Perspektivwechsel

Es gibt ein interessantes Interview mit Noam Chomsky über den Ukrainekrieg. Chomsky macht das, was Systemiker immer empfehlen: einen radikalen Perspektivwechsel. Er betrachtet das Geschehen radikal aus der Perspektive Russlands, und er zieht hochinteressante Vergleiche zwischen dem Verhalten der USA in früheren Kriegen und dem Verhalten Russlands in diesem Krieg. Man muss nicht alle seine Schlussfolgerungen mitmachen, um das eine nützliche Übung zu finden.

Zum Beispiel: In der Kubakrise, als Russland Atomraketen 100 Meilen vor der Küste Floridas stationieren wollte, haben die USA auch nicht gesagt: Kuba ist ein souveräner Staat, hat volle Bündnisfreiheit, und der Warschauer Pakt entscheidet selbst, welche Mitglieder er aufnimmt. Sie haben gesagt: Das kann nicht akzeptiert werden, weil es eine zu unmittelbare Bedrohung ist.

Zum Beispiel: Putin lässt vor dem UN-Sicherheitsrat auf nicht-existente Massenvernichtungswaffen in der Ukraine hinweisen. Im Jahr 2003 hat der amerikanische Verteidigungsminister Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat auf nicht-existente Massenvernichtungswaffen im Irak hingewiesen, um den Einmarsch der USA in den Irak zu rechtfertigen.

Aus Sicht der soziologischen Weltgesellschaftstheorie würde ich dazu sagen: Putin hat schlicht gelernt, wie man es im 21. Jahrhundert angehen muss, vor den Augen der Weltöffentlichkeit einen Angriffskrieg anzuzetteln. Er hat gelernt, dass dieses Narrativ „zieht“, und benutzt es jetzt auch. Er beweist damit indirekt, wie stark die diskursive Macht des westlichen, menschenrechtsorientierten Denkens (Denkens! nicht Handelns) ist, indem er sich auf der Ebene des Diskurses diesem unterwirft. Das ist übrigens eine alte Erkenntnis der Globalisierungsforschung: Auch die Gegner der Globalisierung müssen, wenn sie gegen die Globalisierung angehen, zu großen Teilen auf diejenigen Werte und argumentativen Ressourcen zurückgreifen, die ihnen die globalisierte Gesellschaft zur Verfügung stellt, weil ihnen sonst niemand zuhören würde. (Boris Holzer / Barbara Kuchler, Globalisierungskritik und Weltkultur, in: Yvonne Bemerburg / Arne Niederbacher (Hg.), Die Globalisierung und ihre Kritik(er), Wiesbaden 2007. – Text bei Autorin erhältlich.)

Der russische UN-Botschafter erwähnte bei seinem Auftritt im Sicherheitsrat sogar den Powell-Vorfall, was den Auftritt zu einem doppelt lesbaren Ereignis macht. Erst stellt er fest, dass Powell vor dem Sicherheitsrat auf nicht-existente Massenvernichtungswaffen hingewiesen hat, um einen militärischen Angriff zu rechtfertigen, der viel Leid über die Welt gebracht habe. Dann stellt er fest, gewissermaßen im gleichen Atemzug, dass die Ukraine gefährliche Massenvernichtungswaffen habe. Da stellt sich doch die Frage: Soll man das glauben, oder soll man das als Hinweis auf die Logik nehmen, dass, wenn der Eine seine Kriege mit nicht-existenten Massenvernichtungswaffen rechtfertigen kann, der Andere das auch kann? Führt er dem Westen seine eigene moralische Heuchelei vor? (Hier das Video.

Nun kann man sagen: Aber Powell war in dem Moment subjektiv davon überzeugt, dass der Irak Massenvernichtungswaffen habe. Er hat seinen eigenen Rechtfertigungstalk immerhin geglaubt, und er hat seinen Irrtum später eingesehen, sich dafür öffentlich entschuldigt und ihn glaubwürdig bereut. Putin dagegen glaubt vermutlich nicht, was er da erzählt oder erzählen lässt. Er erzählt offen Lügen.

Aber haben systemische Therapeuten nicht immer schon auf den interessanten kulturellen Unterschied hingewiesen, dass Amerikaner:innen, wenn sie nicht mit ihrem Partner:in ausgehen oder Sex haben wollen, Kopfschmerzen haben, während Russ:innen in dieser Lage Kopfschmerzen vortäuschen? Und haben sie nicht immer die russische Strategie ihren Klient:innen empfohlen oder ansuggeriert, um ihnen mehr Freiheit in der Wahl ihres Verhaltens zu ermöglichen? „Margaret Mead, in describing the difference between American and Russion personalities, remarked that an American might use the excuse of having a headache to get out of going to a party but the Russian would actually have the headache.” (Paul Watzlawick/ Janet H. Beavin/ Don D. Jackson, Pragmatics of Human Communication, New York: Norton 1967, S. 79) Dieser Unterschied im Verhältnis zu eigenen Symptomen und eigenen Wahlmöglichkeiten ist in der systemischem Literatur später öfter aufgegriffen und weitergetragen worden, nicht unbedingt als interkultureller Unterschied, aber als Unterschied zwischen mehr oder weniger selbstwirksamkeitsförderlichen, gesünderen oder ungesünderen Selbstverhältnissen.

