität. Die Weisheit der Alten kann sich dann – auf verdrehte, paradoxe Weise – nur noch darin äußern, dass sie das akzeptieren und mit den immer wiederholten Dummheiten der Jungen leben können.

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