Nur zur Klarstellung: Ich bin nicht für Putin in diesem Krieg. (Und wer meine Blogs der letzten vier Wochen gelesen hat, wird mir das auch glauben.) Aber ich glaube, dass die westliche Öffentlichkeit sich in ein zu einfaches Narrativ, eine zu einfache Gut/Böse-Verteilung hineinfallen lässt. Wenn wir an anderen Menschen allzu simple Gut/Böse-Schemata wahrnehmen, finden wir das unterkomplex und wenig hilfreich. Hier fallen wir selbst hinein.

Ich glaube, dass die NATO Fehler gemacht hat bei der Ost-Erweiterung und dem Hinweggehen über russische Sicherheitsinteressen. Das sagt nicht nur Chomsky, das sagt eine ganze Reihe von namhaften Politikwissenschaftlern, Diplomaten und Sicherheitsexperten.

Ich glaube, dass die harte Linie gegenüber Putin und der oft zitierte Hitler-Appeasement-Vergleich nicht angebracht sind. Ja, es ist nicht ganz auszuschließen, dass Putin ein zweiter Hitler wird und wir uns in einem Jahr im Dritten Weltkrieg befinden. Aber die entscheidende Frage an diesem Punkt ist, genau deshalb!: Was können wir tun, um das zu verhindern? Und hier gilt, um noch einmal eine systemische Weisheit zu zitieren: Wenn wir jemanden als den nächsten Hitler behandeln, steigern wir die Wahrscheinlichkeit, dass er einer wird. Versuchen wir lieber die andere Strategie.

Ich glaube, dass man Putin als einen vernünftigen Menschen behandeln und ihm einen akzeptablen Ausgang aus diesem Krieg ermöglichen muss.

Ich glaube, dass die Drohung mit Kriegsverbrecherprozessen dafür nicht hilfreich ist. Wer hat Bush und Powell und all die amerikanischen Kommandanten, die Drohnenangriffe auf zivile afghanische Ziele befohlen haben, vor Kriegsverbrechergerichte gebracht? Natürlich sind das Kriegsverbrechen, die Putin da begeht. Schreckliche, gezielt begangene, entsetzliches Leid verursachende Kriegsverbrechen, die man schon am Fernsehbildschirm in gemütlicher westlicher Sicherheit kaum aushalten kann. Aber Kriegsverbrechen sind in der Welt viele begangen worden, und der Ruf nach Kriegsverbrecherprozessen ist so selektiv, wie zum Beispiel Putins Gerichtsprozesse gegen Chodorkowskij selektiv waren, und das heißt: eine politische Waffe und kein neutrales Rechtsinstrument. Erst wenn Kriegsverbrecherprozesse politisch neutral und flächendeckend geführt werden, ist es unschädlich, während eines laufenden Krieges darauf hinzuweisen. (Zur Selektivität der Einsetzung von Rechtsinstrumenten und zur schleichenden „Ent-Rechtlichung“, die das bedeutet, siehe: Barbara Kuchler, Symbiosen von Recht und Korruption, in: Martina Löw (Hg.), Vielfalt und Zusammenhalt, Campus 2014. – Text bei Autorin erhältlich.)

Ich glaube, dass im Moment – gerade wenn wir mit den Ukrainern solidarisch sein wollen, und zwar mit der Masse der ukrainischen Bevölkerung und nicht mit ihrem heldenhaften Präsidenten – das Überleben, die De-Eskalation, die Verhinderung menschlichen Leids und die Verhinderung eines Tiefer-Einfressen dieses Krieges nach oben stellen müssen.

Oder, um Chomsky zu zitieren: Während des Vietnamkriegs waren manche linksgesonnne Amerikaner so empört über die Kriegführung ihrer eigenen Regierung und so solidarisiert mit den (Süd-)Vietnamesen, „dass sie meinten, nur eine gewaltsame Reaktion wäre eine angemessene Antwort auf die sich entfaltenden Ungeheuerlichkeiten: Einschlagen von Fensterscheiben auf der Main Street, Bombardierung eines ROTC-Zentrums. Alles andere käme einer Komplizenschaft bei schrecklichen Verbrechen gleich. Die Vietnamesen sahen das ganz anders. Sie lehnten alle derartigen Maßnahmen entschieden ab. … Sie interessierten sich nicht dafür, was den amerikanischen Kriegsgegner:innen ein Gefühl von Rechtschaffenheit und Ehrenhaftigkeit gab. Sie wollten überleben.“

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5 Kommentare zu „Perspektivwechsel

  1. Erstens, Kuba hat nie um die Mitgliedschaft im Warschauer Pakt gebeten!! Deshalb hatte J.F.K. auch keine Veranlassung sich darüber Gedanken zu machen was er von so einem Ansinnen hielt! Hier hinkt der Vergleich bzw. Ist für die Tonne.
    Bei der „Kubakrise“ ging es um die Stationierung russischer Mittelstreckenraketen, welche als Kernwaffenträger hätten dienen können. Das fände Putin auch nicht Klasse! Und es ist „nichts“ passiert! (Ein russisches Atom-U-Boot hat wohl gelitten, aber ohne Fremdeinwirkung)

    Mit dem Irak und den USA mag stimmen. Nur, geben Sie mir 1 Stunde und einen Chemiebaukasten und ich habe eine Chemiewaffe und geben sie mir eine weitere Stunde und sie werden nichts mehr davon finden. Will sagen, nur weil man nichts gefunden hat, heißt es nicht zwangsläufig das auch nichts da war. Zum Thema Chemiewaffen, wenn wir da schon sind, Herr Putin hat den Einsatz in Syrien durch seinen Kumpel Baschar toleriert, oder?
    Und noch was, Herr Putin buddelt die Chemiewaffen und Biowaffen Mär jetzt aus, wo es unrund läuft für Ihn. Den Krieg hat er aus ganz anderen Gründen bzw mit anderen Ausreden angefangen.

    Und am Ende, ihre Seite heißt Familienklatsch, dann haben sie sicher eine Lösung für folgendes Problem.
    Der Sandkastentyrann hat alle Kinder aus dem Sandkasten vertrieben nachdem er ihnen das Spielzeug abgeknöpft hat und alles Gebaute zerstört. Jeder neue Anlauf den Sandkasten zu betreten wird von ihm mit entsprechenden Gesten und Andeutungen abgewehrt. Wie bekommen Sie den Tyrann aus dem Sandkasten?
    Ja, Putin ist kein Kind. Aber dann habe ich noch ne Frage, wann haben sie sich das letzte Mal beim Sitzen mit 2 Händen am Tisch festgehalten (über lange Zeit- während der ganzen Fernsehansprache). Mir persönlich ist das noch nicht passiert, es sei denn ich hatte einen „Filmriss“ und kann mich nicht daran erinnern.
    Also ich bin mir nicht sicher ob Herr Putin noch Herr seiner Sinne ist.

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  2. Ach, bevor ich es vergesse oder sie:
    „Wie die UNMOVIC in ihrem Bericht von 2006 feststellte, hatte das Chemiewaffenprogramm des Irak bis zum Jahre 1991 insgesamt 3859 Tonnen chemischer Kampfstoffe produziert, von denen 3315 Tonnen aufmunitioniert wurden. Damit konnten 130.000 Sprengkörper hergestellt werden; bis 1988 wurden über 101.000 Sprengkörper (Fliegerbomben, Artilleriemunition und Raketensprengköpfe) verschossen.[1] Saddam Hussein setzte chemische Kampfstoffe im Ersten Golfkrieg (1980–1988) nicht nur gegen den Iran ein, sondern auch gegen die im Nordirak lebenden Kurden, vor allem im Jahr 1988 während der sogenannten Anfal-Operation.“ ( Zu finden bei Wikipedia Schlagwort:“Giftgasangriff auf Halabdscha“ hier starben laut HumanRightsWatch mindestens 3200 Menschen an Saddam’s Giftgas, also in der Hinsicht traf es nicht den Falschen beim Irak-Krieg 2003. Allerdings traf es viel zuviele die mit dem Ganzen nichts zu tun hatten und tatsächlich unschuldig waren!
    Also der Teil des Vergleiches hinkt auch.

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  3. Die Stationierung von Raketen auf Kuba erfolgte nach der Stationierung US amerikanischer Raketen in der Türkei. Das wird immer gern vergessen.

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  4. Ja, aber bestätigt das nicht meinen Punkt? Großmächte werden nervös, wenn militärische Bedrohungen zu nah an ihrer Grenze aufgebaut werden. Das gilt auch für die SU.

    Das eigentlich Interessante daran ist: Als die Russen verlangt haben, dass die Amerikaner ihre Raketen aus der Türkei wieder abziehen, haben die Amerikaner gesagt: „Das können wir nicht machen, weil das nach Schwäche aussehen würde“, und zwar obwohl sie eigentlich schon vorher beschlossen hatten, die Raketen dort wieder abzuziehen. Es ging also nicht um die Raketen, sondern um die symbolische Wirkung in einem Drohspiel, die sie hatten oder die sie hätten, wenn sie, nach einer entsprechenden Forderung der Gegenseite, abgezogen würden. (Hab ich mal gelesen, könnte ich aber nicht mehr belegen.)

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  5. Stimmt soweit, die USA haben Ihre Atomwaffen aus der Türkei im Gegenzug zurückgezogen und hätten es auch von allein getan.
    Aber der Punkt ist, die USA hat der SU gedroht und gesagt warum und was sie wollen. Die Russen sind in diesem Fall einfach in die Ukraine eingefallen obwohl im Moment nichts auf dem Weg war in Bezug auf NATO Beitritt. 2014 war auch keine Aktivität in Bezug auf NATO Beitritt.

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